Liebe & Partnerschaft

Getrennt leben: So funktioniert die Beziehung mit räumlicher Trennung

Frau mit Schatten im Gesicht. | © istock; AleksandarNakic
© istock; AleksandarNakic
Getrennt leben in einer Beziehung?

Nur, weil man ein Paar ist, muss man nicht jeden Tag Bett und Tisch teilen – diese Ansicht vertreten immer mehr Paare. Lesen Sie den Erfahrungsbericht einer Liebe, die auf Abstand besser gedeiht als auf gemeinsamem Raum. Und: Das sagt ein Paarberater zum „Living Apart Together“-Beziehungsmodell.

Getrennt leben in einer Partnerschaft? Dieses Paar lebt das „Living Apart Together“-Beziehungsmodell

Die gemeinsame Wohung ist eine logische Folge einer erfolgreichen Langzeitbeziehung – oder nicht? Das Beziehungsmodell „Living Apart Together“, also getrennte Wohnungen in einer Partnerschaft, erfreut sich immer größerer Beliebtheit. Doch weshalb entscheiden sich Frauen 40plus für diesen Schritt – und was hält ihr Partner von der Entscheidung? Für DONNA berichtet ein Paar über seine Erfahrungen des getrennten Wohnens. Plus: Ein Paarberater erklärt, ob und wie das Beziehungsprinzip funktionieren kann.

Erfahrungsbericht Teil 1 – Judith: Das sagt sie zum getrennt leben

Unsere Freunde waren entsetzt, als Christian und ich auseinanderzogen – nach nur 15 Monaten unter einem Dach: „Was? Ihr trennt euch?“ „Stopp“, sagte ich, „davon redet keiner!“ Wir hatten uns vor acht Jahren kennengelernt, jeder hat bereits eine gescheiterte Ehe hinter sich. „Es wäre schön, wir könnten einander den nötigen Freiraum zugestehen“, sagte Christian damals – klar, gebranntes Kind! Kurz darauf saß er aber bei mir am Küchentisch und synchronisierte emsig unsere kinderfreien Wochenenden – er hat zwei Töchter, ich eine – und auf Monate hin! Christian ist Revisor und Berater, das Optimieren firmeninterner Abläufe ist für ihn Tagesgeschäft. Struktur hat aber natürlich erst mal nichts mit Nähe zu tun.

Jetzt sind wir so weit, dachte ich, als er dann vor mehr als zwei Jahren seine Penthousewohnung opferte und mit mir in eine riesige, lichtdurchflutete Wohnung am Wasser zog. Wir hatten ja schon diverse Entfernungsparameter hinter uns. Ein Jahr nach Beginn unserer Liebe etwa. „Es gibt da eine Stelle in Hamburg“, hatte ich verkündet. Und gedacht: 400 Kilometer weit weg. „Gut“, sagte er. Kein: „Willst du dir das nicht noch mal überlegen?“ Hatte Christian überhaupt Interesse daran, unsere Beziehung auf eine reifere Ebene zu heben? Mein Wegziehen war aus heutiger Sicht: ein Test – und ein bisschen auch Schutz davor, enttäuscht zu werden, wenn ich bliebe. Nach drei Jahren Pendeln zog ich zurück – meine pubertierende Tochter brauchte jetzt beide Eltern in der Nähe. Wie Christian und ich auf Dauer leben wollten, würde sich vielleicht nebenbei lösen, hoffte ich. Eineinhalb Jahre lang wohnten wir keine 300 Meter voneinander entfernt. Zusammen zu kochen, vor dem Fernseher zu versacken, aber spätabends auch gehen zu können, weil die Wäsche noch in den Trockner musste oder man am nächsten Tag ausgeschlafen sein wollte, das fühlte sich gut an.

Einmal klingelte ich spontan bei ihm. Worte wie Respekt und Privatsphäre fielen. Ich musste erst mal schlucken. Später verstand ich, dass das Switchen zwischen Single‐ und Paar‐Dasein für Christian am besten mit Vorlauf funktionierte. Wohnt man getrennt, zelebriert man das Private – auch für sich selbst. Ich bin ein Mensch, der gut allein sein kann. Außerdem weiß ich um die Gefahren, dehnt man die eigene Komfortzone zu Hause aus: Man trägt kuschelige Home‐Anzüge, tätigt die Toilettenspülung bei offener Tür, solche Sachen halt. Auslöser fürs Zusammenziehen waren letztlich unsere Kinder. Entgegen aller Erwartungen – drei Mädchen, Pubertät, Zicken‐Alarm – wurden unsere Töchter beste Freundinnen.

