Alltag

Kolumne: Loslassen – wie frei sich das anfühlt!

Heißluftballon auf der rechten Seite mit blauen Himmel | © Austin Ban, Unsplash
© Austin Ban, Unsplash
Weg mit den vielen Ansprüchen und unnötigem Ballast: DONNA-Autorin Anke Willers plädiert für ein Leben mit weniger Pflichten – und mehr Freiheit.

Ist Ihnen auch oft alles zu viel? Die Überforderung, hat eine kluge Journalistin einmal geschrieben, sei „der letzte legitime Daseinszustand der modernen Frau”. Schluss damit, fordert DONNA-Autorin Anke Willers.

Das Haus war hell und groß, mit hohen Decken und riesigen Fenstern. Wir hatten es im letzten Sommerurlaub gemietet. Es stand auf einem Eiland vor Amsterdam. Und es war leer. Nein, nicht ganz, denn eigentlich war alles da: Küchensachen, Betten mit ordentlichen Matratzen, Waschmaschine, Klavier, ein gewachsenes Gärtchen, Fahrräder vor der Tür und Zeug halt, das eine Familie mit zwei Teenager-Töchtern braucht, um sich wohlzufühlen. Trotzdem war das Haus von so minimalistischer Klarheit, dass es mich vom ersten Tag an auf wunderbare Weise in den Erholmodus katapultierte. 

Als wir aus dem Urlaub zurück waren, kriegte ich einen Rappel. Ich stellte unsere 120-Quadratmeter-Wohnung auf den Kopf – und drehte jeden Topfdeckel um und jede Postkarte am Kühlschrank. „Kann das weg?“, fragte ich mich. Und spürte bei jedem Wurf in den Müllsack: Das hier ist Therapie.

Entrümpeln gegen das Zuviel im Leben

Therapie gegen das Rauschen und Rasen. Therapie gegen das Zuviel – in meinen Schubladen, in meinem Smartphone, in meinem Kopf, in meinem Leben. Die Frau von heute hat schließlich Ansprüche. Sie kommen von außen und von innen. Und sie klingen so: Mach das Beste aus dir und deinen Potenzialen. Iss Obst und Gemüse und nach 18 Uhr keine Kohlenhydrate mehr. Fördere deine Kinder, vernetze dich im Job, bleib am Ball. Krieg mit, wenn es einer Freundin schlecht geht und schick Schokolade. Geh zweimal im Jahr zur Zahnreinigung, kümmer dich um deine Mutter. Check deine Finanzen. Stell dir gleich morgens die Laufschuhe vors Bett. Und mach es dir und deinem Mann abends mal richtig schön: Hab Lust! Hab Style! Sei kreativ! 

Ja, es gibt sie, die Tage, an denen ich diesen Ansprüchen gerecht werde, an denen ich viel wuppe – und abends sogar noch vorschriftsmäßig entspanne. Aber oft gibt es auch die anderen Tage. Die, an denen mir alles zu viel wird. An denen ich schon morgens zehn Sachen gleichzeitig mache und an der U-Bahn feststelle, dass der Plastikmüll noch an meinem Handgelenk baumelt – dafür habe ich die Schlüssel in den Container geschmissen. 

Weihnachten ist der Jahres-Konsumgipfel

Vor allem in der Vorweihnachtszeit, in der Zeit des Kaufens, Vorbereitens, Feierns, möchte ich die Welt langsamer machen und überschaubarer. Da ist zu viel Zeug, zu viel Info, zu viel Brimborium um ein Fest, das statt Besinnlichkeit vor allem Jahres-Konsumgipfel ist. „Geht’s auch eine Nummer kleiner?“, möchte ich rufen. Und: „Lasst mich in Ruh mit dem ständigen Geklingel, mit den unzähligen Angeboten, die ungefragt neben meinem E-Mail-Account aufploppen.“ Die vielen Reize machen mich ganz wuschig und irgendwann, glaubt man den Psychologen, auch depressiv.

Lasst mich in Ruhe mit euren fotogeshoppten Instagram-Inszenierungen. Sie setzen mich unter Druck. Hinter ihnen steckt die Aufforderung, noch mehr zu kaufen und zu machen, um dem Ideal näher zu kommen: mehr Deko, mehr Stimmung, mehr Fashion, mehr Bauchmuskeltraining – dann kannst du 30 Jahre lang 40 sein! Wir alle wissen, das ist Quatsch.

