Das Rushing Women Syndrom: Dr. Libby Weaver im Interview

Dr. Libby Weaver befasst sich in ihrem Buch „Das Rushing Woman Syndrom“ mit dem modernen Phänomen der dauergestressten Frau. Im Interview spricht die australische Autorin und Ernährungswissenschaftlerin über Wege, wie wir Stress reduzieren können und erklärt, warum die meisten Diäten keinen dauerhaften Effekt bringen.

Die australische Bestseller-Autorin und Ernährungswissenschaftlerin Dr. Libby Weaver

Die australische Autorin Dr. Libby Weaver ist Ernährungswissenschaftlerin und verhalf auch schon Promis wie Schauspieler Hugh Jackman zu einer gesünderen Lebensweise.

Neben technischen Fortschritten und individuellen Freiheiten bringt das moderne Leben auch Nachteile mit sich. Insbesondere Frauen kämpfen häufig mit den ihnen auferlegten Lasten – sie wollen die perfekte Ehefrau und Mutter sein, zugleich eine erfolgreiche Karriere führen und sich über eine gute Gesundheit freuen. Die australische Bestseller-Autorin und Ernährungswissenschaftlerin Dr. Libby Weaver nennt diese Erscheinung das „Rushing Woman Syndrom“, das sie in ihrem gleichnamigen Buch analysiert.

Burnout: Anzeichen erkennen und sinnvoll vorbeugen.

Im Interview spricht die Ernährungsexpertin über Wege, wie Frauen mit der Dauerbelastung durch Familie und Job im Alltag umgehen können und gibt Tipps für eine ausgewogene, befriedigende Ernährung. Weitere Ratschläge von Dr. Libby Weaver zu den Themen Leben, Ernährung und Gesundheit finden Sie bei der Online-Kampagne „Weil es mir gut tut“ des Literaturmagazins buchszene.de.

DONNA Online: Dr. Libby, Sie schreiben über das „Rushing Woman Syndrom“. Wie sind Sie auf dieses Phänomen gestoßen?
Dr. Libby Weaver: Das „Rushing Woman Syndrom“ ist das Ergebnis meiner Beobachtungen. Mir ist aufgefallen, dass sich die Lebensgewohnheiten von Frauen verändert haben und dadurch auch ihre Gesundheit. Wie zu keiner anderen Zeit jemals zuvor, versuchen heute viele Frauen so schnell wie möglich alles für jeden zu tun. Dadurch sind die Reproduktionssysteme und Geschlechtshormone vieler Frauen unter Druck geraten.

Wie sehen die Symptome des „Rushing Woman Syndroms“ aus?
Eine „Rushing Woman“ ist wie aufgezogen und rennt wie ein Hamster im Rad, um ihren täglichen Kampf zu meistern. Sie hat selten das Gefühl zu gewinnen und gibt immer mehr und mehr. Gleichzeitig hat sie das Gefühl, es sei nicht genug. Sie ist überfordert und manchmal glaubt sie, es nicht zu schaffen. Eine Rushing Woman tendiert unter Umständen dazu, zu viel Kaffee zu trinken, sie hat vielleicht Probleme mit ihrer Periode oder leidet unter einem schlechten Kurzzeitgedächtnis.

Leiden Sie unter Gedächtnisproblemen? Gedächtnisweltmeisterin Christiane Stenger Tipps.

Wie konnte es dazu kommen, dass so viele Frauen vom „Rushing Woman Syndrom“ betroffen sind?
Das liegt unter anderem daran, dass es seit einiger Zeit selbstverständlich ist, dass die meisten Frauen mittlerweile berufstätig sind, gleichzeitig aber was die Hausarbeit angeht kein bisschen entlastet werden. Diese Doppelbelastung kann krank machen.

Warum machen Frauen das mit?
Das kommt von einem eigentlich sehr schönen Wunsch: Wir kümmern uns gerne um die Menschen um uns herum. Aber die tieferen Gründe liegen weiter zurück, sie sind Teil einer alten Geschichte. In dieser Geschichte, die wir über uns selbst erzählen, heißt es, wir seien nicht gut genug, so wie wir sind. Wir seien nicht schlank genug, schön genug, schlau genug, nicht modisch genug. Und so verbringen wir viel Lebenszeit damit, andere glücklich zu machen und stellen deren Bedürfnisse über unsere eigenen.

„Nicht schlank genug“ ist ein gutes Stichwort: Sie raten von Diäten ab. Gleichzeitig sollen wir unser Körperfett zum Schmelzen bringen. Wie passt das zusammen?
Die Kaloriengleichung „weniger essen, mehr bewegen“, die wir unser Leben lang gehört haben, ist veraltet. Sie vernachlässigt all die Dinge, die Einfluss darauf haben, wie unser Körper die Energie verarbeitet, die wir in Form von Nahrung aufnehmen. In meinen Büchern „Rushing Woman Syndrom“ und „Stoffwechsel-Geheimnis“ beschreibe ich neun Faktoren, die bestimmen, ob der Körper Fett verbrennt oder speichert. Dazu zählen: Stresshormone, Sexualhormone, Schilddrüsenfunktion, Insulin und Darmbakterien. Die meisten Menschen nehmen an, dass man abnehmen muss, um gesund zu sein. In Wirklichkeit aber ist es so, dass man gesund sein muss, um abnehmen zu können.

