1 Beruf, 3 Generationen: Bestatterinnen

Unsere Welt verändert sich rasend schnell – das merkt man auch im Job. Im letzten Teil unserer Serie werfen drei Bestatterinnen verschiedenen Alters einen Blick auf ihren Beruf und geben uns einen persönlichen Eindruck in ihren Alltag.

Bestatterin Ricci vor einem Regal mit Urnen für einen Teil der DONNA-Serie „1 Beruf, 3 Generationen“

Bestatterin Ricci, Ex-Chefin eines Bestattungsinstituts: „Ich fühle mit, ich tröste, ich kümmere mich um einen würdevollen Abschied.“

Ricci, 69, Ex-Chefin eines Bestattungsinstituts…

…war Chefin des Bestattungsinstituts Maushammer im niederbayerischen Mainburg, das heute ihre Tochter Farina führt – der Ricci als 450-Euro-Kraft noch kräftig unter die Arme greift. Der Tod ist für sie: „Nichts, was mich ängstigt.“

„Bei uns wird auch laut gelacht. ‚Oh Gott‘, höre ich dann, ‚der Vater ist noch nicht unter der Erde und ich sitze herinnen und lache!‘ ‚Ja und?‘, sage ich dann. ‚Der Vater war doch ein fröhlicher Mensch!‘ Zwei, manchmal drei Stunden dauern meine Gespräche mit den Trauernden, und kommt der Tod nach einem erfüllten, langen Leben, dann gibt’s oft Tränen und lustige Gschichten. Für die Angehörigen ist das sehr tröstlich, denn durch die Anekdoten sitzt der Verstorbene beinahe bei uns am Tisch. Und ich erfahre, was er für ein Mensch war. So kommen wir zu einer Trauerfeier, die dem Toten entspricht. Einmal haben wir ein Packerl Zigaretten mit in den Sarg gegeben, natürlich mit Zündhölzern.

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Dass ich Bestatterin bin, verdanke ich einem Zufall: Mein Mann Herbert hatte einen Radl-Laden. Im selben Haus verkaufte seine Vermieterin Särge. Noch vor wenigen Jahrzehnten gab es ja keine Full- Service-Bestattungsunternehmen. Da machte der Schreiner den Sarg, die Totenfrau richtete die Leichen und der Totengräber schaufelte das Grab.

Damals gehörte der Tod auch noch mehr zum alltäglichen Leben als heute, wurde nicht so verdrängt. Als seine Vermieterin altersbedingt aufhörte, übernahm mein Mann das Lager. Dann ging auch die Totenfrau in Rente – und wir sprangen in die Lücke. Bestatter ist in Deutschland kein geschützter Beruf. Das Handwerk lernten wir bei einem eingesessenen Unternehmen, seit 1994 wirtschaften wir allein. Ich bei den Lebenden, Herbert bei den Toten, ganz klassisch, wie es die Bestatterfamilien unserer Generation machten. Das bricht aber momentan auf. Farina, unsere Tochter, macht ja alles. Für uns wäre das nichts gewesen. Die Nähe, die es für Trauernde braucht, kann ich besser als mein Mann, und er ist wunderbar in seinem Bereich. Was ich oft höre: ‚Aber Ricci, du bist doch so ein fröhlicher Mensch! Und da bist du Bestatterin?‘ ‚Ja, eben drum‘, sage ich dann. Für schwermütige Menschen ist Bestatter nämlich nichts. Ich fühle mit, ich tröste, ich kümmere mich um einen guten, würdevollen, ja, auch schönen Abschied. Die Trauer mache ich aber nicht zu meiner Trauer.

Ich habe keine Angst vor dem Tod. Ich glaube daran, dass er nicht das Ende ist. Und ich weiß auch schon, wie ich beerdigt werden möchte. Wobei beerdigen jetzt in die Irre führt. Eine Firma in der Schweiz presst aus der Asche des Verstorbenen einen Diamant. Farina und ich mögen den Gedanken, dass sie mich nach meinem Tod bei sich trägt. Nur verlieren sollte sie mich halt nicht.“

Bestatterin Farina vor Holzsärgen für einen Teil der DONNA-Serie „1 Beruf, 3 Generationen“

Farina, Chefin eines Bestattungsinstituts: „In meinem Beruf erlebe ich tiefste Emotionen. Trauer, Liebe, Dankbarkeit.

