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1 Beruf, 3 Generationen: Friseurinnen

Angelika, 52, Inhaberin eines Friseursalons | © MATTHIAS SCHMIEDEL
© MATTHIAS SCHMIEDEL
Angelika, Inhaberin eines Friseursalons.

Unsere Welt verändert sich rasend schnell – das merkt man auch im Job. In unserer Serie werfen drei Friseurinnen verschiedenen Alters einen Blick auf ihren Beruf.

Angelika, 52, Inhaberin eines Friseursalons…

… steht täglich von 8:30 bis 13 Uhr und von 14:30 Uhr bis 18 Uhr im Salon. Wobei sie oft ihre Mittagspause verkürzt und auch in dieser Zeit schneidet. Samstags arbeitet sie fünfeinhalb Stunden. Für Buchhaltung, Planung und Co. benötigt sie abends noch eine halbe Stunde, am Wochenende zwei Stunden. Hinzu kommen Schulungen. Montags hat sie frei. Am liebsten arbeitet sie am Wochenanfang, weil sie da viel Energie vom Wochenende hat.

„Als ich meine Ausbildung anfing, galt im Friseurhandwerk Klotzen statt Kleckern: Vokuhila, Dauerwelle, ich habe toupiert, geföhnt, gesprayt und gegelt, was das Zeug hält, natürlich in Leggings und auf Pfenningabsätzen. Die 80er-Jahre: das Jahrzehnt der modischen Freiheit. Im Radio röhrte Nena, und ich war am Puls der Zeit. Das war fantastisch. Und was die Kunden sich damals alles getraut haben! Ich war auch mutig: Ende der 80er übernahm ich den Salon meiner Ausbilderin und eröffnete wenig später sogar einen zweiten. Mit gerade mal 30 hatte ich fast 30 Mitarbeiter! Das war toll, doch auch sehr, sehr viel Arbeit, und im Nacken hatte ich einen unfassbar hohen Kredit. Für Lisa, meine Tochter, wäre ich von Herzen gerne länger als drei Monate zu Hause geblieben, das ging aber nicht. Irgendwann rebellierte mein Körper. Burnout heißt das ja heute. Aufgeben ging schon mal gar nicht. Ich bin eine Kämpferin und ich liebe meinen Beruf. Also schuldete ich um, trennte mich von einem Salon. Heute bin ich schuldenfrei, und darauf bin ich sehr, sehr stolz. Ein guter Friseur muss auch gut wirtschaften.

Denke ich an meine Anfangsjahre, muss ich sagen, dass die Kunden heute weniger flippig sind. Aber nur auf den ersten Blick. Denn gerade die Älteren trauen sich mehr. Die wollen keine, ich sage mal, Graue-Maus-Frisur, sondern auch noch als Best Ager modisch sein. Geht mir ja auch so! Momentan setzen übrigens wir Älteren den Trend, Grau ist extrem angesagt, ich habe das natürlich auch auf dem Kopf. Wobei es bei mir ja nicht nur was auf den Kopf gibt. Friseure sind Seelenstreichler, sage ich immer, im Guten wie im Traurigen. Ich mache die Hochsteckfrisur der Braut und freue mich mit ihr auf ihren Tag, ich schneide aber auch vor einer Chemotherapie die Haare ab und höre mir Todesängste an. Manchmal ist es bei uns auch absurd. Einmal saß die Geliebte neben der Ehefrau, die Ehefrau wusste von nichts, ich aber schon. Da wäre was los, wenn alle Friseure aus dem Nähkästchen plaudern würden! Ich habe Arthrose in den Händen und in den Füßen. Körperlich ist mein Beruf schon anstrengend. Aber einen schöneren gibt es trotzdem nicht.“

Lisa, 24, Friseurin im Salon ihrer Mutter Angelika. | © MATTHIAS SCHMIEDEL
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Lisa, Friseurin im Salon ihrer Mutter Angelika.

Lisa, 24, Friseurin im Salon ihrer Mutter Angelika…

… arbeitet unter der Woche acht, am Samstag fünfeinhalb Stunden, hinzu kommt die Zeit für die Buchhaltung und für die Pflege der Facebook-Seite. Der Samstag ist für sie eine Herausforderung: Weil der Salon schon um 7:30 Uhr öffnet, muss sie eine Stunde früher aufstehen.

„Etwa zehn Kunden style ich pro Tag. Die Frisur-Kataloge, die ich als Kind so geliebt habe, kann ich aber vergessen. Wer in meinem Alter ist, sagt: Ich will den Katy-Perry-Shaggy-Bob. Ich muss also wissen, was gerade bei den Promis angesagt ist. Wobei, die meisten haben eh ein Foto auf dem Handy oder ich google das mal eben selber. Manche zeigen mir You-Tube-Tutorials mit Flechtfrisuren zum Selbermachen, die daheim aber null funktionieren. Als Profi find ich das top – kann eben doch nicht jeder alles. Social Media spielen inzwischen eine große Rolle. Oft wird die neue Frisur gepostet, sobald ich die Schere sinken lasse. Am meisten liebe ich das Färben. Ich will unbedingt mein Coloristen-Diplom machen: eine Fortbildung fürs Colorieren der Haare. Wir arbeiten heute ja nicht mehr mit 08/15-Farben wie noch zu den Anfangszeiten meiner Mutter, ich mische viel selber, was superkreativ ist und halt auch chemisches Wissen erfordert. Was auch gut ist: Farben sind nicht mehr so fies aggressiv wie früher.