Es war schön, sie fragen zu hören, ob wir nicht eine „richtige“ Patchwork‐Familie sein wollten. Ich trieb den Vorschlag voran. „Ich hab dir zuliebe etwas getan, was ich so nicht gebraucht hätte“, meinte Christian später. Ich gebe zu: Noch immer kommt Wehmut auf, wenn ich an diese Traumwohnung denke. Ich glaubte, alles sei im Fluss – auch unsere Beziehung. Christians zunehmend gedrückte Stimmung deutete ich als Symptome einer Midlife‐Krise. Natürlich: Ich fühlte mich leer, irgendwie resigniert, als er mir gestand, dass er das nicht könne – das mit dem Wohnen, nicht das mit uns. Er ging zurück in die Penthousewohnung, die er nur vorübergehend vermietet hatte, ich fand erneut 300 Meter weiter meinen Platz.

Alles, was dann kam, war der Beginn von etwas wunderbarem Neuem. In einer schlaflosen Nacht skizzierte ich auf Listen die Situation sämtlicher Paare in unserem Umfeld. Was hatten sie geschaffen, miteinander aufgebaut? Kinder, Häuser, gemeinsame Unternehmen. Und wir? Gut, dass ich diese Überlegung erst mal stehen ließ, statt sie Christian gegenüber als Vorwurf zu formulieren. Manchmal braucht das Schicksal Zeit. „Du bist die Frau, mit der ich leben und alt werden will“ – sagte er vor wenigen Wochen. Ich war überrascht, fühlte mich aber auch bestätigt. Denn das ist das Verbindliche zwischen uns: dass wir einander freigegeben und so erst zu uns gefunden haben

Erfahrungsbericht Teil 2 – Christian: Das sagt er zum getrennt leben

Mag sein, dass ich mich von Judiths Euphorie habe anstecken lassen. Die Wohnung war ja auch wirklich ein Hammer: Von der Terrasse blickte man auf den Main, ganz nah am Wasser. Allerdings fehlte mir die Weite, die ich in meiner alten Wohnung gehabt hatte. War es nur die Wohnung? Ich ertappte mich dabei, mich auf etwas eingelassen zu haben, was ich so nicht gewollt hatte. Weil ich wusste, wohin es führen konnte. Das Penthouse war meine persönliche Scheidungstherapie gewesen. Davor hatte ich in einem Reihenmittelhaus gelebt, Ortsrandlage. Ich sag nur: kleine Fliesen mit Blümchenmuster. Ich will nicht meckern: Wir hatten einen tollen Garten, meine Kinder sah ich hier groß werden. Aber meine Ex gab das Tempo vor: wie wir die Freizeit gestalten, wann wir Kinder kriegen. Ich habe mich in 15 Jahren Ehe verbogen. Der Klassiker: Als alles lief, wie es ihren Vorstellungen entsprach, war sie gelangweilt – und fing an, mich zu betrügen.

Bei Judith spürte ich sofort: Das passt. Ich konnte mir ihr slapstickartig lustig sein, tiefgehend philosophieren, mit niemandem zuvor habe ich einen solchen Gleichklang gespürt. Zwei Erwachsene, die um die Gefahren von zu viel Naivität in der Liebe wussten – das konnte klappen. Als Judith später meinte, ich hätte die Beziehung vorangetrieben, zu einem Zeitpunkt, als sie es lieber noch lockerer gehabt hätte, bin ich aus allen Wolken gefallen. Drei Kinder, das will doch organisiert sein!

Was später tatsächlich für die gemeinsame Wohnung sprach – ihr Vorschlag –, war, dass die Kinder und wir so gut harmonierten. Vielleicht fügte sich der Rest ja von selbst? Ich sah das Strahlen in ihren Augen, willigte ein. Und wunderte mich bald darauf über den Nestbau­-Trieb, der sich bei Judith zeigte. Mit Anfang 50? Sie schaltete auf Turbo, alles musste sofort fertig eingerichtet und wohnlich sein. Ich aber mag es, wenn die Dinge entstehen. So wie das mit uns, das ja auch weiter im Entstehen war.

