DONNA-Dossier „Jetzt lebe ich mein Leben!“: Und plötzlich öffnen sich wieder Türen

Viel ausgehalten. Etwas gewagt. Alles gewonnen! Wenn man denkt, es geht nicht mehr, kommt von irgendwo ein Lichtlein her… Oft ist es aber auch an uns selbst, in einer Krise aktiv zu werden. Drei Frauen erzählen, wie sie einen inneren Schalter umgelegt und ihr Leben mutig verändert haben. Dieses Mal: Annette Hohberg, die am Ende ihrer Kraft alles auf eine Karte setzte.

Blonde Frau läuft mit einem blauen Koffer auf einer breiten Straße vor den Bergen

Das eigene Leben trotz Rückschlägen mutig verändern: Drei Frauen berichten, wie es ihnen dabei ergangen ist.

„Der Mut zu träumen kam zurück“

Ein Rückschlag nach dem anderen regnet auf Annette Hohberg herab. Am Ende ihrer Kraft setzt sie alles auf eine Karte – und alles wird gut.

Manchmal kommt es ganz dicke. Dann steht man da wie diese unglückselige Marie, die im Gegensatz zu ihrer goldigen Schwester von kübelweise Pech überschüttet wird. Im Märchen büßt das arme Ding natürlich für böse Taten. Im Leben dagegen ist es mit Gerechtigkeit nicht so weit her. Denn Schlimmes angestellt hatte ich nun wirklich nicht. Und wer auch immer da beschlossen hatte, mich schwarz einzukleistern, ob das am Ende Gottes Werk oder Teufels Beitrag war, dieser Jemand hat ganze Arbeit geleistet.

Es begann mit einem Koffer. Einem Koffer, den ich so ungeschickt über eine kleine Stufe hievte, dass es mir ins Kreuz schoss. Iliosakralgelenk, kurz ISG, sagten die Ärzte, denen ich nach meinem Urlaub krumm vor Schmerz gegenübersaß. Das dauert, sagten sie ungerührt, sprachen von Schonung und Vernunft und entließen mich mit einer Krankmeldung, die wöchentlich erneuert wurde. Einstweilen vorbei der Traum von der Fortsetzung meines Yogalehrer-Trainings; ich schaffte es mit Krücken ja gerade mal zum Brotholen um die Ecke.

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Zwei Monate ging das so, dann meinte ich, wieder zur Arbeit kriechen zu können, heulte bereits nach der Mittagspause, biss jedoch die Zähne zusammen und machte weiter – übrigens auch mit der Ausbildung, Ibuprofen sei Dank. Damals hatte ich noch diese irrige Vorstellung, dass uns stärker macht, was uns nicht umhaut. Dass just zu dieser Zeit mein Vater mit schwerer Demenz ins Pflegeheim kam, nahm ich als Draufgabe für meinen Tapferkeits-Marathon. Da ist doch immer die Rede von der Krise als Chance. Unglück gehört schließlich zum Leben und das eine ist ohne das andere undenkbar. Also, bitte, wer wird denn nun schlappmachen?

Die folgenden Monate straften diesen Quatsch dann allerdings so was von Lügen, weil es einfach verdammt noch mal schrecklich ist, an Krankenhausbetten zu sitzen, Mediziner von Lungenentzündung, Blutvergiftung, Magensonde und Reanimation reden zu hören und nichts tun zu können, als regelmäßig 900 Kilometer mit dem Flugzeug zurückzulegen, um Papas heiße Hand zu halten, ihm Schweißtropfen von der Stirn zu wischen und seinen flehentlichen Blicken eine Zuversicht entgegenzuhalten, an die ich selbst langsam nicht mehr glaubte. Nein, es wird eben nicht immer alles gut!

Urlaub, japste ich nach neun Monaten. Auszeit. Wenigstens zwei Wochen. Mein Mann Peter und ich fuhren nach Apulien, nur weit weg von allem. Sechs Tage währte das Sonne-und-Meer-und-Wein-Glück, als mich im letzten Winkel des italienischen Stiefels ein Anruf meiner Firma erreichte: Allen Mitarbeitern wird zum Jahresende gekündigt. Ich schob unter südlichen Olivenbäumen noch einigermaßen trotzig beiseite, was da anrollte, aber Unbeschwertheit sieht anders aus.

