Kolumne: Ich habe keinen Plan

Soll-Vorgaben machen das Leben unfrei, findet DONNA-Autorin Katja Nele Bode. Lesen Sie in der Kolumne, weshalb sie dafür plädiert, sich stattdessen dem großen Nichts zu überlassen.

Rückansicht einer Frau in der freien Natur, die ihre Arme weit ausbreitet

Durch weniger Pläne entsteht mehr persönliche Freiheit – dieser Meinung ist DONNA-Autorin Katja Nele Bode in ihrer Kolumne.

Als ich Kind war, gefiel mir das Wort „Plan“. Ich dachte dann an riesige aufzufaltende Papiere (schönes Knittergeräusch), auf die in blassbläulicher Farbe Grundrisse gedruckt waren – Türen, Balkone, da ein Wohnzimmer, dort ein Fenster und diese kugeligen Gekräusel drumherum – das sollten wohl Bäume sein. Wenn das Haus nun später gut bewohnbar wäre und diese kreisförmigen Gebilde tatsächlich eines Tages herrlich wachsen würden, dann sah das nach einem famosen Plan aus. Auch Stadtpläne brachten mich auf Spur: Da war wieder dieser faszinierende Ton beim Knicken – hinzu kam dieses immer Zielführende bei tendenzieller Orientierungslosigkeit. Was liebte ich mit 22 meinen „A to Z“, in den noch die letzte Sackgasse Londons – wenn auch winzig klein – eingezeichnet war! Für mein größeres Leben aber habe ich nie einen Plan gehabt. Ich wusste lange nicht, was ich werden wollte. Ich plante meine Schwangerschaften nicht, meine Hochzeit nicht; und das Wort Karriere brachte bei mir so gar nichts zum Schwingen – ähnlich tonlos wie der Begriff „Gabelstapler“. Das heißt nicht, dass mein Dasein nicht angefüllt wäre mit Machen und Tun, mit Rackern und Probieren, mit Sonne und Tränen.

Zen-Buddhist Haemin Sunim: „Viele Menschen sind nicht nett zu sich“

„Könnte ich alles. Muss ich aber nicht“

Doch mir fällt heute auf, ich habe mir kein Soll vorgegeben, das es zu erfüllen gilt. Sicher, ich trage meine (unerfüllten) Träume und meinen Ehrgeiz in mir, die mich oft genug zum Fluchen bringen. Aber hochtrabende Pläne, die mich ins Abrutschen gebracht hätten, haben mich nie angefeuert. Ich wollte kein Haus am See, ich musste in jungen Jahren nicht dringend einmal um die Welt und hatte auch keinen Mann mit Prestige auf der Agenda. Nicht, dass an dem ein oder anderen nicht etwas dran wäre. Nur schwierig wird es, wenn wir glauben, solche Dinge auf einer Liste abhaken zu müssen. Ich merke, dieses Planlose (auf keinen Fall Kopflose) ist mir nicht schlecht bekommen.

Natürlich hat auch mein Leben Routinen, ist hektisch und ringt ächzend mit dem Alltag. Aber es führt einen herrlich toten Winkel mit sich, in den ich mich selig schleiche, wenn alles um mich herum in durchgetaktetem Wahnsinn und planvoller Raserei versinkt. Was machst du am Wochenende? Fragen mich alle immer wieder; schon interessiert, aber irgendwie auch bang und abgleichend. „Nichts!“, sage ich immer wieder. Oder: „Noch keine Idee!“ Und dann denke ich glucksend an einen völlig leeren Samstag. Und einen Sonntag vielleicht noch dazu. Morgen, Vormittag, Nachmittag, Abend. Ja, ich könnte den Kindern Pancakes machen, viele Zeitungsartikel lesen, in die Sauna gehen, ein zweites Mal um ein wunderschönes Kleid in einem hübschen Geschäft herumschleichen, den Wahnsinnsroman zu Ende lesen, einen Walk bei Wind und Regen machen. Könnte ich alles. Muss ich aber nicht.

Stress reduzieren: So üben Sie das freundliche „Nein!“

„Pläne sind für Bankräuber“

Was ich noch viel mehr nicht muss: etwas Großes unternehmen, die Supersause machen. Retreat oder Event! In die Berge fahren, mit Millionen anderer im Stau stehen – weil das so auf dem Plan steht. Den wenigsten mache das Freude, sagt die Münchner Psychotherapeutin Lisa Pecho über den Zwang zu übersteigerten Wochenend-Plänen. Nein, die meisten würden viel lieber abhängen, unspektakulär, ziellos. Aber sie trauten sich leider nicht. Im Großen bedeutet es: Wir planen das Glück unserer Kinder, eine höhere Position, das abgesicherte Leben, die Liebe. Und jetzt Hand hoch, wer da nicht eines Tages scheitern wird. Von mir aus können Bankräuber Pläne schmieden. In einem ganz gewöhnlichen Leben sind sie hinderlich. Sie kommen mir vor wie Putztabellen in öffentlichen Toiletten, auf denen doch wieder keiner sein Kreuzchen gemacht hat. Ich bin mir sicher: Leben im Generellen und Runterkommen im Speziellen klappt besser ohne Plan. Rumtrielen zwischendurch, um das köstliche Nichts hochblubbern zu lassen. Und im Nichts (was auch öde sein darf) plötzlich zu entdecken, womit wir nicht gerechnet haben. Der amerikanische Mythenforscher Joseph Campbell hat einen im guten Sinne erschütternden Satz gesagt: „Wir müssen bereit sein, uns von dem Leben zu lösen, das wir geplant haben, damit wir das Leben finden, das auf uns wartet.“

Autorin: Katja Nele Bode

Mehr zum Thema: