Judith Holofernes: „Feminismus ist für Männer wichtig“

Sängerin Judith Holofernes hat mit „Ich bin das Chaos“ ein höchst animierendes Album aufgenommen. DONNA traf die Musikerin zum Interview.

Musikerin Judith Holofernes

Judith Holofernes ist vieles. Sie war mit ihrer Band „Wir sind Helden“ die Frontfrau einer Ära, in der der deutsche Pop ein zweites Mal durchs Land rauschte – intelligent, ansteckend und rebellisch. Sie ist leidenschaftliche Musikerin, manche sagen, eine der wichtigsten überhaupt. Schriftstellerin, Mutter von zwei Kindern und verheiratet „mit einem Schlagzeuger mit großer Plattensammlung“ (O-Ton Holofernes). Ihr Mann Pola Roy spielte praktischerweise ebenfalls in der Band, die Holofernes 2012 auf Eis legte: Sie hatte „die Angst im Nacken, das Steuer zu verreißen und an die Wand zu klatschen“, wie sie der „Süddeutschen Zeitung“ sagte. Zu viele Imperative! Zu große Erwartungen! „Ich wollte nicht mehr irgendetwas für andere sein, Sängerin, Sprachrohr einer Generation. Keine Identifikation mehr mit irgendwem.“

„Ich bin das Chaos“: Solo-Album Nr. 2

Im März 2017 brachte sie ihr zweites Solo-Album mit dem Titel „Ich bin das Chaos“ heraus. Elf Songs, die gegen Weltuntergang, Verdruss und weibliche Perfektion ansingen – mit wahnsinnig komischen bis tief ins Herz gehenden Texten. Mal schrammeliger Punk, mal herrlich hochsensibles Songwriting, mal saucooler Pop. Es wird getanzt, gelacht, geweint. Wenn man der Sängerin in ihrer „Arbeitswohnung“ in Kreuzberg gegenübersteht, ist man erst mal überrascht, wie zart und jung diese Frau aussieht. Die so viel Haltung in Sachen Frauenkraft zeigt. Fast ein zerbrechliches Wesen – das in seinem riesigen pinkfarbenen Sweatshirt zu verschwinden droht. Zu einem Pferdeschwanz hat sie die Haare zusammengebunden, sonst nichts gemacht. Sie zieht die Füße noch schnell aufs Sofa hoch, um dann mit stiller Freude über das gute Leben nachzusinnen.

DONNA: Frau Holofernes, in dem Song „Oder an die Freude“ singen Sie: „Du hängst dein Herz an eine wackelnde Welt und dann wunderst du dich, dass es runterfällt. Häng dein Herz an nichts oder alles. Oder an die Freude.“ Möchten Sie uns daran erinnern, dass wir auf der Jagd nach dem Glück die Freude vergessen?
Judith Holofernes: Genau. Es geht um das aufgeschobene Lebensglück. Der Irrtum, man müsste noch ganz viel erledigen, bis das eigentliche Leben anfangen darf. Immer so weiter, bis man plötzlich in Rente geht, und es ist immer noch nicht da. Dieses Aufschieben und Feilschen. Ich komme immer wieder darauf, dass man Freude üben muss.

Wie packen Sie sie am Schopf?
Inzwischen habe ich ein paar gute Werkzeuge an der Hand: Meditieren, Tanzen, Spazierengehen, Nichtstun. Und ich meine institutionalisiertes, extremes Nichtstun.

Auch, wenn totales Chaos herrscht?
Ja. Früher hätte ich an einem angefüllten Arbeitstag meine vielleicht 40 Minuten Pause damit verdaddelt, zwischen Küche und Badezimmer zu stehen und zu denken, man könnte dies und man könnte das. Mittlerweile mache ich in so einer Pause genau: gar nichts. Auch nicht meditieren. Nur rumsitzen. Das kann manchmal sehr unangenehm sein: plötzlich still zu sitzen und zu realisieren, wie aufgewühlt man eigentlich ist.

