Experten-Interview: Jobsuche ab 40

Frauen, die sich ab Mitte 40 beruflich neu orientieren wollen oder müssen, fragen sich oft verunsichert: Will mich überhaupt noch jemand? Expertin Inge Hannemann macht Mut und sagt, wie man seine Chancen auf dem Arbeitsmarkt verbessert.

Interview mit Arbeitsmarkt-Expertin Inge Hannemann

Jobsuche mit Mitte 40? Inge Hannemann macht Mut!

Sie kann jederzeit hochkommen, verunsichert einen, meldet sich mit nagender Hartnäckigkeit, vor allem in schwierigen Zeiten wie diesen – und ab einem bestimmten Alter. Die Frage: Will mich denn überhaupt noch einer im Job? Inge Hannemann hat in einem Hamburger Jobcenter jahrelang Frauen, die nicht mehr wussten, was sie wirklich draufhaben, fit für den Neustart im Beruf gemacht. Die Autorin („Die Hartz-IV-Diktatur“) weiß, worauf es dabei ankommt.

DONNA: Frau Hannemann, was haben Sie in Ihren Jahren im Jobcenter über Frauen gelernt?
Inge Hannemann: Dass sie extrem kreativ und belastbar sind – aber leider auch oft verunsichert. Interessanterweise gerade in einem Alter, in dem man meinen sollte, man ruhe besonders in sich, vertraue auf die eigenen Kräfte. Das Problem ist aber: Viele Frauen kennen ihren Wert nicht. Sogar die, die über viele Erfahrungen verfügen und schon Tolles geleistet haben.

Warum ist das so?
Frauen haben gelernt, sich immer wieder kritisch zu hinterfragen. Männer tun das viel seltener. Dabei haben Frauen eine unwahrscheinliche Power – die man oft erst wecken muss, weil sie in monatelanger Erwerbslosigkeit verschüttgegangen ist. Oder in einem Job, an dem man nur festhält, weil man fürchtet, keinen anderen zu finden. Frauen neigen dazu, sich als Bittsteller zu fühlen, sind anfällig für Selbstzweifel. Denken schnell: „Wer will mich denn noch? Ich bin ja gar nicht mehr vermittelbar ...“

Und dem ist nicht so?
Absolut nicht. Aber natürlich ist es zunächst nicht leicht, diese Zuversicht zu haben. Gerade wenn einem etwas passiert, das man gar nicht in der Hand hat. Etwa, dass man erwerbslos wird, weil der Betrieb in Konkurs geht. Oder dass man wegen Krankheit ausfällt. Ich habe genug Fälle unverschuldeter Erwerbslosigkeit gesehen und weiß, wie schnell das geht, hatte selber mal ein Burnout. Leider reagiert die Umwelt da oft ungerecht. Dann hat man sich nicht genug reingekniet. Je länger man dem ausgesetzt ist, umso mehr stellt man sich infrage.

Wie entkommt man dem?
Man muss sich auf seine Erfahrungen besinnen – genau das sind ja die Stärken, die man im Laufe der Zeit gewinnt. Die muss man sich vergegenwärtigen. Hat man ein falsches Bild von sich verinnerlicht, kann man auch das Gegenüber nicht von sich selbst überzeugen.

Wie verkaufe ich denn Brüche oder Auszeiten am besten?
Brüche sind auch eine Chance. Vor allem kleinere Firmen wollen oft gar nicht den perfekten linearen Lebenslauf. Man sollte schauen: Was habe ich zwischen zwei Jobs geleistet? Kurse gemacht, mich weitergebildet? Man muss sehen, dass in dieser Zeit Kenntnisse dazukommen, die einen bereichern. Woran denken Sie zum Beispiel? Viele Frauen müssen sich zwangsläufig neu organisieren und motivieren, gerade wenn sie erwerbslos sind. Ich habe als Alleinerziehende viel gelernt, war Seelsorgerin, Lehrerin, Taxifahrerin, kann gut kommunizieren, mit Gefühlen umgehen, bin eine Meisterin in Geduld geworden. Das sind Dinge, die man selbst meist geringschätzt, die aber wichtig sind. Sie waren Elternsprecherin? Dann sind Sie verantwortungs- und führungsbewusst, extrem teamfähig. Das gehört in den Lebenslauf! Gerade als Frau muss man lernen, eigene Stärken zu promoten. Machen Sie sich sichtbar!

Wie erkennt man eigene Stärken?
Am besten durch Kurse speziell für Frauen. Die gibt es in vielen Städten, in München etwa beim Verein für Fraueninteressen oder in Hamburg bei Flaks, einem Zentrum für Frauen. Auch VHS, Caritas und Diakonie bieten viel dazu an.