Wie organisiert man sich, wenn plötzlich alles anders ist? Wenn man nicht mehr einfach so mit seinen Kumpels quatschen kann, weil man dabei lieber für sich ist. Wie geht es einem, wenn man abends nach Hause kommt und es wird eifrig Salat geschnippelt und der Tisch ist gedeckt – dabei hat man viel mehr Lust auf eine Stulle auf der Couch.

Bitter war es, in ihre Augen zu schauen, als ich meinte: „Ich kann das alles nicht.“ Auch: die Enttäuschung der Kinder zu sehen, die offensichtlich ebenso Gefallen am „echten“ Patchwork gefunden hatten. Zum Glück wurde in keinem Moment Trennung zum Thema. Das habe ich klar gespürt, nachdem ich zurück in meine alte Wohnung zog: dass wir durch etwas Schweres hindurchgehen, dass es aber besser war, sich diesem Schweren zu stellen, als in zwei Jahren möglicherweise vor dem Scherbenhaufen zu stehen.

Seit ich wieder alleine wohne, genieße ich es, zu meiner persönlichen Wohlfühlzeit schlafen zu gehen und nicht dann, wenn ich glaube, höflich ich sein zu müssen. Auch Judith scheint nicht unglücklich über die neuen alten Freiheiten. Sie schlafe jetzt besser, sagte sie. Über Sex brauchen wir gar nicht zu reden, der war im Traumdomizil weitestgehend ein­ geschlafen. Nähe, echte Nähe, ist wichtig, wenn es körperlich stimmen soll. Echte Nähe bildet sich im Herzen und nicht auf Quadratmetern.
„Ich liebe dich“ – nach der Scheidung war dieser Satz für mich verbrannt gewesen. Jetzt kann ich ihn wieder sagen, lauter denn je. Einen nie dagewesenen Level of Comfort erlebe ich mit Judith, seit klar ist, dass wir heiraten werden. Einen Level, der mir sagt, dass es sich gelohnt hat, diesen Umweg zu gehen.

Das sagt der Paarberater zum „Living Apart Together“-Beziehungsmodell

Eric Hegmann, Paarberater aus Hamburg: 

„Noch vor 100 Jahren waren getrennte Schlafzimmer Usus. Erst mit dem romantischen Ideal der Ehe kam das Ehebett in Mode. Heute wiederum braucht jeder Raum für Individualität und Selbstoptimierung. Der Run auf große Wohnungen ist für mich aber mehr als nur Luxus­denken. Dahinter steckt auch die Idee: maximale Nähe bei maximaler Möglichkeit zum Rückzug. Gerade Partner mit Trennungserfahrung (immer ein psychologischer Dämpfer) legen Wert auf Letzteres.

Tatsächlich haben die Menschen nie so viele (auch schwierige) Beziehungserfahrungen gemacht wie heute: Man weiß zuweilen sehr genau, was man nicht mehr will, ist aber dennoch geprägt vom auf Nähe getrimmten Ideal, das die Gesellschaft von der Liebe zeichnet.

Die Gestaltung der Wohnsituation kann in dem Spannungsfeld von Nähe und Distanz ein wunderbares Werkzeug sein. Wenn der eine sagt: „Du bist der Mensch, mit dem ich zusammen sein will, aber nicht jeden Abend auf der Couch“, meint er letztlich: „Mit dir hat das weniger zu tun als mit mir.“ Christian ist dies gut gelungen.

Nach einem ersten Innehalten hat auch Judith verstanden: Es geht hier um das Zusammenbringen zweier Bindungssysteme. Nur wer sich eigene Muster bewusst macht und prüft, wie diese mit denen des anderen in Einklang gebracht werden können, kommt weiter.

Christian und Judith haben mit ihrem jetzigen Beziehungsmodell eine gute Balance zwischen Autonomie und Sicherheit gefunden. Der Status quo ihrer Beziehung ist wie ein unausgesprochener Vertragsabschluss: Wir sind beieinander angekommen. Dadurch können wir uns in der Gestaltung des Alltags ein Stück weit freilassen. Am Ende geht es nicht um die Frage, was eine gute oder eine schlechte Beziehung ist, sondern ob die Beziehung Menschen unglücklich oder glücklich macht.“

 

Protokoll: Elisabeth Hussendörfer