DONNA-Dossier „Ich versteh dich“: Nachilfe reloaded

Manchmal braucht es Jahre, bis wir begreifen, warum Vater, Mutter oder Kind sich genau so und nicht anders verhalten hat. Denn: In der Familie kochen Gefühle schnell mal über. Wie schön sich das wandeln kann, zeigt die Geschichte von DONNA-Autorin Anne Schwarz und ihrer Tochter.

Erwachsene Tochter liegt mit geschlossenen Augen lächelnd auf dem Bauch ihrer Mutter, die ihr Gesicht streichelt

Manchmal ist es schwer, die Eltern oder Kinder zu verstehen. Die Familie ist seit Jahren Thema der Arbeiten der israelischen Fotografin Elinor Carucci. Das Bild „My mother and I, 2001“ zeigt sie mit ihrer Mutter.

Als Anne Schwarz mit ihren Töchtern Mathe paukte, war das eine kräftezehrende Geduldsprobe. Die ihr wieder einfällt, wenn sie an ihrem Smartphone verzweifelt.

Eigentlich bin ich Veranstaltungskauffrau beim kommunalen Kino. Doch ich hatte viele Jahre einen zeitintensiven Nebenjob: Ich war Nachhilfelehrerin für meine Töchter. Vielleicht lag’s am bayerischen Schulsystem, vielleicht daran, dass die Kinder in der Klasse zu den Jüngsten gehörten – Fakt war: Beide taten sich schwer. Ich nahm das irgendwie persönlich und sah es als meine oberste Mutterpflicht, sie zu unterstützen.

Ich weiß nicht, wie viele Wochenenden wir nebeneinander saßen: das Kind mit hektischen Flecken im Gesicht über Hefte gebeugt; die Mutter Frustschokolade essend und um Fassung ringend. Und während ich zum x-ten Mal erklärte, wie man nach x auflöst, spulte sich in meinem Kopf ein Trailer ab, der ungefähr so ging: „Warum muss ich das tun? Passen die in der Schule nicht auf? Ich versteh nicht, dass die das nicht kapieren! Ist doch nicht so schwer!“ Die Anspannung stieg – bis es knallte: Entweder ich lief raus. Oder das Kind. Türen knallend und brüllend: „Scheiß Schule! Scheiß Mama! Scheiß Leben!“ Es war wie ein ganz schlechter Film.

Das alles ist Jahre her. Irgendwann haben wir aufgehört, zusammen zu lernen. Die Große nimmt jetzt Kurs aufs Abitur. Sie kommt gut klar in der Welt. Und sie ist ein Digital Native. Ich nicht. Klar poste ich auf Facebook und whatsappe. Trotzdem: Immer wenn diese smarte Welt was Neues ausbrütet – Instagram, Periscope, Snapchat –, hadere ich. Frage dann meine Töchter, zweimal, dreimal: „Könnt ihr mir das noch mal zeigen?“ Wie neulich, als ich einen Film schneiden wollte. Die Sequenzen verrutschten ständig und alles war weg.

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Meine Große sah die hektischen Flecken in meinem Gesicht, sagte ungeduldig: „Mensch, Mama! Hab ich dir doch gerade erklärt. Guck mal hier…zack! Ist doch ganz einfach!“ Bei dem Wort „einfach“ wurde mein Finger noch steifer. Ich rief: „Verdammt, ich bin zu doof!“ Das Kind stutzte – und sagte etwas Bemerkenswertes: „Mama, jetzt begreife ich, wie du dich früher gefühlt hast, wenn du mit uns üben musstest.“

Ja, es ist scheußlich, wenn man etwas nicht hinkriegt, weil es neu ist. Wenn man Ungeduld spürt. Wenn man blockiert ist. Noch schlimmer ist es, wenn man klein ist und den Großen, die man liebt, zeigen will: „Schau, ich kann das, ihr könnt stolz sein auf mich.“ Und dann klappt es nicht. Hier ist mein Film übrigens zu Ende. Sie finden, er hat einen harten Schnitt? Für mich ist das ein Happy End.

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