Wie sind Sie darauf gekommen, dass Nichtstun so elementar ist?
Wie so viele andere habe auch ich einen starken preußischen Arbeitsethos, der mich ganz früh schon in die Überforderung gedrängt hat. Ich habe immer viel zu sehr auf Erwartungen von außen reagiert. Das ist ja ein bisschen eine Frauenkrankheit. Aber ich habe auch starke anarchistische Züge, einen großen Freiheitsdrang in mir. Irgendwann habe ich gelernt, mit meinen Kräften zu haushalten. Heute weiß ich, dass der Ehrgeiz zu mir gehört, dass ich wahnsinnig gerne arbeite und viel Energie habe. Die Wahrheit ist, ich funktioniere extrem gut über Begeisterung.

Was genau haben Sie dann verändert?
Ich definiere Erfolg heute anders. Ein Tag war ein erfolgreicher Tag, wenn ich tolle Sachen gemacht, mir Wünsche erfüllt habe. Ich kann jetzt schon sagen, dass mein Album erfolgreich war, obwohl es noch gar nicht veröffentlicht ist. Ich habe mit einem meiner größten Songwriting-Helden diese Platte geschrieben, eine großartige Zeit auf den Färöer-Inseln verbracht und dort auf den Tischen getanzt.

In „Charlotte Atlas“ besingen Sie eine Frau, die die Welt auf den Schultern trägt. Sind das Sie selbst?
Die meisten Frauen übernehmen zu viel Verantwortung für alles, was um sie herum passiert. Ich weiß aber, dass es für mich nicht gut ist, wenn alles von mir abhängt. Aber man kann sich nicht völlig davon lösen. Man ist ja verantwortlich, für die Familie, die Freunde, das Weltgeschehen (lacht).

Haben wir da nicht auch etwas ganz schön Verbissenes?
Ich denke eher, das ist die Kehrseite einer sehr schönen Eigenschaft. Wir Frauen haben einen viel leichteren Zugang zur Empathie. Und das liegt bestimmt nicht nur an unserer Erziehung. Einfühlungsvermögen, Verantwortungsgefühl, Gemeinschaftssinn – alles faszinierende und sehr nützliche Eigenschaften.

Trotzdem wird Empathie ja eher belächelt. Weiberkram, heißt es…
Für mich hat Empathie einen hohen Wert. Ich bin überzeugt, dass wir Menschen wesentlich verbundener sind, als wir heute gemeinhin annehmen. Und Frauen haben da eindeutig den besseren Zugang zu dieser Verbundenheit. Deshalb finde ich, dass der Feminismus gerade für Männer so wichtig ist. Denen wird in der Erziehung oft nicht gestattet, solche Gefühle zu entwickeln. Denken oft, sie sind alleine in der Welt oder sie müssten alles mit sich selber ausmachen. Und leiden darunter.

In „Die Leiden der jungen Lisa“ beschreiben Sie indes eine weibliche Figur, die im Leiden schier schwelgt.
Das gibt es ja oft, vor allem bei Frauen, dass jemand das Leiden zum Lebenskonzept erkoren hat. Die denken: Wenn ich jetzt nach acht Jahren des Leidens mit diesem Typen zusammenbleibe, dann weiß ich wenigstens, dass ich die Frau bin, die immer an der Seite dieses fürchterlichen Mannes ausharren kann. In diesem sanften Glow eines Märtyrer-Daseins kann man dann baden. Und sich sehr darin gefallen, den schrecklichen Job, den schrecklichen Chef, die schreckliche Wohnsituation oder die schreckliche Mutter zu ertragen.

Sie selbst haben mal gesagt, Sie seien eher am Glück ausgerichtet.
Meistens ja. Aber wenn ich Songs schreibe, habe ich große Lust, tief in ganz dunkle Ecken reinzugucken. Ich habe auch ein Talent zum Sehr-Traurig-Sein. Das ist, wenn nicht Berufskrankheit, auf jeden Fall Begleitsymptom: Ich bin nicht besonders dickfellig und kann schon auch an der Welt verzweifeln. Aber tendenziell bin ich der letzte Optimist, der sich kraxelnd an der Wand wieder hochzieht.

Was macht Sie traurig?
Ich kann mit Nachrichten nicht gut umgehen. Über die Abstraktion, die man als Filter dazwischenschalten muss, um das gut auszuhalten, verfüge ich nicht. Ich habe deshalb einen speziellen Umgang mit Medien für mich entwickelt: Bei Themen, die mich interessieren, beschäftige ich mich mit ihren Hintergründen. Aber Nachrichten möchte ich eigentlich nur noch sehen, wenn ich bereit bin, anschließend zwei Stunden in meinem Zimmer zu sitzen und zu heulen.

