Kolumne: Ist Sex wirklich so wichtig?

Nö! Auf jeden Fall nicht der, der sich zu immer neuen, höheren Gipfeln aufschwingen soll, findet DONNA-Autorin Katja Nele Bode. Ein Plädoyer für erotische Gelassenheit.

Eine ältere Frau mit blonden Locken sitzt lachend auf dem Schoß ihres Mannes und hat die Hände um seinen Nacken gelegt, gemeinsam sind sie auf dem Bett

43 Prozent der Frauen über 57 berichten über fehlendes, sexuelles Interesse, so eine amerikanische Studie. Bei den Männern geben das immerhin 28 Prozent zu.

Sex ist lauter denn je. Und drängt uns an die Wand: Da sind die Sex-Seminare, die man unbedingt gemacht haben muss, Tonnen an Liebesratgebern und die immer gleichen trostlosen Sextoys. Von allen Seiten tönt es, dass zu einem guten Leben unbedingt viel Sex gehört. Aber ist das wirklich so?

Das ewige Gelaber ums Kommen und Stehen

Ganz kurz: Niemandem, der bis ins hohe Alter mit Wonne und vitalem Partner in die Kiste springen mag, soll hier die Lust verdorben werden. Aber es gibt viele, die bei dem Tempo nicht mithalten können und vielleicht auch gar nicht wollen. Denen das ewige Gelaber ums Kommen und Stehen unbeschreiblich auf die Nerven geht. Die spüren, da kann was nicht stimmen, dass diese intime Begegnung zwischen zwei Menschen in Benchmarks umgerechnet wird. Und die sich doch heimlich die Haare raufen, wenn eine Boulevard-Zeitung mal wieder titelt: „Wir sind Mitte 60 und schlafen zweimal die Woche miteinander.“

Denn Sex ist einfach kein Perpetuum mobile, das sich dreht und dreht. Und man ist auch kein unlustiger Versager, wenn man es nicht schafft, da aufzuspringen: Die Studien der kanadischen Sozialwissenschaftlerin Ela Przybylo zeigen, dass die meisten Menschen mit viel weniger Sex klarkommen, als immer kolportiert wird. Es ist nämlich so: Werden Menschen zu ihrem Sex-Life befragt, schummeln sie fast immer – weil in unserer Kultur alle glauben, offiziell die Latte höher legen zu müssen.

Toy Story: Wenn ein Paartherapeut auf Sextoy-Beraterinnen trifft.

Ist unsere Öffentlichkeit zu sexualisiert?

In einem kritischen Essay rückt die Forscherin alberne Sex-Mythen zurecht. Sie schreibt von einer „stark sexualisierten Öffentlichkeit, die häufigen und regelmäßigen Geschlechtsverkehr als Norm und lebenslange Notwendigkeit“ definiere. Was dazu führe, dass Menschen, die mit einer weniger starken Libido ausgestattet sind, diskriminiert würden.

Die bessere Boulevard-Schlagzeile wäre also eine andere: „Unser Sex wird verramscht – wir springen ab.“ Ja, wir bräuchten eine neue sexuelle Revolution. Dann könnten wir auf die Frage „Ist Sex wirklich so wichtig?“ einfach antworten: „Nö!“ Weil wir den Sex, wie er heute oft definiert wird, überhaupt nicht wichtig finden. Diesen Sex, der wie eine Leistung erbracht werden muss – trotz Stress, trotz Unlust, trotz Älterwerdens. Der sich längst eingereiht hat in die Dreifaltigkeit zwischen ewig zu haltender Schönheit und Fitness.

Sehr erleichternd ist, was der Sexualpsychologe Christoph Ahlers vorschlägt. Er rät nämlich, einfach auszusteigen. Sinnliches Vergnügen und gutes Körpergefühl könnten nur dort entstehen, wo der Einzelne oder auch zwei sich einen Schutzraum suchen würden, um sich zu widersetzen. Einen Schutzraum, der dem Müssen und Sollen Einhalt gebietet. In diesem Schutzraum, unter dieser Decke, können wir zu zweit, aber auch allein aushecken, was uns antörnt. Rausscheuchen, was uns kaltlässt. Und endlich mal Gegenfragen stellen wie: Wer hat sich das mit dem Leistungs-Sex ausgedacht? Warum geht es immer nur um den Orgasmus? Was, wenn ich Sex als eine kostbare Sache betrachte und genau deshalb respektieren kann, dass er sich rarmacht?

Die Scham, keinen Sex zu haben

Die belgische Psychotherapeutin Esther Perel, die in den USA den millionenfach geklickten Beratungs-Podcast „Where Should We Begin?“ betreibt, ist sich in ihrer handfesten Art sicher, dass wir viel zu viel Wert auf das „Wie oft?“ legen. Sie weiß: „Früher haben sich die Leute geschämt, wenn sie Sex hatten. Heute schämen sie sich, wenn sie keinen haben.“ Und entlarvt damit unseren Sexstress auch als Phänomen der Gegenwart. Genauso wie den Spleen, dass prickelnde Vögelei und langes Zusammenleben ganz selbstverständlich kompatibel seien. „Wie soll das gehen?“, fragt Perel gar nicht provokant: „Können wir Verlangen verspüren nach etwas, das wir schon haben?“ Nein!