Was machen die meisten „Rushing Women“ falsch?
Viel zu lange wurde uns eingeredet, dass Gewichtsverlust zwangsläufig dann eintritt, wenn wir mehr Kalorien verbrennen als wir zu uns nehmen. Diese jahrhundertealte Philosophie trifft aber auf unseren Körper nicht zu, egal wie sehr wir es auch versuchen. Wenn man sich auf das Abnehmen konzentriert, dann geht es für viele um Entzug – Entzug von allem, was man plötzlich nicht mehr essen darf. Das kann niemand durchhalten. Gesundheit bedeutet, seine Aufmerksamkeit auf das zu richten, was man essen darf.

Nur Frisches und Unverarbeitetes essen: Das sind die Prinzipien des Clean Eating.

Essen ist für Sie der einfachste Weg, Einfluss auf unser Wohlbefinden zu nehmen?
Und sich selbst zu lieben. Jeder nachhaltige Gewichtsverlust, den ich beobachtet habe, lässt sich auf Respekt und Freundlichkeit gegenüber uns selbst zurückführen, nicht auf Entzug.

Das Konzept, das Sie in Ihren Büchern „Rushing Woman Syndrom“ und „Stoffwechsel-Geheimnis“ erklären, geht aber weiter. Lassen Sie uns bitte über Adrenalin, Cortisol und die Nebennieren sprechen.
Der menschliche Körper produziert zwei dominierende Stresshormone, Adrenalin und Cortisol. Beide werden in den Nebennieren produziert. Wenn wir angespannt sind, wird von unserem Körper das Kurzzeit-Stresshormon Adrenalin ausgeschüttet, was dazu führt, dass der Körper Zucker anstatt Fett verbrennt. Wenn wir über eine lange Zeit hinweg gestresst sind, produzieren wir das Langzeit-Stresshormon Cortisol. Ursprünglich hatte Cortisol eine lebensrettende Funktion, indem es einsprang, wenn die Nahrung knapp wurde. Obwohl wir heute genügend Nahrung zur Verfügung haben, signalisiert Cortisol jeder Zelle, dass unser Stoffwechsel sich verlangsamen muss, damit die Fettreserven uns über eine Durststrecke hinweghelfen.

Das Cortisol ist also dafür verantwortlich, dass Körperfett sich am Bauch ablagert?
Genau, um das Überleben zu sichern. Hinzu kommen Fettreserven an der Rückseite der Oberarme und am Po. Die meisten Menschen machen eine Diät, um das Bauchfett zu verlieren und das bedeutet weniger zu essen. Das bestätigt unserem Körper aber nur, was das Cortisol dem Körper die ganze Zeit vorgegaukelt hat, obwohl aber das Gegenteil der Fall und Nahrung ausreichend vorhanden ist. Wenn wir unsere Nahrungsaufnahme einschränken, verlangsamt sich unser Stoffwechsel mehr und mehr, was uns wiederum das Gefühl gibt, wir würden bereits zunehmen, wenn wir Essen nur anschauen!

Wir sollten also unseren Stress reduzieren. Aber wie können wir die Stressfaktoren in unserem Leben identifizieren?
Ich schlage Ihnen ein einfaches Experiment vor: Beobachten wir doch einfach mal regelmäßig unsere Gemütsverfassung und schreiben ein paar Dinge auf: wann wir uns gestresst fühlen, was der Grund für die Stressreaktion war sowie unsere Gedanken und unsere daraus resultierende Stimmung. Wenn wir dann die Stressursache(n) gefunden haben, können wir überlegen, was wir dagegen unternehmen. Es passiert so oft, dass Menschen sich darüber Sorgen machen, was andere über sie denken.

Und was, wenn wir „Rushing Women“ sind und nicht alle Stressfaktoren loswerden können?
Einer der wichtigsten Ansatzpunkte, um Stressgefühle in den Griff zu bekommen, ist die Atmung. Sie hat einen starken Einfluss auf unser Nervensystem. Besonders Bauchatmung reduziert die Ausschüttung von Stresshormonen schnell und effektiv. Aber wenn Sie meine Bücher lesen, werden Sie noch eine Menge anderer Vorschläge finden. Auch der Verzicht auf Kaffee kann helfen, Stress abzubauen. Bei manchen „Rushing Women“ ist aber auch der Hormonhaushalt aus dem Gleichgewicht geraten. Es lohnt sich wirklich, dass wir Frauen uns mit uns selbst beschäftigen. Wenn es uns gut geht, sind wir auch für andere Menschen wertvoller.

Cover von Dr Libby Weavers Buch „Das Rushing Woman Syndroms“

„Das Rushing Women Syndrom. Was Dauerstress unserer Gesundheit antut“ von Dr. Libby Weaver, TRIAS Verlag, um 19,99 Euro.