„Mein Huren-Manifest“ von Undine de Rivière: Aus dem Leben einer Sexarbeiterin

Verrucht, subversiv und gesellschaftlich stigmatisiert – dabei ist Sexarbeit ein Beruf wie jeder andere, findet Undine de Rivière. Im Interview mit DONNA-Online spricht die „Bizarrlady“ über ihre Berufswahl, die Vorteile und Probleme der Rotlichtbranche.

Porträtfoto der Hamburger Bizarrlady und Buchautorin Undine de Rivière

Huren verkaufen ihre Seele, werden zum Anschaffen gezwungen und haben sonst keinerlei Perspektive. Mit diesen und weiteren Klischees räumt Undine de Rivière in ihrem Buch auf.

Undine de Rivière ist seit über 24 Jahren als Sexarbeiterin tätig, hat ein Buch geschrieben, einen Berufsverband mitgegründet und steht öffentlich für ihre Rechte ein – klingt nicht nach einer Frau, die Hilfe braucht. Doch genau das scheinen Politik und Gesellschaft immer noch zu glauben: Vorschriften, Verbote, Diskriminierung und Bevormundung gehören für Prostituierte zum Alltag. Dabei sind die meisten Kolleginnen wie sie: selbstbewusste Frauen, die wissen, was sie wollen. Mit ihrem Buch „Mein Huren-Manifest“ gewährt die Hamburger „Bizarrlady“ einen Blick hinter die Kulissen des ältesten Gewerbes der Welt und räumt mit dem ein oder anderen Klischee auf. Im Interview mit DONNA Online spricht Undine de Rivière über ihre Berufswahl, die Vorteile und Probleme ihrer Branche.

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DONNA-Online: Frau de Rivière, wann und wie war Ihr Erstkontakt mit dem Rotlichtmilieu?
Undine de Rivière: Anfang der Neunziger, kurz nach Beginn meines Studiums, gestand mir ein Kommilitone nach einer wilden Nacht, öfter eine Peepshow zu besuchen. Ich war neugierig und bestand darauf, dass er mich mitnahm. Dort kam ich mit der Frau an der Kasse ins Gespräch und erfuhr, dass immer wieder Aushilfen für kurzfristig anfallende Schichten gebraucht wurden. Ich ließ mir das Geschäft erklären und kam so zu meinem ersten Job als Stripperin. Der Laden war zwar ziemlich runtergekommen, aber ich habe tolle Frauen kennengelernt und als leidenschaftliche Tänzerin hatte ich großen Spaß auf der kleinen, quietschenden Drehbühne. Ich habe dort einiges über meine eigene Sexualität gelernt und konnte in den „Solo-Kabinen“ meine Grenzen hinsichtlich sexueller Dienstleistungen mit einzelnen Kunden in meinem eigenen Tempo austesten.

Wieso entschieden Sie sich nach Ihrem Physikdiplom nicht für einen „normalen“ Job?
Ich war hin- und hergerissen, da ich mir beides sehr gut vorstellen konnte. Da ein paar Monate Sexarbeit einfacher zu organisieren waren, habe ich damit angefangen – und dann hat es mich so erfüllt, dass ich dabei geblieben bin.

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Welche Aspekte sprechen denn für den Job als Sexarbeiterin?
Die Work-Life-Balance ist unschlagbar: Ich liebe die Unabhängigkeit und Flexibilität, die mir mein Beruf bringt. So bleibt mir Zeit für andere Projekte, Hobbys, Freunde und Familie. Ich habe Spaß am Sex. Und selbst wenn mich nicht jede professionelle Begegnung vollumfänglich erfüllt, nehme ich doch oft etwas für mich mit. Nicht zuletzt genieße ich das Feedback meiner Gäste, wenn sie sich angenommen und verstanden fühlen und ich das Leben meines Gegenübers bereichern konnte. In dieser Hinsicht ist Sexarbeit auch eine Art Seelsorge – im Gegensatz zu vielen sozialen Berufen aber deutlich besser bezahlt.