Arbeitsschutz ist heute extrem wichtig: Meine Mama hat noch auf Pfennigabsätzen geschnitten, für mich undenkbar. Was aber geblieben ist: die sehr einseitige Körperhaltung beim Schneiden und Waschen. Die belastet Schultern, Rücken und Handgelenke. Ich mache deshalb viel Sport. Anders werde ich meinen Beruf auch nicht für immer ausüben können. Es macht mich stolz, in einem Familienbetrieb zu arbeiten. Meine Oma ist die gute Seele des Salons, meine Mama ein Hansdampf in allen Gassen. Ich bin mehr die Ruhige. Ich denke, dass wir deshalb so gut harmonieren. Jede hat ihren Platz. Und wir reden halt. Da schluckt keine, bis sie explodiert.“

Rosemarie, 76, „Shampoo-Schnecke“ im Friseursalon ihrer Tochter Angelika | © MATTHIAS SCHMIEDEL
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Rosemarie im Friseursalon ihrer Tochter Angelika.

Rosemarie, 76, „Shampoo-Schnecke“ im Friseursalon ihrer Tochter Angelika…

… hat eine Wochenarbeitszeit von elf Stunden, die sie auf drei Tage verteilt. Am liebsten sind ihr die Freitage und Samstage, weil da der Salon brummt und sie ordentlich viel Arbeit hat.

„Zwei meiner drei Töchter und meine Enkelin ‚schaffen‘ als Friseurinnen, wie wir hier in Schwaben sagen, meine ,Mädla‘ machen meinen Herzensberuf. Seit zwölf Jahren bin auch ich alter Hase im ‚Hair-Business‘: Geli, meine Tochter, hat mich als ‚Shampoo-Schnecke‘ angelernt. Eine Ausbildung habe ich nicht. Herzenswünsche sind was für die Nacht, so wurde ich erzogen. Ich bin Heimatvertriebene, hatte zwölf Geschwister, von denen drei die Flucht nach dem Krieg nicht überlebten. Ich träumte im Lager von schönen Frisuren und stand doch nur in der Fabrik am Band, mit 21 kam das erste Kind. Später ging ich putzen, noch später zog ich Lisa, meine Enkelin mit groß, es gab ja noch keine Betreuung und Geli führte damals zwei Salons. Das ist heute schon ein Druck für die Frauen, das macht mich ein bisschen traurig.

Wäre es nach meinem Mann gegangen, hätte Geli eine Ausbildung bei Daimler gemacht. ‚Wenn du nichts kannst, wirste Friseur‘ war schon damals der Tenor. Auch Lisa hört manchmal, sie sei ‚nur Friseurin‘. Wie mich das ärgert, da könnte ich im Kreis hüpfen! Friseurin war und ist ein anspruchsvoller Beruf! Wer nur schnippelt, hält keine Kunden. Es ist auch nicht so, dass alle Friseure schlecht verdienen. Geli bezahlt Tarif. Und zum Lohn kommt noch das Trinkgeld, das seit einigen Jahren sogar steuerfrei ist. Dass es nun den Mindestlohn gibt, finde ich trotzdem gut. Im Salon arbeite ich auf 450-Euro-Basis, ich wasche, fixiere Dauerwellen, putze. Was sonst halt der Lehrling am Anfang der Ausbildung macht. Es wird immer schwerer, da einen guten Fang zu machen. Die Jungen wollen studieren und nicht körperlich arbeiten. Auch sonst hat sich einiges verändert. Als ich jung war, ging man ohne Termin zum Friseur. Wenn ich eine Stunde warten musste, wartete ich geduldig. Ohne Cappuccino! Das gibt es heute nicht mehr. Das finde ich aber gut, denn das ist ja meine Arbeit. Bei mir gibt’s den Kaffee auch mit Mandelmilch. Damit grenzen wir uns von den Billigfriseuren ab, die mich an meine Zeit in der Fabrik erinnern, alles nur Akkord. Im Salon bin ich für alle die Oma. Ich denke, die Kunden schätzen mein offenes Ohr. Alle Friseure sind ja auch Seelenklempner irgendwie. Manchmal sage ich aber schon: ‚Jetzt reden wir nicht mehr über Sorgen!‘ Meine Kunden sollen den Salon mit einem Lächeln verlassen, und ich bin in einem Alter, wo es eh oft um Krankheiten geht. Da genieße ich es, wenn ich beim Schaffen was anderes höre, und hoffe, dass ich noch lange, lange arbeiten kann.

 

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Protokolle: Madlen Ottenschläger