Mutter-Tochter-Beziehung: „Der Tag, an dem ich meine Mutter wurde“

Mal innige Liebe, mal tiefe Abneigung: Die Beziehung zwischen Müttern und Töchtern ist eine ganz besondere. Woran liegt das – und sind wir dazu bestimmt, das Leben unserer Eltern zu wiederholen? Diesen Fragen geht Nicole Zepter in ihrem Buch „Der Tag, an dem ich meine Mutter wurde“ auf den Grund. DONNA Online stellt eine Leseprobe daraus vor.

Schwarz-weißes Porträtbild von Buchautorin und Publizistin Nicole Zepter

Wiederholen wir mit unserem Leben das unserer Eltern – mit all seinen Fehlern? Mit dieser Frage befasst sich Autorin Nicole Zepter in ihrem Buch „Der Tag, an dem ich meine Mutter wurde“.

„Du hörst dich an wie deine Mutter!“ ist eine Aussage, die wohl keine Frau gerne zu hören bekommt. Dabei ist es ein natürliches Phänomen, dass das Verhalten unserer Eltern auf uns abfärbt – ihr Vorbild und ihre Erziehung prägt uns schließlich für das gesamte Leben. Doch wird uns tatsächlich in die Wiege gelegt, wie sich unser persönlicher Lebensweg entwickelt? Wiederholen wir quasi das Leben unserer Eltern und begehen eventuell sogar dieselben Fehler wie sie? Mit dieser Frage beschäftigt sich Nicole Zepter in „Der Tag, an dem ich meine Mutter wurde. Tochtersein zwischen Liebe und Befreiung“. Für das Buch ging die Autorin und Publizistin in ihrer eigenen Familie auf Spurensuche und erforschte ihre persönliche Mutter-Tochter-Beziehung. Zu welchen Erkenntnissen sie dabei kommt? DONNA Online gibt mit einer Leseprobe aus dem Buch einen ersten Einblick:

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Leseprobe zum Buch „Der Tag, an dem ich meine Mutter wurde. Tochtersein zwischen Liebe und Befreiung“ von Nicole Zepter:

Im Sommer 1974 verliebte sich meine Mutter in meinen Vater. Sie wurde schwanger und brachte mich auf die Welt. Achtzehn Jahre lang sollte ich nichts von dieser Liebe und von meinem Vater wissen. Nach gut einem Jahr gingen sie auseinander – meine Mutter hat nie wieder mit meinem Vater gesprochen. Im Jahr 2010 verliebte ich mich in den Vater meines Sohnes. Und wiederholte das intensivste Jahr meiner Mutter bis ins kleinste Detail.

Beide Beziehungen haben ähnliche Muster. Beide Beziehungen haben einen ähnlichen Verlauf. Die Geschichte meiner Eltern endete in Trennung und Distanz. Ich habe ein distanziertes Verhältnis zum Vater meines Kindes. Was war geschehen? Wie konnte es passieren, dass ich das Leben meiner Mutter wiederholt habe? Was sich wie Schicksal anfühlte, wie Marionettenfäden, die ich nicht sehen konnte, wollte ich mir erklären lassen. Von einer Therapeutin, von meiner Familie – und von meiner Mutter.

„Ich wollte nie so sein wie du – warum werden wir dann aber doch wie sie?“

Mütter und Töchter, das sagen Wissenschaftler wie auch Mütter und Töchter selbst, haben eine besondere, intensive Beziehung. Sie schwankt zwischen starker Anziehung und ebenso starker Ablehnung. Vor allem in den Momenten, in denen sich Töchter in ihrer Mutter wiedererkennen, ist die erste Reaktion oft: reine Ablehnung. »Ich wollte nie so sein wie du!« Diesen Satz höre ich oft Töchter über ihre Mütter sagen. Viele Töchter, die die eigene Mutter im Gesicht sehen, erschrecken sich. Ich wollte nie so sein wie du – warum werden wir dann aber doch wie sie?