Was muss man mitbringen, um als Sexarbeiter/in erfolgreich zu sein?
Wichtig ist der spielerische Umgang mit Sexualität und eine wertschätzende Grundhaltung gegenüber der Kundschaft. Denn nur auf Augenhöhe können Begegnungen zustande kommen, die alle Beteiligten zufrieden zurücklassen. Natürlich sollten Sexarbeitende bestimmte Fähigkeiten beherrschen: sexuelle Techniken, gesundes, ergonomisches Arbeiten, Emotionsarbeit, Sinn für Selbstinszenierung, Marketingtechniken, aber auch professionelle Abgrenzung und Psychohygiene. Sexarbeit hat aufgrund des hohen Anteils an Emotionsarbeit auch ein hohes Burnout-Risiko. Wer die eigenen Grenzen nicht wahren kann und nicht gut auf sich Acht gibt, macht den Job nicht auf Dauer.

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Wann und aus welchem Grund haben Sie sich „geoutet“?
Als wir 2013 den Berufsverband erotische und sexuelle Dienstleistungen (BesD) gegründet haben und ich Pressesprecherin wurde, habe ich es auch denjenigen in meiner Familie erzählt, zu denen ich kaum noch Kontakt hatte. Sie sollten es nicht aus dem Fernsehen erfahren. Meine Freunde hingegen wussten es immer von Anfang an. Ich bin damit stets offen umgegangen und falls jemand ein Problem damit hatte, kam eine Freundschaft sowieso nicht in Frage. Nur in den ersten Jahren führte ich ein Doppelleben – als Studentin ist es leicht, da kaum jemand nachfragt und das Studium der berufliche Mittelpunkt ist. Sexarbeit als Hauptberuf zu verheimlichen ist sehr belastend und es ist schlimm, dass viele Kolleginnen sich aufgrund der gesellschaftlichen Stigmatisierung dazu gezwungen fühlen. Ich kenne sogar einige, die damit erpresst worden sind. Deshalb ist es so wichtig, dass wir unsere Anonymität wahren und selbst entscheiden, wem wir von unserem Beruf erzählen. Das neue „Prostituiertenschutzgesetz“ mit der behördlichen Registrierungspflicht für Sexarbeiterinnen ist datenschutzrechtlich eine Katastrophe.

Könnten Sie Ihre Position zum Prostituiertenschutzgesetz kurz beschreiben?
Das Prostituiertenschutzgesetz beschneidet unter dem Vorwand des Schutzes unsere Grundrechte. Beispielsweise dürfen die Behörden nun auch jederzeit unsere Privatwohnungen kontrollieren, wenn dort der Sexarbeit nachgegangen wird. Unser Recht auf die Unverletzlichkeit der Wohnung wird völlig ausgehebelt. Das wäre nach Gewerberecht nie möglich, beispielsweise bei einem Therapeuten, der zu Hause in seinem Arbeitszimmer Klienten empfängt. Nach EU-Recht dürfen Daten über das Sexualleben aus gutem Grund nicht gesammelt werden, aber genau das passiert nun durch die Registrierungspflicht. Das Prostituiertenschutzgesetz gehört genauso wie die Sperrbezirksverordnungen und die Landespolizeigesetze, die jederzeit anlassunabhängige Kontrollen in Bordellen erlauben, in die Tonne. Zusammen mit einigen Kolleginnen habe ich beim Bundesverfassungsgericht Beschwerde gegen das Prostituiertenschutzgesetz eingelegt. Sie wurde angenommen und wird in diesem Jahr verhandelt. Ich bin gespannt, wie es weitergeht.

Was hat sich seit Inkrafttreten des Gesetzes konkret für Sie geändert?
Ich hatte fast fünfzehn Jahre lang eine kleine Gewerbefläche, die ich auch an befreundete Kolleginnen untervermietet habe. Nach dem neuen Gesetz bräuchte ich dafür eine Bordell-Lizenz, die mir nur gewährt wird, wenn ich überprüfe, dass meine Kolleginnen alle behördlich registriert sind. Ich kann nicht einerseits eine Verfassungsbeschwerde einreichen und mich andererseits diesem gefährlichen Unsinn beugen. Daher arbeite ich jetzt wieder überwiegend allein. Besser „geschützt“ fühle ich mich dadurch ganz sicher nicht. Dieses Gesetz treibt uns in die Isolation und in die Illegalität.