Die Welt dreht sich mit mehr Tempo weiter

Doch die Welt hört nicht auf uns. Sie dreht sich weiter. Und es sieht so aus, als nehme das Tempo dabei zu. Folgt man beispielsweise den Prophezeiungen des israelischen  Historikers und Autors Yuval Noah Harari in seinem vor Kurzem auf Deutsch erschienenen Buch „Homo Deus: Eine Geschichte von Morgen“ (C.H. Beck, 24,95 Euro), dann werden wir nicht nur immer älter. Wir werden auch immer öfter erleben, dass das, was gerade noch galt, wieder überholt ist. Wir werden uns ständig verändern müssen, wenn wir nicht abgehängt und von der künstlichen Intelligenz beherrscht werden wollen, die wir digital installiert haben. 

Müssen wir uns also damit abfinden, dass in unserem Leben immer Rushhour ist? Nicht zwangsläufig: „Souverän ist nicht, wer viel hat, sondern wer wenig braucht“ schreibt Niko Paech in seinem Buch „Befreiung vom Überfluss“ (oekom,14,95 Euro). Der Wachstumskritiker hält die aktive Selbstbegrenzung für die entscheidende Lebenskunst des 21. Jahrhunderts. Seine Überzeugung: Wer es schafft, in einer Welt des Überflusses Prioritäten zu setzen und sich aktiv abzugrenzen – von Konsum, ständiger Erreichbarkeit, grenzenloser Mobilität – hat mehr vom Leben. Weil er den Menschen und Dingen mehr Zeit und Aufmerksamkeit schenken kann. Dadurch wird der einzelne Moment bedeutsamer, befriedigender. Und das Getriebensein, der Hunger nach dem nächsten schnellen Kick, bleibt aus. Das schützt die Psyche vor dem Zusammenbruch. Und auch den Planeten! 

Ich jedenfalls habe einen großen Vorsatz. Ich möchte ein Haus bauen. Es soll auf meinem Grund und Boden stehen, irgendwo zwischen Herz und Verstand. Nein, das Haus soll kein Ort der Abschottung sein, sondern ein einladendes Haus – so wie das in Holland: Es hat alles, was mir wichtig ist und was ich wirklich brauche. Aber nicht mehr.

Vorsatz: Ausmisten und das Loslassen üben

Für dieses Projekt werde ich in meinem Leben weiter ausmisten und das Loslassen üben. Und nach der Körperfettwaage und den Topfdeckeln gehe ich jetzt auch all den Ballast in meinem Inneren an. Da gibt es nämlich jede Menge Sätze, die mein Leben zwar voll machen, aber nicht reich. Einer geht so: Mit der richtigen Organisation können Mütter heute alles schaffen – Karriere, Kinder und den ganzen Rest. Können sie nicht, wenn sie nicht kirre werden wollen. Schlaue Frauen wie die Literaturkritikerin Iris Radisch brachten es schon vor Jahren auf den Punkt: „Die angepriesene Vereinbarkeit von Beruf und Kindern ist eine Schimäre. Da gibt es nichts zu vereinbaren. Da gibt es nur etwas zu addieren.“ Sie hat recht.

Weg auch mit diesem Spruch: Wenn ein Kind gut in der Schule ist, haben die Eltern alles richtig gemacht. Wenn nicht, hat die Mutter versagt. Dieser Spruch war mir jahrelang viel zu viel. Trotzdem konnte ich ihn nicht entsorgen. Sondern fühlte mich schuldig, wenn meine Töchter mit schlechten Noten kamen. Ich kniete mich in die Vektorrechnung rein oder den Zweiten Punischen Krieg und versuchte, mit ihnen zu lernen. Versuchte! – denn fast immer brüllten wir uns irgendwann an. Und die Noten wurden noch schlechter. Deshalb: Zur Hölle mit Hannibal und seinem Kriegsgebaren. Und her mit der netten Nachhilfestudentin, die emotional viel unbeteiligter ist als ich. 

Ab in die Tonne auch mit dieser Idee: Feste, auf denen kein perfektes Buffet steht und bei denen Gäste was zu essen mitbringen, sind keine guten Feste! Jedenfalls nicht jenseits der 30. Soso. Und warum war es dann neulich bei Franzi so wunderbar amüsant, obwohl die noch ihre Jogginghosen anhatte, als die Gäste eintrudelten und sie mich am nächsten Tag anrief: „Mensch, da war noch ein ganzer Topf Ratatouille auf dem Herd. Hatte ich total vergessen.“

Und weg mit: Wer nicht ständig auf allen sozialen Netzwerken postet, verpasst das Leben. Herr Paech, der Nachhaltigkeitsforscher, hat nicht mal ein Smartphone. Und ist trotzdem ein gefragter Vortragsredner. 

Was dann noch übrig bleibt? Kann ich Ihnen jetzt noch nicht sagen. Nur so viel: Mein neues Heim wird hell sein und licht. Und es wird Platz genug geben: für alte Lieblingsstücke und neue Gedanken. Und für Veränderung! Rauschend? Wird allerhöchstens das Fest, das ich zur Einweihung gebe.