Die Liebe und die Sehnsucht nach der Mutterliebe prägt, und wir richten uns danach aus. Die Suche nach Liebe und Anerkennung bestimmt unser Verhalten. Diese tiefe erste Beziehungserfahrung prägt uns enorm. Wir geben vielleicht mehr, als uns lieb ist, und stecken eigene Bedürfnisse zurück. Wir erlernen ein Verhaltensmuster. Ein Muster, das uns in den ersten Lebensjahren geholfen hat, doch im späteren Leben vielleicht keinen Sinn mehr macht.

Ein Muster zu erkennen und zu ändern heißt auch, sich selbst zu ändern. Wenn Töchter sich in ihren Müttern wiedererkennen, erkennen sie sich oft in den Schwächen wieder. Und werden so mit den eigenen Schwächen konfrontiert. »Ich dachte immer, ich sei stärker als sie. Ich bin jedoch genauso schwach wie sie.« Diese Erkenntnis kann befreiend sein und einen Entwicklungsschritt vorantreiben: Ich bin nicht die, die ich zu sein glaubte. Wer bin ich dann – und wie möchte ich mein Leben gestalten?

Wenn ich mich an die Frau erinnere, die mich so sehr prägte, erinnere ich mich an eine weiche, feminine Mutter, die ich beschützen wollte. Ich erinnere mich an eine schmale Frau in Jeans und einem graublauen Pullover. Schlicht, ein wenig lässig. Sie hatte kurzes dunkles Haar. Es waren die 1980er-Jahre. Sie war immer noch jung, in den Dreißigern. Meine Mutter, dachte ich, war etwas Zartes, Verletzliches. Als junges Mädchen war ich emotional so sehr von ihr abhängig, dass ich dachte, würde sie sterben, wollte ich mich umbringen. 

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„Ich hatte das erste Mal den Blick dafür, sie als Mensch zu sehen.“

Ob ich es tatsächlich getan hätte? Ich hatte den Satz im Kopf: Sie ist meine Göttin. Wer sie wirklich war, wurde mir erst viel später bewusst, erst dann, als ich selbst Mutter wurde. Ich hatte das erste Mal den Blick dafür, sie als Mensch zu sehen. Mit Höhen und Tiefen, Schwächen und Stärken. Ich hatte das erste Mal den Blick und die Größe, ihr zu verzeihen. Ihr zu danken. Und ihr meine Konflikte nicht mehr zu übertragen. 

Was ich jahrelang nicht von ihr wusste, aber ahnte, war ihre Lüge. Ihre Angst. Ihre Verletzung. Achtzehn Jahre lang meinen Vater zu verschweigen, die Angst vor der Entdeckung zu verschweigen, die Scham der Großeltern über ein uneheliches Kind zu verschweigen, all das hat sie auch zu einer unnahbaren Person gemacht. Doch wurde ich als Zwanzigjährige nicht auch Eisprinzessin genannt? War ich nicht wie sie? Welche Rolle hat sie für mich eingenommen? War sie die Zugewandte? Die Schroffe? Die Sorgende? Die Distanzierte? Die Bedürftige? 

Ich erinnere mich an meine tiefe Abneigung als Kind gegenüber der Bedürftigkeit meiner Mutter. Sie konnte sich schwer durchsetzen. Auch dann, wenn mein Stiefvater mich demütigte oder mir eine Ohrfeige gab. Sie blieb dann stumm. Parteilos. Zog sich zurück. Das Wichtigste ist Unabhängigkeit, sagte meine Mutter mir oft. Doch dieses Signal kam nicht von einer emanzipierten Frau.

Es war ihr eigener Wunsch an sich selbst, den sie nicht verwirklichen konnte. Doch der Glaubenssatz blieb bei mir: Ich brauche keinen, ich kann alles allein. Noch heute fällt es mir schwer, jemanden um Hilfe zu bitten oder jemandem zu sagen: Ich brauche dich. Meiner Mutter sage ich das sehr selten.