Wie kämen wir denn aus dem Weltuntergangsszenario raus?
Ich bin neuerdings auf Twitter. Mir gefällt, dass dort Leute unterwegs sind, die gute Nachrichten teilen. Zum Beispiel, dass die Kindersterblichkeit abnimmt, dass die Krebsforschung rasante Erfolge verzeichnet, dass Akkus immer langlebiger werden. Wir könnten dieses Untergangsgefühl, das wir alle haben, mal damit abgleichen, dass weltweit die Gewalt rasant zurückgeht. Wir sollten heraustreten aus diesem Narrativ, bei dem nur das Gegeneinander zählt. Ich bin überzeugt, die Ängste, denen sich viele heute so ausgesetzt fühlen, hängen stark mit einer Unverbundenheit, einem Alleinsein zusammen.

Welcher Song ist Ihnen eigentlich auf dem Album am nächsten?
„Oh Henry“ ist mit Sicherheit der Song, in dem ich am direktesten von mir selbst singe.

Er handelt von einer Frau, die ein viel zu empfindsames Herz hat.
Diesen Modus, dass man sich dauernd Sorgen macht, kenne ich gut. Man hat mir oft gesagt: Grenz dich besser ab, hol dir einen dickeren Mantel, der nicht so viel durchlässt. Ich habe aber verstanden, dass das gar nicht geht. Wenn man empfindsam ist, kann es nicht der Weg sein, sich hart zu machen. Man muss eher lernen, den Mantel so weit aufzumachen, dass die Dinge auf einen einströmen können, aber auch wieder heraus. Ich halte mittlerweile viel von dieser Form von Durchlässigkeit. So wie in den Zeilen von Hermann Hesse: „Wir sollen heiter Raum um Raum durchschreiten, an keinem wie an einer Heimat hängen.“

Und können Sie das jetzt besser?
Ich hatte neulich einen schönen Moment. Da hörte ich den Song noch einmal und plötzlich merkte ich, das Gefühl ist weg, die Sorge hat gar nicht mehr so einen Zugriff.

Sie haben vorhin das Tanzen erwähnt. Welche Rolle spielt es für Sie?
Ich tanze sehr gerne und viel. Wenn ich einen vollen Tag habe oder total verknarzt am Schreibtisch sitze, dann stehe ich auf und tanze ein Lied durch meine Wohnung. Oder ich steige aufs Trampolin. Richtig Arme oben und so!

Betrachten Sie sich als eigensinnig?
Das klingt so, als müsste man sich gegen andere Leute in Stellung bringen. Man sollte zumindest versuchen, den eigenen Besonderheiten mit einer gewissen Selbstverständlichkeit zu begegnen. Ohne in Zickigkeit zu verfallen. Man kennt ja Popstars, die das schon länger machen als ich und die dann so hart werden. Die überall weiße Dahlien, spezielles Wasser und geschnitzte Karottensticks brauchen, um sich glücklich zu fühlen.

Warum passiert so was eigentlich?
Unser Beruf geht sehr ans Herz. Deshalb entscheiden sich manche, alles kontrollieren zu wollen. Angefangen bei dem, was man noch preisgeben möchte, bis hin zum Liebesbeweis, den man zulässt. Wie eben die geschnitzte Karotte. Das wäre die Form von Eigensinn, mit der ich nicht in Berührung kommen möchte.

Auf dem Album gibt es nur ein Liebeslied, sehr melancholisch und ohne Happy End.
Ich wollte über eine Liebe schreiben, die von Anfang an ihre Sollbruchstelle hat. So etwas rührt mich. Wenn man von Anfang weiß, es wird eigentlich nichts, und doch halten beide daran fest.

Gehen wir falsch mit der Liebe um?
Ich versuche auf jeden Fall, nett zur Liebe zu sein. Ich hatte immer ein gutes Beuteschema und habe mich zu netten, aufgeräumten Typen hingezogen gefühlt. Nur in Filmen schwärme ich für Bösewichter. James Spader. Edward Norton. Oder Christian Bale. In meinem echten Leben bin ich immer ohne Abkürzung auf die guten Typen zugegangen. Und das bewährt sich.

Interview: Katja Nele Bode