Was fordern Sie also?
Durch Verbote und Vorschriften wird die Branche lediglich in den Untergrund gedrängt. Anstatt neuer Sondergesetze sollte die Sexarbeit vielmehr in das bestehende Rechtssystem eingegliedert und als Freiberuf anerkannt werden. Auch das Betreiben eines Bordells sollte ein ganz normales Gewerbe sein. Sexarbeit findet auch ohne jedes Sonderrecht nicht im rechtsfreien Raum statt: Die Arbeitsausbeutung eines Menschen ist bereits verboten und es gibt auch ein Recht auf sexuelle Selbstbestimmung. Allein deswegen dürfte niemand vom Arbeitsamt in die Sexarbeit zwangsvermittelt werden, was gerne als Gespenst an die Wand gemalt wird, wenn es darum geht, Sexarbeit mit anderen Berufen rechtlich gleichzustellen. Das Geld, das jetzt für neue Kontrollbehörden ausgegeben wird, könnte viel sinnvoller investiert werden, zum Beispiel in den Ausbau anonymer Sozial- und Gesundheitsberatungen oder in Weiterbildungs- und Professionalisierungsangebote für Sexarbeitende. Wo es diese Angebote bereits gibt, werden sie gern angenommen, aber für einen flächendeckenden Ausbau fehlt angeblich das Geld.

Wieso geht der Diskurs derart in die falsche Richtung?
Die Debatte wird viel zu emotional geführt. Obwohl Menschenhandel und Ausbeutung in der Sexarbeit nachweislich selten auftreten und die Zahlen seit Jahrzehnten rückläufig sind, werden immer wieder Prozentzahlen zur Zwangsprostitution frei erfunden. Und aufgrund dieser gefühlten Realität werden dann Gesetze erlassen, welche die Lage aller Beteiligten nur verschlechtern – entgegen der Proteste von Sexarbeiterverbänden, Beratungsstellen, Wissenschaftlern und Menschenrechtsorganisationen. Es ist völlig in Ordnung, wenn man sich bezahlten Sex mit Fremden nicht vorstellen kann, aber daraus automatisch zu schlussfolgern, dass alle Sexarbeiter/innen unter ihrem Job leiden, ist eine Fehleinschätzung. Anstatt staatlicher Kontrolle und Grundrechtsbeschneidungen sollten lieber Alternativen geschaffen werden, damit diejenigen, die wirklich aus dem Metier rauswollen, auch die Möglichkeit dazu haben.

Unzufrieden im Job? Wagen Sie den Neuanfang

Was würden Sie Feministinnen wie Alice Schwarzer gerne mitteilen?
Das Recht auf sexuelle Selbstbestimmung bedeutet, dass mir niemand vorschreiben darf, mit wem ich unter welchen Umständen welche Art von Sex habe. Wenn ich darüber selbst bestimme, muss auch akzeptiert werden, wenn zu meinen Bedingungen eine Bezahlung gehört. Wenn ein „nein“ ernst genommen werden soll, dann auch ein „ja“.

Ein letztes Wort an unsere Leserinnen? 
Sprecht miteinander und traut euch, im Bett zu experimentieren. Neues auszuprobieren kann so viel Spaß machen. Vor allem, wenn nach mehreren Beziehungsjahren die Erotik eingeschlafen ist, ist es keine Schande, sich zum Sex zu verabreden, sich vorzubereiten und schön zu machen – und zwar beide füreinander. Schlüpft in neue Rollen, bringt die Leichtigkeit zurück. Es ist nie zu spät, sich neu zu verlieben – manchmal sogar in den eigenen Partner oder die eigene Partnerin.

Spaß im Bett: So bleibt Ihr Sexleben spannend

Weitere Einblicke in die Welt der Sexarbeit gewährt Undine de Rivière in ihrem Buch „Mein Huren-Manifest“:

Cover des Buches „Mein Huren-Manifest: Inside Sex-Business“ von Undine de Rivière

Mit ihrem „Huren-Manifest“ bietet Undine de Rivière einen unverhüllten Einblick in das älteste Gewerbe der Welt, räumt mit Vorurteilen auf und appelliert an die Entkriminalisierung ihres Berufs. Erschienen im Heyne Verlag, um 15 Euro.