Mobbing am Arbeitsplatz: Das können Sie tun

Wenn harmlose Sticheleien im Joballtag sich zu offenen Anfeindungen entwickeln oder Mitarbeiter systematisch schikaniert werden, stellt sich für Betroffene, aber auch ihre Kollegen und Vorgesetzten die Frage: Wie gehe ich mit Mobbing im Büro um? Diplom-Psychologin Andrea Wenger erklärt, wann Mobbing am Arbeitsplatz anfängt und wie Sie reagieren können.

Eine verzweifelt wirkende, blonde Frau 40plus mit Brille sitzt vor einem Laptop am Schreibtisch

Wenn der Arbeitsalltag zur psychischen Belastung wird: DONNA-Expertin Andrea Wenger erklärt im Interview, was Sie gegen Mobbing im Büro tun können.

Kleine Gemeinheiten, offene Ausgrenzung oder gezielte Demütigung: Mobbing am Arbeitsplatz kann das Berufsleben für Betroffene zur Hölle machen. Doch wie wehrt man sich als Mobbingopfer – insbesondere, wenn es Vorgesetzte sind, die einen schikanieren? Und: Was können Chefs oder Mitarbeiter tun, wenn sie bemerken, dass einzelne Kollegen im Unternehmen systematisch gemobbt werden? Diplom-Psychologin Andrea Wenger zeigt im DONNA-Interview, wie Sie Mobbing im beruflichen Umfeld erkennen und gibt Tipps, wie Sie sinnvoll reagieren können.

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DONNA Online: Bei Mobbing denkt man zu allererst an Hänseleien unter Kindern, zum Beispiel in der Schule. Wie kann Mobbing in späteren Lebensabschnitten aussehen? 
Andrea Wenger: Während es bei Kindern noch um Hänseleien, Ausgrenzung und Schikanen körperlicher oder psychischer Natur geht, umfasst Mobbing ab dem Jugendalter oft schwerwiegendere Sticheleien, Intrigen, üble Nachrede, Verleumdung, Demütigungen, Beleidigung, Einschüchterung, Psychoterror, Drohungen, Quälereien sowie sexuelle und körperliche Belästigungen.

Ab dem Jugendalter findet Mobbing häufig auch über soziale Medien statt. Man spricht von „Cybermobbing“ und meint damit verschiedene Formen der Diffamierung, Beleidigung, Bloßstellung oder Nötigung von Personen über das Internet (Mails, Videos, Chatrooms), häufig auch per Smartphone. Je höher der Nutzungsgrad elektronischer Kommunikationsmedien ist, desto höher ist auch das Risiko für Cybermobbing – das heißt, es betrifft jüngere Menschen wesentlich häufiger als Menschen ab 50 oder 60 Jahren.

Generell besteht das höchste Mobbingrisiko bei der Gruppe der Schüler, Azubis und Studenten. Das hängt wohl damit zusammen, dass sich junge Menschen in einer unsicheren Phase der Orientierung befinden und oft unter enormem psychischen Druck stehen. Sowohl im Kindes-, als auch Jugend- und Erwachsenenalter wirkt sich Mobbing negativ auf die psychische und physische Gesundheit aus. In jeder Altersstufe treten beispielsweise Depressionen – bis hin zu Suizidgedanken – sowie Selbstwertzweifel auf und es kommt zu funktionellen Störungen von Organsystemen.
 
Vermutlich hat sich jeder Arbeitnehmer schon einmal ungerecht von Chef oder Kollegen behandelt gefühlt. Ab wann fängt Mobbing am Arbeitsplatz an?
Damit von Mobbing gesprochen werden kann, müssen generell vier Kennzeichen erfüllt sein:

  1. Ein Kräfteungleichgewicht, das heißt das Opfer steht einem überlegenen Mobber, zum Beispiel dem hierarchisch übergeordnetem Chef, oder mehreren Mobbern alleine gegenüber.
  2. Häufigkeit: Die Schikanen finden regelmäßig statt, das heißt mindestens einmal pro Woche.
  3. Dauer: Die Schikanen erstrecken sich über Wochen oder Monate. Hier gibt es einen Unterschied zu Mobbing im Kindesalter: Bei Kindern spricht man bereits nach drei Wochen eindeutig von Mobbing.
  4. Konfliktlösung: Das Opfer ist ohne Hilfe nicht mehr in der Lage, das Mobbing zu beenden.

