DONNA-Dossier „Ich versteh dich“: Bitte anmelden

Manchmal braucht es Jahre, bis wir begreifen, warum Vater, Mutter oder Kind sich genau so und nicht anders verhalten hat. Denn: In der Familie kochen Gefühle schnell mal über. Wie schön sich das wandeln kann, zeigt die Geschichte von Autor Ruben Schultz aus unserem Dossier.

Erwachsene Tochter liegt mit geschlossenen Augen lächelnd auf dem Bauch ihrer Mutter, die ihr Gesicht streichelt

Manchmal ist es schwer, die Eltern oder Kinder zu verstehen. Die Familie ist seit Jahren Thema der Arbeiten der israelischen Fotografin Elinor Carucci. Das Bild „My mother and I, 2001“ zeigt sie mit ihrer Mutter.

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Klar, dass ihm sein altes Zuhause auch nach seinem Auszug immer offen steht. Dachte sich DONNA-Autor Ruben Schultz und war erst mal fassungslos, als seine Mutter ihm erklärte, dass damit Schluss ist.

Als meine Mutter mich nach einer langen Reise am Flughafen abholte, habe ich mich erst mal richtig gefreut. Bis sie dann gleich im Auto darüber redete, wie sie unsere Mutter-Sohn-Zeit in Zukunft organisieren will. Da ich jetzt das Abi habe, ausziehe und mein Studium in einer anderen Stadt beginne, wäre es wichtig, dass ich nicht einfach so mal am Wochenende aufkreuze. Sondern bitte schön meine Besuche mit reichlich Vorlauf anmelde und frage, ob es ihr passt. Diese Keule traf mich, jüngstes von vier Kindern, unvorbereitet und katapultierte mich in die kalten Ecken des Erwachsenseins. Zu Hause ist oder war für mich schließlich der Ort, an den man immer kommen kann, mit einer Mutter, die einen stets und bedingungslos aufnimmt.

Ein paar Tage nach diesem Schock redeten wir dann. Sie erzählte mir, dass sie mit 23 Mutter geworden war (wusste ich ja eigentlich schon). Dass sie in den letzten 25 Jahren 300 Millionen Windeln gewechselt, Berge von Karotten geschnitten und viel zu viele Nächte wach gelegen hat, weil einer von uns mal wieder nicht wie geplant nach Hause kam. Dass da kaum Raum für sie und ihre Wünsche war. Und sie ab jetzt das erste Mal allein lebe – meine Eltern sind schon länger getrennt. Darauf hat sie sich offenbar schon gefreut – und eine Menge vor.

Familien-Kolumne: Ihr seid der Wahnsinn!

Das Gefühl „Ich habe die Wohnung für mich“ zu genießen, gehört dazu. Endlich mal Herrin über die eigene Zeit zu sein. Plötzlich sah ich sie als junge Frau, die nicht viel älter als ich heute war und schon Kinder hatte, sah sie als jemand mit eigenen Bedürfnissen. Und verstand, worum es ihr ging. Könnte sein, dass es sich gar nicht so schlecht anfühlt, wenn ich nächstes Mal heimkomme (natürlich angemeldet) und da ein Mensch ist, der sein neues Leben genießt.

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