Farina, 37, Chefin eines Bestattungsinstituts...

...ist Inhaberin des Bestattungsinstituts Maushammer, das sie von ihren Eltern übernommen hat. Sie ist rund um die Uhr erreichbar, nur in der Oper und im Urlaub bleibt das Diensthandy aus – dann übernimmt Mama Ricci. Farina arbeitet Vollzeit, was auch mal 50 Stunden pro Woche sein können, denn gestorben wird nicht nach Kalender: Manchmal gibt es in einer Woche eine Beerdigung, manchmal fünf. Der Tod ist für sie: „Ein Grund, mich selbst nicht so wichtig zu nehmen und alles, was ich tue, zu genießen. Und wenn es nur auf der Couch liegen ist.“

„Auch wenn wir ein Familienunternehmen sind: Ich bin nicht wie in dem Film ,My Girl‘ aufgewachsen, wo Daddy sein Bestattungsinstitut im Wohnhaus hat und seine Tochter die Toten im Keller fürchtet. Meine Eltern und ich lebten ein paar Orte weiter, und ich war auch schon ein Teenager, als die beiden unser Institut aufbauten. Meine erste Leiche sah ich mit 17. Das Kalte und Starre war… hm, nennen wir es gewöhnungsbedürftig. Bestatterin? Ne, mich zog es zum Fernsehen.

Ich arbeitete als Regieassistentin, später als Schnittredakteurin, etwa bei ‚Richter Alexander Hold‘, bis ich nach knapp zehn Jahren beschloss: keinen Trash mehr. Also machte ich an der Handwerkskammer eine Weiterbildung als geprüfte Bestatterin, 2010 verpachteten meine Eltern mir das Institut, fünf Jahre später übergaben sie es mir dann. Anders als die zwei, die ihre Arbeit strikt trennen, die Mama im Büro, der Papa bei den Toten, mache ich alles. Ich überführe auch Tote, kleide sie ein, trage Särge oder lasse Urnen ins Grab. Ein Unwohlsein wie mit 17 empfand ich dabei nie wieder. Verstorbene tun dir nichts, es sind eher die Lebenden, die man fürchten muss.

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In meinem Beruf erlebe ich tiefste Emotionen. Trauer, Liebe, Dankbarkeit. Ich erinnere mich an den Krebstod eines Jungen, 12 Jahre alt. Als ich ihn abholte, sagte seine Mutter zu mir: ‚Dass genau Sie gekommen sind, würde ihn freuen; er wünschte sich stets eine Freundin mit blonden Haaren.‘ Aber ich erlebe auch Wut, Bitterkeit und Streit. Da feilschen Bruder und Schwester im Trauergespräch heftigst um das Erbe, bis ich sage: ‚Jetzt beerdigen wir erst einmal die Mama.‘ Oder ich höre: ‚Was bin ich froh, dass der Papa tot ist, als ich ein Kind war, schlug er mich bis aufs Blut.‘ Manchmal ist es auch kurios. Ein Verstorbener etwa hatte verfügt, dass auf seiner Trauerfeier ‚Spiel mir das Lied vom Tod‘ läuft; das war sein Humor. Dass Beerdigungen individueller werden, ist schon ein Trend, nicht nur bei der Musik. Was auch mehr wird, sind konfessionsfreie Beisetzungen. Die waren in den Anfangsjahren meiner Eltern so selten, dass schlicht die Mama anstelle des Pfarrers sprach. Heute ginge das nicht mehr, wir arbeiten inzwischen mit drei, vier Trauerrednern, die wir auf Wunsch engagieren.

