Auch Ellenbogen kann man trainieren: Besser im Beruf und trotzdem fair

Im Job ist ein kollegiales Verhältnis wichtig für ein positives Arbeitsklima – nicht zuletzt kommt es aber auch darauf an, sich als Arbeitskraft gut zu verkaufen. In ihrer DONNA-Kolumne erklärt Diplom-Psychologin, Business/Personal Coach Beate Roland, dass sich Fairness im Job und eine vorteilhafte Selbstdarstellung nicht ausschließen müssen.

Foto mehrerer Mitarbeiter in einer Besprechung

Fair zu Ihren Kollegen und dennoch gut in Ihrem Job positioniert? DONNA-Expertin Beate Roland erklärt, wie dies gelingt.

Wie Sie sich im Beruf besser darstellen und dabei doch fair bleiben

Ingrid ist 50 Jahre alt, hat keine Kinder und lebt in einer manchmal etwas anstrengenden Beziehung mit einem vier Jahre jüngeren Mann. Sie arbeitet seit einigen Jahren als Gruppenleiterin in einem Logistik-Unternehmen mit einem eher männlichen Umfeld. Intern wurde die Stelle eines Abteilungsleiters ausgeschrieben. Ingrid bewirbt sich auf die Stelle. Sie traut sich die nächsthöhere Position voll und ganz zu, da ihr der Umgang mit Menschen große Freude bereitet. Allerdings bewerben sich auch zwei ihrer männlichen Kollegen – auch beide Gruppenleiter – auf diese Stelle. Ingrid denkt, dass sie die Stelle verdient hat, da sie das bessere Händchen für Menschen hat. Sie ist stolz darauf, dass die Leistung in ihrer Gruppe objektiv besser ist als in den Gruppen der Mitbewerber. Ingrid muss jedoch leider sehr schnell feststellen, dass sich nach ihrer Bewerbung das Verhältnis zu ihren beiden Kollegen verschlechtert. Diese setzen – von jetzt auf gleich – sowohl untereinander als auch ihr gegenüber die Ellenbogen ein, um den begehrten Posten zu bekommen. Sie mauern, treiben Machtspielchen, lassen einander auflaufen – das komplette Programm. Ingrid möchte sich nicht unkollegial verhalten, weiß aber nicht, wie sie sich am besten gegen ihre beiden Mitbewerber durchsetzen kann.

In dieser Situation kam Ingrid zu mir. Ingrid möchte von mir wissen, was sie tun muss, um sich gegen ihre Mitbewerber durchzusetzen. „Ich wüsste nicht, wie ich hier Ellenbogen zeigen sollte und ehrlich gesagt habe ich auch gar keine Lust dazu. Das ist nicht mein Stil, ich möchte mit meiner Leistung punkten“. Ingrid hat recht. Das muss sie auch nicht, Ingrid hat andere Möglichkeiten. Ich ermutige sie: „Man muss nicht immer offen kämpfen! Das Trump-Prinzip („Haust Du mir einen rein, haue ich doppelt zurück“) kann gerne der Männerwelt vorbehalten bleiben. Wir Frauen haben die Möglichkeit, anders zu agieren.“ Ich rate Ingrid, nicht auf das Kampfschema ihrer Kollegen einzugehen, sondern die Klaviatur aus Achtsamkeit, Wertschätzung, Charme und Witz zu spielen, mit einer Prise Leichtigkeit. Wir gehen zusammen durch, was das konkret bedeuten könnte und Ingrid entwickelt einige Ideen: „Ich könnte ihn freundlich anlächeln, wenn er das Gegenteil von mir erwartet.“ Ich sage, dass es wichtig ist, ihm dabei direkt in die Augen zu schauen, das verunsichert mächtig. Eine weitere Idee ist, sich nicht anmerken zulassen, wenn man getroffen ist. Ingrid meint, wenn es ihr gelingen würde, sich dabei nicht vom Affekt leiten zu lassen, wäre sie schon einen Schritt weiter. Ich erkläre ihr, dass es wichtig ist es, auf den richtigen Zeitpunkt und die Bühne für eigene Aktionen zu warten. Dabei ist es klug, sich bestimmte Sätze schon vorab zurechtzulegen.

Und jetzt kommen wir zum vielleicht wichtigsten Punkt: dem Chef selbst! Schließlich ist er es, der über die Vergabe der Stelle entscheidet. Ich frage Ingrid, worauf ihr Chef am meisten Wert legt. Ingrid überlegt etwas und meint dann – nachdem sie die üblichen Tugenden wie Zuverlässigkeit, Schnelligkeit, Eigeninitiative erwähnt hat –, dass ihr Chef besonders auf „schlaue“ Statistiken und Auswertungen abfahre, die sowohl Korrelationen mit bestimmten Parametern als auch Zeitreihen berücksichtigen. Sie nennt es „seine Marotte“. „Aus Zeitgründen liefern so ziemlich alle in der Firma nur die Basisauswertung, mehr ist eigentlich kaum zu schaffen“, so ihr Fazit. Ich rate Ingrid dazu, diese Mühe bei der nächsten wichtigen Auswertung auf sich zu nehmen und die Ergebnisse entsprechend zu präsentieren, um sich dadurch von den Leistungen der Mitbewerber abzugrenzen. Ingrid erzählte mir einige Wochen später, dass sie diesem Rat gefolgt sei und ihren Chef mit einigen Auswertungen erkennbar beeindruckt habe. Allein der Abteilungsleiterposten ging an den einen Kollegen, der eine längere Firmenzugehörigkeit vorzuweisen hatte. Aber die Gruppe dieses Kollegen wurde im Zuge einer Rationalisierung aufgelöst und überwiegend Ingrids Gruppe zugeteilt, so dass Ingrid damit die Leiterin der größten Gruppe innerhalb der Firma wurde, was sich auch finanziell positiv auswirkte.

Extra-Tipp: Man muss nicht immer das ganz große Ziel anpeilen. Manchmal ist es klüger, das große Ziel in Zwischenziele zu unterteilen, weil man damit eine größere Chance hat, voranzukommen. Ingrid sagte mir, sie würde sich bei nächster Gelegenheit sofort wieder bewerben, schließlich leite sie die größte Gruppe und somit sollte sie jetzt doch gute Chancen haben. Sollte das nicht gelingen, wäre es für sie ein Grund, sich woanders nach einer geeigneten Position umzusehen.

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