Patchworkfamilie: So gelingt das Zusammenleben

Wenn Ehen geschieden werden und die Elternteile einen neuen Partner finden, entstehen ganz neue Familienkonstellationen. In ihrer Kolumne berichtet Paartherapeutin und Familienberaterin Nicola Raßmann über das Phänomen Patchworkfamilie – und gibt Tipps für ein harmonisches Miteinander im Alltag.

Bild einer Großfamilie, die im Meer badet

Durch individuelle Lebensentwürfe entstehen heutzutage oftmals komplexe Patchworkfamilien.

50 Prozent aller in Deutschland geschlossenen Ehen werden innerhalb der ersten sieben Jahre geschieden. Ein großer Anteil der Geschiedenen hat nach einem Jahr wieder einen neuen Lebenspartner. So entstehen komplexe Familienformen, deren Mitglieder so unterschiedlich zusammengewürfelt sind, wie die einzelnen Flicken einer Patchworkdecke.

„Ihr seid der Wahnsinn!“ Lesen Sie hier die DONNA-Familienkolumne.

Gesellschaftliche Veränderungen bringen neue Lebensentwürfe

Die Stief- oder Patchworkfamilie ist abzugrenzen von der sogenannten Kernfamilie, die aus einem verheiraten Ehepaar mit mindestens einem leiblichen Kind besteht. In der Nachkriegszeit erlebte die Kernfamilie ihre gesellschaftliche Blütezeit, wurde aber schon seit Ende der 60er-Jahre aufgrund gesellschaftlicher Umwälzungen in Frage gestellt. Frauen wählen seitdem immer öfter individuelle Lebensentwürfe, wollen schon lange nicht mehr auf ihre Mutterrolle reduziert werden und verwirklichen sich im Berufsleben. Auch die Männer sind seit längerem auf der Suche nach neuen Leitbildern und wünschen sich neben einer beruflichen Karriere eine intensive Beziehung  zu ihren Kindern.

Diese bedeutenden gesellschaftlichen Veränderungen, einhergehend mit einer veränderten Gesetzeslage führen neben der gewonnenen Freiheit auch zu Verunsicherungen und in der Folge vermehrt zu Brüchen im familiären Zusammenleben. Die meisten Paare möchten am Konzept der auf Dauer angelegten Beziehung festhalten. Somit lässt sich erklären, warum Menschen auch nach Umbrüchen wie Trennung oder Tod heutzutage in vielfältigen Familienformen und Elternkonstellationen zusammenleben.

Patchworkfamilie durch getrennt lebende Eltern – ein Fallbeispiel

Wurde in der Stieffamilie früher vor allem ein verstorbener Elternteil durch einen neuen Lebenspartner ersetzt, so tritt in den modernen Patchworkfamilien meist ein neuer Partner zu dem getrennt lebenden Elternteil hinzu. So entstehen neue, sehr komplexe familiäre Strukturen, wie unser Fallbeispiel der Familie Muster-Mann:

Sophie (16) lebt die Woche über mit ihrer Mutter Birgit Muster (44, Physiotherapeutin) und deren neuem Lebensgefährten Klaus Mann (42, Journalist) zusammen. Die Wochenenden verbringt Sophie bei ihrem leiblichen Vater Nick (50, Optiker). Dieser wohnt seit der Scheidung von Birgit vor sieben Jahren in der benachbarten Kleinstadt. Sophie hat einen kleinen Halbbruder (Luis, 5). Er ist das gemeinsame Kind von Birgit und Klaus. Zwischen Sophie und Klaus gibt es in letzter Zeit viel Streit, weshalb Sophie überlegt, zu ihren Vater Nick zu ziehen. Luis versteh nicht, warum Klaus nicht auch Sophies Vater ist und warum ihn an den Wochenenden nicht auch jemand zum Spielen abholt. In den Ferien wohnt zusätzlich noch Antonia (13) bei der Familie Muster-Mann. Sie ist die leibliche Tochter von Klaus aus seiner geschiedenen Ehe mit Eva (39, Stewardess). Antonia freut sich zwar immer auf ihren Vater, versteht sich aber nicht gut mit Sophie und fühlt sich in der Familie nur als Gast. Birgit hat sich zwar immer eine große Familie gewünscht, fühlt sich aber in letzter Zeit häufig überfordert mit der Organisation ihrer Patchworksituation.

Merkmale einer typischen Patchworkfamilie

Auf den ersten Blick sieht das Familienbild von Patchworkfamillien wie das der Familie Muster-Mann sehr verwirrend aus. Es lassen sich jedoch auch für diese Form familiären Zusammenlebens folgende charakteristische Merkmale feststellen:

  • Häufig haben fast alle Beteiligten in der Vergangenheit eine wichtige Bezugsperson verloren
  • Eine Frau und ein Mann entscheiden sich für eine neue Partnerschaft (auf die besondere Situation von gleichgeschlechtlichen, sogenannten „Regenbogenpaaren“ wird hier nicht eingegangen). Einer oder beide bringen Kinder mit in diese neue Partnerschaft.
  • Die Kinder bleiben Kinder ihrer leiblichen Eltern und wohnen daher meist in zwei Haushalten.
  • Es entstehen neue Stief- und Halbgeschwister-Konstellationen.
  • Elterliche Rechte besitzen nur die leiblichen Eltern. Die Rechte und Pflichten des Stiefelternteils müssen in jeder Familie ausgehandelt werden

So gelingt das Zusammenleben als Patchworkfamilie

Die familiären Beziehungen sind in Patchworkfamilien vielfältiger als in Kernfamilien. Dieses komplexe Zusammenleben harmonisch zu gestalten, ist eine der wichtigsten Aufgaben für alle Familienmitglieder. Wie das gut gelingen kann, zeigen zahlreiche Studien. Folgende Punkte scheinen zentral für die gute Entwicklung einer Patchworkfamilie zu sein:

  • Co-Parenting, also die gemeinsam wahrgenommene Erziehungsverantwortung des getrennten Elternpaares
  • Die gute Integration des Stiefelternteils in die Familie. Dieser Prozess dauert in der Regel bis zu sieben Jahren. Wie die Beziehung zwischen Stiefeltern und Stiefkindern letztendlich aussieht, ist von Familie zu Familie unterschiedlich und kulturell variabel.
  • Aufmerksamkeit gegenüber den komplexen familiären Strukturen und Bereitschaft zu lösungsorientiertem Handeln.

Wird den Besonderheiten und den sich daraus ergebenden Herausforderungen seitens der biologischen und der neu hinzugekommenen Eltern Rechnung getragen, kann ein sehr bereicherndes, vielseitiges und lebendiges Miteinander entstehen.

Rat und Hilfe können betroffene Familien vor Ort über das zuständige Jugendamt, über freie oder öffentliche Beratungsstellen oder Praxen für Familientherapie erhalten.