Was passiert da?
Es geht darum, sich bewusst zu machen, welche Ressourcen man hat und wie man die aus sich herausholt. Gerade in der Gruppe erlebt man viel Solidarität, erkennt, wohin man will. Das ist vielleicht das Wichtigste: ein Ziel vor Augen zu haben. Ich erinnere mich an eine Frau, die unbedingt nach Mallorca wollte. Es dauerte anderthalb Jahre, aber sie hat es geschafft. Ein Ziel ist ein Riesenantrieb, nicht nur nach Auszeiten, sondern auch, wenn man im Berufsleben steht und unzufrieden ist. Oder eine Kündigung droht.

So ein Ziel muss man erst mal finden!
Das geht gut in einem Visions- Coaching. Dabei malt man auf, wo man sich in fünf Jahren sieht, hängt das Bild an die Wand und zeichnet den Weg dahin auf, mitsamt allen Stolpersteinen: fehlende Sprachkenntnisse, kein Führerschein, drei Kinder zu Hause und so weiter.

Und dann?
Schaut man, wie man die Hindernisse aus dem Weg räumt: durch Sprachkurse, Kinderbetreuung, neues Zeitmanagement. Oder ein Existenzgründerseminar, Bewerbungstrainings oder einen Weiter- bildungs- oder Umschulungskurs. Wie kriege ich so was finanziert? Wenn Sie erwerbslos sind, kann Ihnen Ihr Berater im Jobcenter solche Maßnahmen genehmigen. Dazu verpflichtet ist er aber nicht. Ich empfehle, vorab selber zu recherchieren, was es alles gibt, und dann genau zu argumentieren, was Sie damit erreichen wollen.

Gibt es noch andere Zuschüsse?
Man kann nach einem Stipendium schauen, auch wenn man bereits eine Ausbildung hat – über stipendium.de oder den Europäischen Sozialfonds. Oft bieten Stiftungen interessante, kostenlose Tagesseminare an, etwa die Heinrich-Böll- Stiftung. Ich würde unbedingt teilnehmen, weil man dort einen wichtigen Austausch mit anderen hat.

Und ein Netzwerk aufbauen kann?
Genau. Zwei von drei Jobs werden so besetzt. Vielen Frauen ist nicht klar, wie wichtig das ist. Sie vergessen, dass sie bereits vernetzt sind: über Freundinnen, Nachbarn, Kollegen. Man sollte ruhig über seinen Schatten springen und fragen, ob jemand von einer Vakanz weiß – und sich auch weiterempfehlen lassen. Das ist eine erste Chance, die man danach dann gut nutzen muss.

Ist Zeitarbeit eine gute Sache?
Nur wenn man Erfahrung sammeln will. Es gibt nur wenige gute Anbieter, nicht unbedingt die großen. Gut heißt: Der Vertrag geht ein Jahr, man arbeitet nicht nach einem Zeitarbeitskonto und ganz wichtig: Die Bezahlung folgt der Qualifikation entsprechend.

Sollte man ein Praktikum anbieten?
Ja – wenn die Firma wirklich einen festen Mitarbeiter sucht. Eine Woche reicht aber aus, es geht nur ums Kennenlernen. Man weiß ja, was man fachlich kann, bringt viel Lebenserfahrung mit und Reife. Man sollte vor allem für sich selber prüfen, ob alles passt. Sich eben nicht fragen: Wollen die mich überhaupt? Sondern: Was bin ich mir wert? Das ist noch so ein Knackpunkt für viele Frauen. Aber nur wer darauf eine Antwort weiß, wirkt authentisch!

Und wenn man doch nie ankommt?
Dann muss man versuchen, immer wieder Mut zu fassen, auch wenn es frustrierend ist. Absagen wird es geben. Man darf sie nicht als persönliche Herabsetzung sehen. Viele überfrachten ihre Bewerbung auch, gelten als überqualifiziert. Man sollte dem Arbeitgeber genau den Ausschnitt von sich zeigen, der zur Stelle passt. Und wenn nichts geht: Überlegen Sie sich Alternativen. Ich rate jeder Frau zu Plan B.

Was kann das sein?
Manchmal sieht man die Möglichkeiten links und rechts vom Weg nicht. Entwickeln Sie Jobvarianten! Eine Industriekauffrau, die gut mit Menschen kann, passt vielleicht besser in eine Beratungsstelle als in den alten Betrieb. Plan B heißt auch, regelmäßig eigene Kenntnisse und Wünsche zu hinterfragen. Vielleicht Initiativbewerbungen zu schicken, obwohl Sie einen Job haben – um so den eigenen Wert zu überprüfen. Oder sich in schweren Zeiten bei der Arbeitsagentur rat- oder arbeitsuchend zu melden, um am Markt zu bleiben. So kann man bei einer drohenden Kündigung gelassener agieren.

Interview: Anette Schmiede