Finanzberatung für Frauen: Warum wir in Sachen Geld anders ticken

Seit 25 Jahren berät Barbara Rojahn Frauen zu Themen wie Geldanlage, Vermögensplanung und Altersvorsorge. Ihr Ziel: Kundinnen jeder Altersklasse zu mehr finanzieller Unabhängigkeit und Selbstbewusstsein verhelfen. Im Interview mit DONNA Online klärt die Unternehmerin, wie es zu dieser Geschäftsidee kam – und ob an dem Vorurteil, dass Frauen nicht mit Geld umgehen können, wirklich etwas dran ist.

Porträtfoto von Frauenfinanzberaterin Barbara Rojahn

Nach der Geburt ihrer drei Kinder fasste Barbara Rojahn den Entschluss, mit einer Finanzberatung speziell für Frauen den Schritt in die Selbstständigkeit zu wagen. Heute umfasst ihre Kundenkartei über 1000 Frauen jeder Altersgruppe.

Finanzielle Lebensplanung, Altersabsicherung, Vermögensanlagen: Solche Geldangelegenheiten waren eine absolute Männerdomäne, als sich Barbara Rojahn Anfang der 90er-Jahre als Finanzberaterin in Braunschweig selbstständig machte. Ein Vierteljahrhundert später residiert die gebürtige Niedersächsin mit ihrer „FrauenFinanzBeratung“ in der Stuttgarter Innenstadt – und auch ansonsten hat sich einiges getan: Mittlerweile hat Rojahn ein Team von elf Mitarbeiterinnen aufgebaut, das die Beratungen übernimmt. Sie selbst hat sich inzwischen auf Spezialthemen wie Schenkungen, Erbschaften, Scheidungen, Weiterbildung und Vorträge spezialisiert. Die Bilanz nach 25 Jahren Finanzberatung für Frauen: über 10 000 Einzelgespräche und eine Kartei, die mehr als 1000 Kundinnen im Alter von 18 bis 90 Jahren umfasst. Daneben gründete die dreifache Mutter fünf Aktienclubs für Frauen und engagiert sich für die Fondsfrauen – eine Initiative von Frauen für Frauen, die Finanzberaterinnen auf dem Weg in die Selbstständigkeit unterstützt.

DONNA Online traf die Unternehmensgründerin und Expertin in Sachen Geld zum Interview um herauszufinden, warum eine Finanzberatung speziell für Frauen Sinn macht – und um mit einigen gängigen (Geld-)Klischees aufzuräumen.

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DONNA Online: Warum macht eine Finanzberatung von Frauen für Frauen Sinn, Frau Rojahn?
Barbara Rojahn: Weil wir als Frauen in der Regel anders beraten als die meisten männlichen Kollegen. Viele Frauen möchten keine komplexen Charts sehen oder Fachchinesisch hören. Sie wünschen sich eine Beratung, die auf ihre individuellen Bedürfnisse und Ziele eingeht. Natürlich können Männer dies genauso gut leisten wie Frauen. Aber wir Frauen verstehen die weibliche Lebenssituation und ihren Lebensweg deutlich besser. Das macht den großen Unterschied. Nach einer Beratung erwarten Frauen individuelle persönliche Lösungen und Angebote zum Aussuchen. Standardlösungen sind nicht gefragt.
 
Wie kam es dazu, dass Sie sich vor 25 Jahren mit Ihrer Finanzberatung selbstständig machten – und was waren für Sie persönlich die größten Meilensteine Ihres Unternehmens?
Ich wollte auf jeden Fall mein eigenes Geld verdienen. Dabei war mir klar, dass ich als Teilzeitbeschäftigte mit drei kleinen Kindern niemals Karriere machen würde. Außerdem hatte ich viel Power und wollte mein Studium sowie meine bisherige Berufserfahrung nutzen. Hinzu kam, dass mich viele Menschen bezüglich Finanzen immer wieder um Rat fragten. Nach einer entsprechenden Prüfung bei der IHK machte ich mich als Finanzberaterin selbstständig.

Mein Meilenstein war vor allem die Entscheidung für die Beratung von Frauen. Als Erfolg zählt für mich auch der gelungene Balanceakt zwischen Beruf und Familie mit Kindern sowie die Entwicklung von einem Ein-Frau-Betrieb im Homeoffice in 25 Jahren zu einem Unternehmen mit insgesamt elf Mitarbeiterinnen in der Stuttgarter Innenstadt.
 
Welche Frauen lassen sich von Ihnen und Ihren Kolleginnen beraten? Und mit welchen finanziellen Fragen oder Problemen kommen die Kundinnen am häufigsten zu Ihnen?

Zu uns kommen Frauen jeden Alters, von der Auszubildenden bis hin zur 90-Jährigen. Wir haben deshalb auch Beraterinnen aus verschiedenen Altersgruppen. 80 Prozent unserer Kundinnen sind Akademikerinnen. Sie kümmern sich eher um ihr Geld und kennen vielleicht auch schon von zu Hause, dass sie mit dem Thema Finanzen proaktiver umgehen möchten als ihre Mütter.

