Von zu Hause aus arbeiten

Home Office: Fluch oder Segen?

Von zu Hause aus arbeiten klingt verlockend – erfordert aber auch viel Disziplin und Organisation. DONNA-Autorin Claudia berichtet von ihren Erfahrungen im Home Office. | © iStock | Eva Katalin
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Von zu Hause aus arbeiten klingt verlockend – erfordert aber auch viel Disziplin und Organisation. DONNA-Autorin Claudia berichtet von ihren Erfahrungen im Home Office.

Freiheit, Flexibilität und Familiensegen – für viele bedeutet das Arbeiten von Zuhause genau das. Doch das Home Office fordert auch einiges: Mut, Disziplin und Organisationsfähigkeit. Der Erfahrungsbericht einer DONNA-Autorin.

Ich liebte das Leben in meiner alten Redaktion: Der Austausch mit den Kollegen, die Arbeitsplatzgemeinschaft, die Anspannung bei „Breaking News“, das Plötzliche, das Unerwartete, die Routine und sogar das Pendeln – ich habe in diesen Jahren noch nie so viele Bücher gelesen wie zuvor. Doch dann änderten sich die Umstände. Restrukturierungen zerbrachen ein perfekt eingespieltes Team, Stagnation und Unmut machten sich breit. Zumindest in mir. Dann bekam ich meine Tochter, fing jedoch relativ schnell wieder an, fast Vollzeit zu arbeiten. Langsam, aber sicher war ich mit mir mehr als nur unzufrieden: Auf der einen Seite schien mein Aufstieg auf der Karriereleiter trotz Ambitionen hier beendet zu sein, auf der anderen Seite fühlte ich mich als Mutter nicht präsent genug. Eine Lose-lose-Situation also.

Irgendwann zog ich die Reißleine, verabschiedete mich aus meinem alten Job und orientierte mich neu. Den Weg in die Selbstständigkeit wählte ich (fast) bewusst, die Möglichkeit, im Home Office zu arbeiten, war für mich jedoch Voraussetzung. Hintergrund war natürlich, dass ich mehr Zeit mit meiner Familie verbringen wollte. Das habe ich auch geschafft. Doch bis das Arbeiten von Zuhause harmonisch verlief, dauerte es eine Weile.

Deutsche Arbeitnehmer: Kein gesetzlicher Anspruch auf Home Office

Im Gegensatz zu anderen europäischen Ländern ist das mobile Arbeiten in Deutschland noch recht wenig verbreitet. Aus dem DIW Wochenbericht 5/2016 geht hervor, dass gerade einmal jeder achte Beschäftigte gelegentlich aus dem Home Office arbeitet. Täglich ist es gerade mal jeder fünfundzwanzigste. Das mag daran liegen, dass Arbeitnehmer hierzulande keinen gesetzlichen Anspruch darauf haben. Zum Vergleich: In den Niederlanden gibt es seit Mitte 2016 ein Recht auf Home Office, das die Vereinbarkeit von Beruf und Familie begünstigen soll. Ich weiß nicht, ob ich meine Festanstellung aufgegeben hätte, wäre in Deutschland ein solches Gesetz in Kraft gewesen. Zwar können Angestellte nach Absprache mit dem Arbeitnehmer ebenfalls teilweise im Home Office arbeiten, gern gesehen ist das aber nicht. Man muss ja schließlich „präsent“ sein. Die Selbstständigkeit war für mich also der einzige Weg aus meinem Dilemma. Bereut habe ich es (bis heute) noch nie.

Partnerschaft und Familie leiden unter langem Arbeitsweg

Allein der Weg zur Arbeit „stahl“ mir jede Menge Zeit. Ich wohne in München, mein jeweiliger Einsatzort lag mindestens eine Stunde, meist länger, von meiner Wohnung entfernt. Als Single war das kein Problem, konnte ich meine Zeit in den Öffentlichen doch ohne Zeitdruck sinnvoll nutzen. Als (frisch gebackene) Mutter war sie einfach nur lästig und bedeutete für mich immerhin zwei bis drei Stunden am Tag, die ich zusätzlich zur eigentlichen Arbeitszeit nicht bei meinem Kind sein konnte. Dass die Partnerschaft auch darunter litt, muss ich wohl nicht betonen. Es gibt ja offensichtlich die Super-Mütter/-Ehefrauen, die Finanzen, berufliche Ambitionen, Kind, Mann oder Frau und die eigenen Bedürfnisse perfekt unter einen Hut bringen. Ich zählte auf Anhieb jedenfalls nicht dazu.