Mehr Lust auf Sex: Diese 6 natürlichen Mittel steigern die weibliche Libido

Aber die lebenskluge Frau hat auch Trost parat: Man könne ohne Sex leben. Aber nicht, „ohne angefasst zu werden“. Nähe, Berührung. Allein, sich diese Worte zu Gemüte zu führen, kann entlasten. Auch nachdenklich machen: Habe ich das? Bemühe ich mich darum? Wann haben wir uns zum letzten Mal in den Arm genommen, geküsst? Wonach sehnt sich mein Körper? Und: Warum haben wir so selten danach gesucht, was uns jenseits von „Wham Bam Thank You Mam!“ zum Erschauern bringen könnte? Warum stellen wir uns diese Zeit, in der sich in unserem Körper definitiv etwas verändert, nicht einfach wie eine zweite Pubertät vor? In der wir mit der spielerischen Neugier eines Teenagers und dem Know-how und der Entspanntheit des längst Erwachsenen uns und den, der mit im Bett liegt, neu erkunden. Mal tastend, mal wagemutig.

To-Do: Einfach mal die Luft rauslassen

Was beim Erforschen hilft: die Luft rauslassen. Schlaffheiten zulassen. Die Unsicherheit zum Aphrodisiakum machen. Statt ein Ziel erreichen zu wollen, rät die US-Sextherapeutin Maci Daye zum Runterfahren und Langsamer-Werden. Zur Achtsamkeit. Nur so könne man überhaupt wieder neugierig werden, seinen Körper wahrnehmen, der im ganzen verkopften Alltagsstress taub und stumm wird. Erst in so einer neuen Stille kann man endlich all die schalen Bilder von außen wegdrängen und im Innersten mal danach wühlen, wonach Becken, Bauch und Haut sich wirklich sehnen.

Man könnte sich auch erst mal erinnern, was es bis dato an gutem Sex gab. Womöglich ist da ja ein großes Haben-Konto, auf dem Ekstase und wilde Höhepunkte eingebucht sind. Die einem ja irgendwie gehören. Warum ins Minus rutschen, nur weil man glaubt, das Plus unter Ächzen maximieren zu müssen.

Okay, noch mal zurück unter die Decke. Da liegen wir nun und könnten ganz leise (und dann vielleicht lauter) darüber reden, dass viele Männer extrem unter Druck stehen, ihre Potenz bis ins hohe Alter unter Beweis zu stellen, auch wenn sie gar nicht mehr so gut können. Die Schweizer Professorin für Psychologie Pasqualina Perrig-Chiello schreibt in ihrem Buch „Wenn die Liebe nicht mehr jung ist“ (Hogrefe Verlag) von einer „signifikanten Zunahme“ von Impotenz und Erektionsstörungen bereits im Alter zwischen 50 und 60, was die Betroffenen massiv belaste. Und immer noch würde darüber vornehmlich peinlich geschwiegen. Klingt vielleicht nicht schön und sexy. Sollte aber trotzdem mal unter die ewigen „Ich komme!“-News gestreut werden. Ganz ehrlich, es kann wesentlich selbstbestimmter und „männlicher“ klingen, wenn ein Typ sagen kann: „Ach, da ist doch auch irgendwann ein bisschen die Luft raus.“ Statt klammheimlich auf Potenzmittelchen zu setzen.

Auf ins unsichere Terrain!

Könnte sein, dass wir uns dann befreien. Von den fabelhaften Körpern, die es nicht braucht fürs Fallenlassen. Von den Hemmungen, die uns so kleinlaut gemacht haben. Von der Idee, unsere eigene Lust zurückzustellen hinter die des anderen. Schöne, amouröse Weisheit am Rande: Etwas Neues wagen lohnt sich, unsicheres Terrain macht Herzklopfen. Esther Perel, die so viel von Berührung und Zärtlichkeit hält, warnt eindringlich vor festgefahrener Zweisamkeit: „Beziehungen brauchen Freiheit, damit sich Lust entwickeln kann.“ Das Pochen auf Sicherheit und Klammern sind daher echte Liebestöter.

Nein, wir müssen verstehen: Sex, vor allem der, der in die Jahre kommt, kann lächerlich, gemächlich, schief und selten sein, manchmal hat man ihn vielleicht auch nur mit sich selbst. Wir sollten ihm seine Freiheit lassen, wie einem Tiger, der seine wilde Zeit hinter sich hat. Darauf vertrauen, dass er sich schon wieder auf die Jagd machen wird, wenn er denn Lust dazu hat. Und sicher sein, dass er bis dahin gern mal spielt. Sich rekelt, urplötzlich frohlockt und für alle möglichen Albernheiten zu haben ist – mit großem Vergnügen.

Autorin: Katja Nele Bode