Verändert hat mich meine Arbeit nicht. Ich sehe das Glas noch immer halb voll, vielleicht mehr denn je, denn ich weiß, dass man jeden guten Moment schätzen muss. Halt, doch, eines ist anders. Seit ich Bestatterin bin, fahre ich Auto wie eine Omi. Ich habe zu viele Unfalltote gesehen, um für fünf Minuten früher am Ziel wie ein Berserker zu rasen.“

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Auszubildende Christina steht in einer Kapelle

Für Christina hat der Beruf der Bestatterin viele Facetten: „Ich bin so etwas wie ein Wedding Planner für das Ende des Leben.

Christina, 18, Auszubildende…

…macht eine Ausbildung als Bestattungsfachkraft beim Bestattungsinstitut Streidt im schwäbischen Ulm. Sie arbeitet Vollzeit, pro Woche sind das 40 Stunden. Bereitschaftsdienste übernimmt sie im zweiten Lehrjahr noch nicht. Der Tod ist für sie: „Ein Geheimnis, denn ich weiß nicht, was danach kommt.“

„Ich bin so etwas wie ein Wedding Planner für das Ende des Lebens und mit mega wenig Zeit. Das Bestattungsgesetz in Baden-Württemberg schreibt vor, dass Verstorbene innerhalb von 96 Stunden beerdigt werden müssen. Die Frist ist in jedem Bundesland anders, aber knapp ist es immer. Reden ist dann alles. Feuer- oder Erdbestattung? Ahorn, Kiefer oder Nussbaum für den Sarg? Aber Bestatter sprechen nicht nur mit Hinterbliebenen, sondern auch mit Floristen, Musikern und Pfarrern, Trauerrednern, Caterern, Druckern oder mit dem Ordnungsamt. Auf die Idee, eine Lehre als Bestatterin zu machen, kam ich durch meinen Bruder, der bei uns im Institut arbeitet. Meine Familie war damit also vertraut, von meinen Freundinnen hörte – und höre! – ich aber schon: ‚Wie hältst du das Leid aus?‘ Oder auch: ‚Uaah, Tote, das ist total gruselig!‘

Es gibt natürlich Leichen, die, ich sage mal, herausfordernder sind. Neulich beerdigten wir einen Menschen, der an seiner Drogensucht gestorben war, das war kein guter Anblick, und auch der Geruch war nicht ohne. Das aber ist die Ausnahme. Tote haben für mich nichts Gruseliges oder gar Ekliges.

Heute erst hatte ich einen meiner ‚happy moments‘. Eine ältere Dame nahm mich beiseite und sagte: ‚Danke, dass Sie die Trauerfeier meines Mannes so würdevoll gestaltet haben.‘ Das ist mega an meinem Beruf: Mache ich meine Arbeit gut, erlebe ich große Dankbarkeit. Wo sonst gibt’s so viel Wertschätzung, gerade in meinem Alter? Dass es Lebenserfahrung braucht, um Menschen in ihren schwersten Stunden gut zu begleiten, ist für mich ein Klischee. Ich sehe das als Typfrage. Ich bin auch bei meinen Freundinnen die, die für sie da ist. Und ich springe ja nicht ins kalte Wasser, sondern werde an alles rangeführt, Trauergespräche etwa mache ich noch nicht alleine, und auch wenn ich Verstorbene für ihren letzten Weg bette, ist stets ein Kollege dabei.

Eigenverantwortlich mache ich Vorsorgen. Noch vor wenigen Jahren kam kaum einer und fixierte schriftlich, wie er beigesetzt werden möchte und beglich vorab die Rechnung. Heute ist das Alltag. Ältere Menschen fürchten, die Kosten des Seniorenheims könnten an ihrem Todestag ihr Erspartes gefressen haben. Andere haben keine nahen Verwandten.

Meine Generation wird Social Media beschäftigen, es werden mehr und mehr Menschen fixieren wollen, was nach ihrem Ende mit ihrem Facebook- oder Instagram-Account geschehen soll.

Feuerbestattungen sind heute Mainstream und nicht mehr die Ausnahme. Für manche ist es eine Kostenfrage, Erdbestattungen kosten rund 500 Euro mehr. Oft gibt’s aber auch niemanden, der das Grab pflegen kann. Familien leben heute ja weit verstreut. Was ich selbst mal will, weiß ich aber noch nicht.“

Protokoll: Madlen Ottenschläger