Es war erfrischend, sich die Zeit selbst einzuteilen. Mein Enthusiasmus über die neue Situation mag eine Rolle gespielt haben, dass ich es trotz Umstellung als großen Segen empfand. Viele zeitraubende und demotivierende Dinge fielen auf einmal weg: störende und geschwätzige Kollegen sowie der andauernde Lärmpegel des Großraumbüros, wenn man sich konzentrieren will, gefährliche Kabelsalate, sinnlose Meetings – ja, einige waren wirklich sinnlos –, selbst auferlegte Kaffeepausen, die Klimaanlage, irritierendes Neonlicht und das Aufeinandertreffen mit Vorgesetzten, die einen wohl nicht zu schätzen, teilweise nicht einmal zu kennen schienen. Das wichtigste Pro der Heimarbeit: Ich konnte arbeiten, wann ich will. Selbstbestimmend. Doch das stimmt leider nicht immer…

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Home Office: Wenn Privates mit Arbeit kollidiert

Natürlich hat es seine Vorzüge, wenn man zwischen der Arbeit eine Ladung Wäsche in die Maschine werfen kann, kurz das Essen vorbereitet oder auch mit dem Kind spielt. Dass die ständige Präsenz in den eigenen vier Wänden aber auch zur Belastung werden kann, merkte ich recht schnell. Ist die Tochter in der Kita oder im Kindergarten, ist es noch relativ entspannt. Ab nachmittags spätestens kollidieren arbeitsbedingte Abgabetermine und familiäre Abhol- und Bespaßungszeiten doch häufig. Verständlicherweise. Ich bin schließlich daheim, wie sollte meine Tochter auf einmal wissen, dass ich aber doch nicht verfügbar bin? Während Katzenbesitzer mit schlafenden Schmusekätzchen auf der Tastatur zu kämpfen haben, hatte ich in meinem Arbeitszimmer und auf meinem Schoß ein agierendes Kind. Konzentration? Fehl am Platz. Wie soll das erst werden, wenn das Kind in der Schule ist – keinen Hort- oder Nachmittagsbetreuungsplatz bekommt – und schon mittags heimkommt? Egal. Das wird sich irgendwie klären.

Regeln, Disziplin und Planung sind wichtig

Es mussten also Regeln her. Und vor allem Disziplin – meinerseits. Nach der berufsbedingten Honeymoon-Phase richtete ich mich erst einmal neu ein: Technisches Equipment, mobile Erreichbarkeit, geordneter Arbeitsplatz und das digitale sowie papierbasierte Ordnungssystem wurden auf den neuesten Stand gebracht. Die Vorteile eines Büroplatzes und das Equipment vor Ort habe ich schließlich nicht. Außerdem arbeitete ich auf einmal viel mehr, Pausen wurden einfach ganz gestrichen, Überstunden waren an der Tagesordnung. Ein straffer Zeitplan, oder besser gesagt eine vorausschauende Planung, sind zwingend, um nicht ganz im Arbeitssumpf zu versinken. Die neuen Arbeitszeiten: Wenn das Kind in der Betreuung ist: Check. Wenn das Kind schläft: Check. Wenn das Kind sich mal allein unterhält: Fast check. Doch leider sind diese Zeiten nicht immer so planbar, jedenfalls nicht bei meiner Tochter. Aber immerhin ist man ja flexibel, wenn man von Zuhause arbeitet – ein paar Nacht- oder Frühschichten können bei Krankheit und Co. schon zur Regel werden.

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Gegen einsame Selbstständigkeit: Soziale Kontakte pflegen

Schließlich darf man auch nicht die sozialen und beruflichen Kontakte vergessen. Im Home Office kann es ja auch ziemlich einsam werden. Doch dieses Problem hatte ich eigentlich nie. Ganz im Gegenteil. Privat wie beruflich bin ich auf der Höhe meiner Kontaktfreudigkeit. Und das habe ich auch meinen aktuellen Auftraggebern zu verdanken (Danke!). Während ich früher meist E-Mails schickte, greife ich in diesen Tagen oft zum Telefon, um jemanden zu erreichen oder treffe ihn/sie einfach persönlich – das ist nicht nur effektiver, sondern vor allem sozial verträglicher. Mein soziales Netzwerk hat sich erweitert, meine privaten Freundschaften vertieft. Schließlich habe ich unterm Strich ja mehr Zeit, die ich nicht nur für Beruf und Kind, sondern auch für mich selbst in Anspruch nehme. Zum Glück.

 

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