Was kann ich tun, wenn ich das Gefühl habe, dass ich im Büro von einem Kollegen oder einer Kollegin gemobbt werde?
Es gibt drei Hauptstrategien, mit denen sich ein Mobbingopfer wehren kann:

  1. Ignorieren: Wenn ein Arbeitnehmer sich in einer Stituation befindet, in der er sich sicher ist, dass er genügend Verbündete hat und dass sein Vorgesetzter hinter ihm steht, kann er zunächst versuchen, die Angriffe des Mobbers zu ignorieren. Im günstigsten Fall durchkreuzt das die Pläne des Mobbers und führt so zur Deeskalation.
  2. Angreifen: Das bedeutet, aktiv auf den oder die Mobber zuzugehen und mit oder ohne Zeugen das Gespräch zu suchen. Man kann den Betriebsrat einschalten oder einen unabhängigen Mobbingberater um Hilfe bitten. Letztendlich sind jedoch auch juristische Schritte möglich, denn Beleidigungen, Verleumdung und die üble Nachrede können angezeigt werden. Außerdem schützt das „Allgemeine Gleichstellungsgesetz“ (AGG) vor Benachteiligungen aufgrund der ethnischen Herkunft, Geschlechterzugehörigkeit (Frauen fallen Mobbing häufiger zum Opfer als Männer), Religion, Weltanschauung, des Alters, der sexuellen Orientierung oder einer Behinderung.
  3. Rückzug: Wenn sonst keine Mittel greifen, hilft nur noch der Gang zu vorgesetzten Instanzen – in der Hoffnung, dass diese den Mobber zur Raison bringen oder aber die Kündigung beziehungsweise die Bitte um Versetzung in eine andere Abteilung.

Und wie sieht es aus, wenn der Chef oder eine andere Person auf Führungsebene mich gezielt drangsaliert?
Wenn das Mobbing vom eigenen Chef ausgeht, bleiben nur wenige Möglichkeiten: Reicht der Rückhalt durch Kollegen nicht aus, bietet es sich an, sich an die nächsthöhere Instanz zu wenden. Findet man auch hier keinen Rückhalt, bleibt nur die Kündigung. Dazu ist vielleicht noch zu erwähnen, dass Studien zeigen, dass Mobbing durch Vorgesetzte insgesamt dem Betriebsklima langfristig schadet und zu Jobfrust und einer gewissen Ellenbogenkultur im gesamten Betrieb führt.
 
Wie sollte ich reagieren, wenn ich bemerke, dass ein Kollege von anderen Kollegen oder dem Chef schikaniert wird? 
Je mehr Unterstützung unter Kollegen besteht, desto höher ist der Schutz vor Mobbing. Wenn Sie beobachten, wie ein Kollege gemobbt wird, können Sie den Mobber direkt zur Rede stellen, sollten dabei aber deutlich Partei ergreifen. Oder Sie begleiten das Mobbingopfer zu Gesprächen. Im gegebenem Fall sollten Sie sich dabei auch trauen, eine andere als die Mehrheitsmeinung im Büro oder Kollegenkreis zu vertreten.
 
Gibt es eine Möglichkeit, sich vor Mobbing am Arbeitsplatz zu schützen – etwa durch ein bestimmtes Verhalten gegenüber Kollegen?
Ein hohes Maß an Selbstbewusstsein schützt vor Mobbing ebenso wie ein offener Kommunikationsstil und eine gewisse Kompetenz in Konfliktlösungsstrategien. Das beinhaltet übrigens auch, dass man die eigenen Anteile am Konflikt reflektieren kann.
 
Was würden Sie einer Führungskraft raten, die bemerkt, dass mit einem Mitarbeiter oder einer Mitarbeiterin etwas nicht stimmt und die Vermutung naheliegt, dass Mobbing dahintersteckt?
Der erste Schritt wäre, das mobbende Verhalten des jeweiligen Mitarbeiters zu benennen und deutlich als unerwünscht zu bezeichnen – eventuell auch immer wieder. Gleichzeitig kann das Gespräch über zugrunde liegende Konflikte gesucht und Lösungen gefunden oder etabliert werden. Hilft dies nicht, das Mobbing zu beenden, können Supervisoren, Konfliktschlichter und/oder der Betriebsrat eingeschaltet werden.

Das Mobbingopfer kann aber auch durch Versetzung oder Beurlaubung des mobbenden Mitarbeiters geschützt werden. In letzter Konsequenz hat ein Vorgesetzter natürlich noch die Möglichkeit, abzumahnen oder zu kündigen.
 
Ist der Arbeitgeber dazu verpflichtet, etwas zu unternehmen, wenn bekannt wird, dass ein Mitarbeiter am Arbeitsplatz gemobbt wird?
Der Arbeitgeber hat gegenüber dem Arbeitnehmer eine Fürsorgepflicht, das heißt er trägt in seinem Rahmen Verantwortung für die physische und psychische Gesundheit seiner Mitarbeiter und dafür, dass ihre Rechte am Arbeitsplatz gewahrt werden. Zu dieser Fürsorgepflicht gehört auch, Mitarbeiter vor Mobbing am Arbeitsplatz zu schützen. Kommt der Arbeitgeber dieser Verpflichtung nicht nach, können gemobbte Mitarbeiter im Zweifel sogar Schadenersatz fordern.