1 Beruf, 3 Generationen: Buchhändlerinnen

Unsere Welt verändert sich rasend schnell – das merkt man auch im Job. In unserer Serie werfen drei Frauen verschiedenen Alters einen Blick auf ihren Beruf. Diesmal: Buchhändlerinnen.

Porträtfoto von Buchhändlerin Stefanie Müller in ihrem Buchcafé

Stefanie Müller, Buchcafé-Ladenbesitzerin: „Es ist faszinierend, wie gut ich Leute kenne, nur, weil ich weiß, was sie lesen.“

Stefanie Müller, 35, Buchcafé-Ladenbesitzerin…

…würde so gern mal wieder einfach nur so in einen Buchladen gehen und sich beraten lassen. Funktioniert aber nicht, sagt sie, „weil ich eh meistens alles besser weiß.“ Ihre Buchhandlung in Potsdam heißt „Viktoriagarten“.
 

„Vielleicht klingt es für manche naiv: Eine ehemalige Studentin und eine Buchhändlerin, die schon zehn Jahre für andere gearbeitet hat, haben den Traum vom eigenen Laden. Man sagt ja immer, dass so was drei bis fünf Jahre braucht, um richtig zu laufen. Aber wir hatten Glück: Schon im ersten Jahr wurden wir vom Kiez irrsinnig unterstützt. Die Leute haben uns beim Umbau gesehen, die haben richtig auf uns gewartet. Die Gegend hier wird der ‚Prenzlauer Berg von Potsdam‘ genannt, wegen der vielen jungen Familien. Die Uni ist nicht weit, also kommen auch jede Menge Akademiker zu uns. Wir kooperieren mit Kitas und Schulen um die Ecke. Überall hätten wir nicht gewagt, uns niederzulassen. Aber hier haben wir die Lücke erkannt. Wir decken einen Stadtteil ab, der nächste Buchladen ist in der Innenstadt.

Was wir – neben der großen Kinderbuchauswahl – anbieten, nenne ich mal gehobene belletristische Unterhaltung und ausgewähltes Sachbuch. Im Café kann man gern bei einem Stück Kuchen in einem Buch blättern. Gut ist, dass wir beide hier aufgewachsen sind. In einer fremden Umgebung wäre es sicher schwerergefallen, Fuß zu fassen. Der Laden muss für uns und drei Mitarbeiterinnen genügend abwerfen. Ich arbeite fast voll, kümmere mich viel ums Büro. Es fühlt sich allerdings gar nicht nach so viel an, weil es Spaß macht.

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Viele unserer Kunden wollen wirklich beraten werden. Ich mag es, wenn sie mir Aufgaben stellen: Ein Buch für die Ferien, es soll in Island spielen und am besten noch eine Familiengeschichte – so was. Dabei helfen mir mein gutes Gedächtnis und meine Spürnase. Schwieriger wird es, wenn nur ,was Schönes, Leichtes‘ gesucht wird. Denn ich selbst liebe die dramatischen, aufwühlenden Storys. Für eine Buchhändlerin lese ich jedoch ziemlich langsam, ich bin manchmal unzufrieden mit meinem Pensum. Aber mit Vollzeitjob und zwei Kindern… Da ich wenig Bücher schaffe, wähle ich meine Lektüre sehr bewusst aus. Die Gefühle, die ich beim Lesen hatte, helfen mir beim Kundengespräch. Es ist faszinierend, wie gut ich die Interessen mancher Leute inzwischen kenne, ohne sie privat zu kennen. Nur, weil ich weiß, was sie lesen.“

Herzensbuch: Jenny Erpenbeck, „Heimsuchung“. Hat sich mir in seiner Poetik und Sachlichkeit total eingebrannt. Schöne Heimatbeschreibung.
Buch 2017: Alina Herbing, „Niemand ist bei den Kälbern“. Eine junge Autorin, ein irrer Gedankenstrom. Man lebt in der Figur.
Auf dieses Herbstbuch freue ich mich: Tristan Garcia, „Faber. Der Zerstörer“. Keine Ich-les-es-mal-weg-Geschichte. Gänsehautliteratur.

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Porträtfoto von Buchhändlerin Katharina von Uslar in ihrer Buchhandlung in Berlin Prenzlauer Berg

Katharina von Uslar, Buchladen-Mitinhaberin: „Unsere Kunden wollen sich erkannt fühlen. Sie erwarten eine Haltung.“

Katharina von Uslar, 47, Buchladen-Mitinhaberin…

…liebt ihren Laden auch deshalb: „Er ist mitten im Prenzlauer Berg und die Kunden sind im Grunde wie wir selbst. Wir können sicher sein: Was uns selbst interessiert, funktioniert.“ Ihre Buchhandlung in Berlin heißt „Uslar & Rai“.

„Bücher sind für mich ein Versprechen auf irre Welten. Ich komme eigentlich aus der Buchgestaltung, doch mich interessierten Inhalte und nicht die Frage, ob der Entwurf noch ein bisschen billiger geht. Dann kam ich auf die kühne Idee, eine Buchhandlung aufzumachen. Es bleibt kühn, würde ich sagen. Der Vorteil von Spätentschlossenen wie uns ist: Wir kennen gar nicht mehr die Amazon-freien Zeiten.

Wir haben unsere Veranstaltungen, die laufen sehr gut. Zum Beispiel die Reihe ,Lieblingsbücher von ...‘, da stellt ein Prominenter seine fünf Favoriten vor. Beim ,Debütantenball‘ lesen Schriftsteller aus ihren Erstlingen. Es ist eine Win-win-Situation: Die Autoren haben ein großes Publikum und die Besucher lernen mehrere spannende Bücher auf einmal kennen. In einem sind wir aber unerbittlich: Es gibt keine Diskussionen nach einer Lesung. Kein Mensch braucht einfach irgendeine Buchhandlung. Ein Kunde will sich erkannt fühlen, ein Buchhändler muss Mut zu einem Profil, einer Haltung haben. Viele wünschen sich, dass man ihnen die Kaufentscheidung abnimmt.

Das Leseverhalten hat sich natürlich durch das Internet verändert. Ich habe zwei Töchter, die eine liest mal ein Buch in zwei Stunden, dann wieder wochenlang nichts. Ich kenne genug verzweifelte Teenager-Eltern, die sich von mir das perfekte Buch für ihr Kind wünschen. Doch da kann man nichts erzwingen. Es gibt einfach richtige Bücher für den richtigen Zeitpunkt. Mir fällt die Entscheidung zwischen Buch und Smartphone nicht schwer. Ich mag das Internet einfach nicht. Also lese ich: abends, nachts, zwischendurch. Ich träume davon, dass unser Laden auch mal nachts offen ist, so wie manche Buchhandlungen in London. Aber die scheinen eh wie aus einer anderen Zeit. Einer Zeit, in der ein Buch noch ein Must war, über das alle diskutierten.“

Herzensbuch: Rachel Kushner, „Flammenwerfer“. Man begibt sich in ein Abenteuer, das einen erschöpft, aber erfahrener zurücklässt.
Buch 2017: Rachel Cusk, „Transit“. Alltägliche Zusammenhänge in glasklarer Sprache.
Auf dieses Herbstbuch freue ich mich: Walter Mayer, „Brot“. Ich war skeptisch, aber es spart nicht an großen Gesten – und ist überraschend, abenteuerlich und sehr gut geschrieben.

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Porträtfoto von Buchhändlerin Martina Tittel in ihrer Buchhandlung in Berlin

Martina Tittel, Buchhändlerin: „Mit noch mehr Postkarten habe ich den Umsatz verdoppelt.“

Martina Tittel, 58, Buchhändlerin…

…hat viele Wege genommen, ist aber immer wieder bei den Büchern gelandet. Jetzt, fast am Ende ihres Berufslebens, hat sie sich einen Traum erfüllt und einen alteingesessenen Buchladen gekauft, die „Nicolaische Buchhandlung“ in Berlin.

„Ich habe ,Buch‘ gelernt, aber nicht nur. Zunächst machte ich eine kaufmännische Lehre zur Handelsassistentin bei Karstadt. Lesen hat mich immer interessiert, aber Buchhändler verdienten damals schrecklich wenig. Irgendwann fragte ein Freund, der in einem Verlag arbeitete, ob ich bei ihnen im Buchladen aushelfen könnte. Ich konnte. Später habe ich bei Ikea die Buchbereiche aufgebaut. Die liefen gut, aber die Hot-Dog-Margen waren höher. Nach Stationen bei Wertheim und Montanus und Ausflügen in die Banken- und Telekommunikationsbranche kam ich 2000 als Geschäftsführerin zum Kulturkaufhaus Dussmann.

Vor zwei Jahren dachte ich mir: ,Jetzt kaufst du dir eine Buchhandlung.‘ Die älteste Berlins! Ich hab Licht reingelassen, neue Regale gestaltet, Kunst-, Psychologie-, Musik- und Theaterbücher rausgeschmissen und bei Kinderbüchern Verlage reingenommen, die Umsatz bringen. Mit den Angestellten übte ich, wie man ein Schaufenster gestaltet, sodass man einen Guck-mal-da-Effekt hat – und kein Wimmelbild. Das Postkarten-Angebot habe ich verdoppelt und damit auch den Umsatz. Wenn die Kunden erst mal drin sind, kaufen sie auch noch was anderes.

Ja, finanziell ist es eng. Aber ich glaube an mich. Der Laden hat nun die Atmosphäre, die ich wollte. Es gibt viele Stammkunden, eine bildungsbürgerliche Klientel. Die kaufen bewusst nicht im Internet. Aber das reicht nicht aus. Also verschicke ich Newsletter, verteile Flyer – und glaube fest daran, dass wir in Amplituden leben: Kann sein, dass wir derzeit die biblischen sieben schweren Jahre erleben und bald sieben gute folgen. Aber ganz sicher ist: Die nächsten zehn, 15 Jahre werden wir noch auf Papier lesen.“

Herzensbuch: Stephen Fry, „Geschichte machen“. Ein Lehrstück über, ja, Geschichte eben.
Buch 2017: Morton Brask, „Das perfekte Leben des William Sidis“. Für alle, die mehr wollen, als nur funktionieren.
Auf dieses Herbstbuch freue ich mich: den letzten Elena-Ferrante-Band. Niemand versteht es besser, so zu schreiben, als stünde man auf dem Balkon in Neapel und schaue dem Treiben zu.

Protokolle: Silke Stuck