Zurück in Deutschland bemächtigten sich Wörter wie Sozialplan, Abwicklung und Arbeitsamt meines Lebens. Papas Kampf mit der Krankheit ging weiter, während Peter, bislang eisern alle Zumutungen ertragend, mit Burnout zusammenbrach. Zwei Monate raus, erklärte sein Arzt in selten deutlicher Resolutheit. Wir schaffen das, hauchte ich, inzwischen bereits kleinlaut. Auf das neue Jahr stießen wir ziemlich vorsichtig an.

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Als Peter im Februar wieder mehr schlecht als recht auf den Beinen stand, starb sein Vater – und fünf Tage später meiner. Wir hielten uns binnen einer Woche an zwei Gräbern fest an den Händen und dachten: Schlimmer kann’s nun nicht mehr werden. Weit gefehlt! Ich kürze jetzt mal ab: Nach einem Sommer mit Herzinfarktverdacht erhielt mein Mann auf den Tag genau ein Jahr nach mir die Kündigung. Dass einige (nicht alle!) Freunde mittlerweile auf Abstand gingen, weil es selbst mir nicht mehr gelang, auch nur im Ansatz Zuversicht und gute Laune zu versprühen, ließ mich so manche Nacht durchweinen.

Ich hatte zwar beruflich wieder gut zu tun, aber es war, als steckte ein Virus in mir, mit dem sich niemand infizieren wollte. Unglück und Trauer und Dünnhäutigkeit sind eben nicht sexy, sie sind nicht facebooktauglich, sie sind nichts – außer riesengroßer Mist.

Und dann passierte etwas, genauer, es passierte in uns. Peter fand ein Haus zum Mieten – herrliche Lage, idealer Schnitt, günstiger Preis, genau das, was wir uns immer in unseren Wenn-wir-denn-in-Rente-sind-Luftschlössern gebaut hatten. Allerdings stand dieser Traum am anderen Ende Deutschlands. Wir kämpften ein Wochenende lang mit inneren Warngeistern, die uns einflüstern wollten, doch nicht jetzt auch noch gut 1000 Kilometer mit dem Auto zurückzulegen, um eine Immobilie zu begucken. Ein bisschen was von den Bremer Stadtmusikanten trieb uns wohl an, als wir eilig ein paar Klamotten in den Koffer stopften und losfuhren.

Etwas Besseres als den Tod finden wir überall. Wir sollten viel mehr finden. Genau diese Entscheidung war es nämlich, die die Kehrtwende brachte. Nicht nur dass wir das Haus bekamen, es öffnete sich plötzlich eine Tür nach der anderen. Es gab neue Jobangebote in unserer bald neuen Heimat, und meine Mutter und ihr Mann fanden just in diesen Wochen ebenfalls eine Wohnung dort, praktisch um die Ecke. Aber das Wichtigste war: Der Mut zu träumen kam zurück.

Dadurch, dass wir jetzt das Gewohnte hinter uns lassen, um etwas Ungewohntes zu beginnen, schiebt sich ein heilender Abstand zwischen gestern und heute. Indem wir hier noch unsere Keller entrümpeln und unsere Siebensachen für die Zukunft zusammenpacken, können wir diese tiefschwarzen letzten Jahre nun als das betrachten, was sie sind: Vergangenheit.

Wir machen Pläne, und manchmal machen wir vor lauter Über-Mut auch Blödsinn, der uns völlig aus dem Nichts heraus zum Lachen bringt. Ja, wir haben den Schalter umgelegt, die Risikokarte gespielt und unseren durch all den Kummer erlahmten Flügeln damit Auftrieb gegeben, auf dass sie sich den Himmel zurückerobern. Zugegeben, da ist noch immer Erschöpfung in mir. Eine Rekonvaleszente bin ich, wie nach einer langen Krankheit, aber ich fühle wieder Sonne im Herzen. Ich schlage jetzt im Märchenbuch des Lebens ein neues Kapitel auf. Könnte Sterntaler sein

Autorin: Annette Hohberg

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