Eine Tochter lernt über ihre Mutter, wie es ist, eine Frau zu sein. Ich lernte, dass ihr Frauenbild nicht glücklich macht, und handelte stets in Opposition zu meiner Mutter. Sie war die Schwache. Ich die Starke. Die, die vorpreschte, wenn andere sich zurückzogen. Ich übernahm Verantwortung. Auch für sie. Bis heute bin ich davon überzeugt, meinen Nachnamen bei einer Heirat nicht abgeben zu wollen. Meine Mutter hat sich ihren Mädchennamen vor Kurzem zurückgeholt.

„Sie zog aus und verschwand aus meinem Leben“

»Ich wollte nie so sein wie du!« Dieser Satz wurde für mich ein Mantra, als ich nach achtzehn Jahren erfuhr, dass meine Mutter mich angelogen hatte. Und jetzt unfähig war, mit dem Konflikt umzugehen. Das möchte ich meinen Kindern nie antun, dachte ich. Ich erinnere mich daran, wie sie aus einem Urlaub zurückkam und mir ihr Gesicht wie eine Maske vorkam. Sie hatte sich entfremdet. Von ihrem Mann, von ihrer Familie. Von mir. Sie zog aus und verschwand aus meinem Leben. 

Als ich mich innerlich enttäuscht von meiner Mutter distanzierte und gleichzeitig tief verletzt nach ihrer Liebe suchte, wurde ich von einem Mädchen zur Frau. Vogelfrei bin ich, sagte ich damals. Es klang nicht glücklich. Und wirklich frei war ich auch nicht. Wie ein unsichtbares Band klebte etwas zwischen meiner Mutter und mir, zwischen meiner Familie und mir. Etwas zog an mir. Und ich ließ es ziehen.

Ich war ihr verbunden und wurde ihr mehr und mehr ähnlich. Manchmal war es der Kommentar eines Freundes, der mich aufschrecken ließ. Etwa, wenn er mich für etwas kritisierte, das ich selbst meiner Mutter vorwarf. Oder ich erschrak, wenn ich einen Ton anstimmte, den ich von meiner Mutter kannte. Doch das erschien mir normal. Würde jedem passieren. Wir alle werden ein bisschen wie unsere Eltern und verlieben uns in die Männer, die unsere Väter waren. Doch was das wirklich bedeutete, das wusste ich nicht. 

Die Beziehung zu einer Mutter ist etwas so existenziell Prägendes und so selbstverständliches, dass es manchmal eine extreme Situation braucht, um die Dinge mit Distanz betrachten zu können. Als ich genau die schmerzhafte Enttäuschung meiner Mutter wiederholte, gelang es mir das erste Mal, meine Mutter als Mensch zu sehen, als Frau.

Ich wiederholte ihr Jahr, in dem sie glaubte, ihre große Liebe gefunden zu haben, eine Familie gründen zu wollen – um dann doch als enttäuschte Frau mit unehelichem Kind wieder zu Hause bei den Eltern zu landen. Ich wiederholte ihren Männertyp. Ihre Ängste. Ich wiederholte ihre Bedürfnisse. Ich konnte aus der Parallele lernen. Doch werde ich ganz von dem Muster meiner Mutter befreit sein? Diese Geschichte ist eine Spurensuche in das Unbekannte in meiner Familie – etwas, das uns scheinbar unbewusst zieht, uns leitet oder urplötzlich über uns hereinbricht, weil es immer schon da gewesen ist.

Diese und weitere Gedanken finden Sie im Buch „Der Tag, an dem ich meine Mutter wurde“ von Nicole Zepter

Cover des Buches „Der Tag, an dem ich meine Mutter wurde“ von Nicole Zepter, erschienen bei Blessing

Der hier aufgeführte Textauszug ist dem Buch „Der Tag, an dem ich meine Mutter wurde. Tochtersein zwischen Liebe und Befreiung“ von Nicole Zepter entnommen, Blessing Verlag, 17 Euro.