In den letzten Jahren lassen sich deutlich mehr jüngere Frauen beraten, Frauen mit guter Ausbildung und entsprechendem Verdienst. Vor 25 Jahren war das selten. Am meisten freuen wir uns, wenn junge Paare kommen, um gemeinsam über ihre Finanzen zu sprechen. Unsere Kundinnen stehen zwar in unterschiedlichen Lebensphasen, aber alle haben ein gemeinsames Anliegen: Sie möchten bestimmte Finanzthemen verstehen und in der Lage sein, diese selbst zu beurteilen und zu entscheiden. Sie wünschen sich eine anspruchsvolle, individuelle Beratung.

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Häufig überlassen Frauen Themen wie Altersvorsorge, Geldanlage oder größere Investitionen ihrem Partner. Woher kommt diese ablehnende Haltung gegenüber finanziellen Dingen?
Die Abneigung kommt oft aus der Erfahrung in der Kindheit: Der Vater managte die Finanzen und die Mutter bekam das Haushaltsgeld. Manche Frauen glauben tatsächlich noch, dass Männer das besser können. Aber glücklicherweise haben viele inzwischen verstanden, dass sie sich selbst um ihr Geld kümmern müssen und dieses Thema weder Partner noch Eltern oder Bruder überlassen wollen. Wir setzen uns sehr für die Finanzbildung von Frauen und ihre finanzielle Selbständigkeit ein.

Ist an der Unterstellung, dass Frauen nicht mit Geld umgehen können, aus Ihrer Sicht etwas dran?
Nein, in der Regel nicht. Sie können das genauso gut oder schlecht wie Männer. Wichtig ist, dass Frauen ein Verhältnis zu Geld und Finanzen bekommen und bereit sind, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen.

Was sind Ihrer Meinung nach die häufigsten Fehler, die Frauen beim Umgang mit Geld machen?
Da fallen mir einige Dinge ein: Frauen werden oft so erzogen, dass Männer besser Geld anlegen können als sie selbst. Deshalb geben sie ihre Finanzen in die Hände des Partners, Vaters oder Bruders. Das ist ein großer Fehler, denn sie können das selbst genauso gut. Sie müssen nur bereit sein, sich damit zu beschäftigen.

Bedingt durch Kindererziehung arbeiten viele Frauen einige Jahre gar nicht oder danach nur in Teilzeit, ohne einen Ausgleich aus dem Familieneinkommen in die private Altersvorsorge zu erhalten. Wenn Frauen für einen längeren Zeitraum nicht arbeiten, ist es aus mit der Karriere und der Chance, noch richtig Geld zu verdienen. Vor allem junge Frauen stecken außerdem zu viel Geld in Konsum, statt schon mal einen bestimmten Beitrag in die Altersvorsorge einzuzahlen. Optimal wäre es, dabei auch die staatliche Förderung zu nutzen.

Und last but not least: Frauen sollten von Anfang an mit ihrem Partner über Geld, Einkommen und die Aufteilung der Ausgaben entsprechend ihres Einkommens sprechen. Jeder sollte wissen, was der andere verdient.

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Ist finanzielle Unabhängigkeit für Frauen ein Muss? Schließlich fühlen sich viele Frauen durch das Einkommen ihres Partners sowie gemeinsame Anlage- und Altersvorsorgemaßnahmen finanziell ausreichend abgesichert.

Finanzielle Unabhängigkeit bedeutet, dass Frauen sich mit dem Thema Geld und finanzieller Absicherung erst einmal beschäftigen. Im zweiten Schritt sollte auch in einer Partnerschaft die Frau neben dem Haushaltsgeld über eigenes Geld verfügen und später eine ausreichende Rente haben. Sollte sie wegen der Erziehung von Kindern lange Zeit gar nicht oder in Teilzeit arbeiten, muss die Altersvorsorge für die Frau aus dem Familieneinkommen angespart werden. Wenn Frauen sich nicht um ihre Finanzen kümmern, folgt spätestens bei einer Scheidung oder beim Tod des Partners das böse Erwachen.

Dass das Interesse von Frauen an finanzieller Selbstständigkeit zu wachsen scheint, macht sich auch durch das zunehmende Angebot an Blogs und Ratgeberliteratur zu diesem Thema bemerkbar. Zeichnet sich dieser Trend auch in Ihrem Unternehmen ab?
Blogs und Ratgeberliteratur sind eine gute Möglichkeit, sich schon mal vorab über die Themen Finanzen und Absicherung zu informieren. Das ersetzt aber nicht die persönliche Beratung. Denn eins ist klar: Jede Frau hat individuelle Wünsche und Bedürfnisse, bestimmte Ziele und eine unterschiedliche Bereitschaft, Risiken einzugehen. Welche Lösung zu ihr passt, das findet sie nicht in einem Buch oder im Internet heraus, sondern nur in einer persönlichen Beratung.