Kampf gegen Plastikmüll: Die wichtigsten Fakten zum EU-Plastikverbot

Mit neuen Verboten und Vorschriften will die EU-Kommission der Verschmutzung der Weltmeere entgegenwirken. Bestimmte Plastik-Wegwerfprodukte könnten bald der Vergangenheit angehören. Die wichtigsten Fragen und Antworten zum geplanten Plastikverbot. 

Mit Plastikmüll verschmutzter Sandstrand

Bis zu 85 Prozent des Mülls an europäischen Stränden sind nach EU-Angaben Plastik – die Hälfte davon Wegwerfprodukte zum einmaligen Gebrauch.

Jede Minute gelangt irgendwo auf der Welt ein ganzer Mülltransporter voll Plastikmüll ins Meer. Wenn sich daran nichts ändert, werden 2050 vom Gewicht her mehr Plastikteilchen als Fische darin schwimmen. Allein diese beiden Fakten zeigen, wie wichtig es ist, den Plastikkonsum zu reduzieren – und das ist mittlerweile auch in Brüssel angekommen. Aus Sorge, dass der Planet mit Plastik zugemüllt wird, legte die Europäische Kommission Ende Mai 2018 einen Legislativvorschlag zu Einwegprodukten vor und läutete so ganz offiziell die erste Runde im Kampf gegen Plastikmüll ein. Damit realisiert die Kommission die erste Maßnahme ihrer Kunststoffstrategie, die sie bereits im Januar 2018 in Brüssel präsentiert hatte. Ihr zufolge sollen bis 2030 alle Kunststoffverpackungen in der Europäischen Union (EU) recyclingfähig sein. Einige Plastikprodukte sollen gänzlich verboten werden. DONNA Online fasst die wichtigsten Fragen und Antworten zum Plastikverbot für Sie zusammen.

Umweltfreundlicher Leben: 5 Tipps, um Mikroplastik zu vermeiden

Wo liegt das Problem?

Nach Angaben der EU-Kommission entstehen allein in der EU jedes Jahr rund 26 Millionen Tonnen Plastikmüll. Nicht mal ein Drittel davon wird zur Wiederverwertung gesammelt. Der Rest landet auf Deponien, wilden Müllkippen, in Flüssen oder im Meer. Nordöstlich von Hawaii treibt ein Müllstrudel (Great Pacific Garbage Patch), der etwa 4,5-mal so groß ist wie Deutschland. Vier weitere Müllteppiche schwimmen in den anderen Ozeanen. Immer wieder werden an Küsten und Stränden Wasservögel und Fische entdeckt, die aufgrund ihrer mit Plastik gefüllten Mägen verendet sind. Bis zu 85 Prozent des Mülls an europäischen Stränden sind nach EU-Angaben Plastik, die Hälfte davon Wegwerfprodukte zum einmaligen Gebrauch.Das Paradoxe daran ist, dass sie trotz ihrer kurzen Nutzungsdauer extrem langlebig sind. „Eine Plastikflasche hat zum Beispiel eine Zersetzungszeit von 200 bis 450 Jahren, bis man sie mit dem bloßen Auge nicht mehr sehen kann“, berichtet Autorin Esther Gonstalla in ihrem Infografikbuch „Das Ozeanbuch – Über die Bedrohung der Meere“.

Was will die Kommission dagegen tun?

Nachdem die EU-Kommission bereits im Januar 2018 forderte, dass bis 2030 alle Kunststoffe in der EU wiederverwertbar sein sollen, präsentierte sie in ihrem Legislativvorschlag nun konkrete Vorschläge für Verbote und Recyclingvorschriften. Plastikgegenstände, für die es leicht verfügbare, weniger schädliche Alternativen gibt, sollen komplett verboten werden. Dazu gehören neben Einweggeschirr und -besteck auch Strohhalme, Getränkerührstäbchen, Halter für Luftballons und Wattestäbchen. Zudem sollen einige Einmalprodukte massiv zurückgedrängt werden, darunter Fastfood-Verpackungen, Luftballons, Getränkebecher und -deckel. Damit letztere nicht mehr durch die Landschaft fliegen, sollen sie künftig mit Einwegbechern und -flaschen fest verbunden sein.

Hersteller von „top litter items“, also denjenigen Plastikprodukten, die am häufigsten an europäischen Stränden gefunden wurden, sollen verstärkt in die Verantwortung genommen und an den Kosten für Müllsammlung und bewusstseinsbildenden Infokampagnen beteiligt werden. Diese Verantwortungserweiterung betrifft unter anderem die Hersteller von Lebensmittelbehältern, Chipstüten, Zigarettenfiltern und dünnen Plastiktüten. Darüber hinaus sollen bestimmte Produkte wie Luftballons, Feuchttücher und andere Hygieneartikel mit auffälligen Warnhinweisen versehen werden, die über Umweltrisiken und die sachgemäße Entsorgung (im Restmüll statt in der Toilette) aufklären.

Den EU-Staaten will die EU-Kommission das Ziel vorgeben, bis 2025 mindestens 90 Prozent der Einwegplastikflaschen getrennt zu sammeln. Eine Umsetzungsmöglichkeit wäre ein Einwegpfand, der in Deutschland bereits 2003 eingeführt wurde.

Quelle: Maßnahmenpaket der EU-Kommisson (PDF).

Eine Plastikflasche schwimmt im Meer

Bis zu 450 Jahre kann es dauern, bis eine PET-Flasche komplett zersetzt ist.

Welche Konsequenzen hat Mikroplastik für den Menschen?

Unter Mikroplastik versteht man bis zu fünf Millimeter große Plastikteile, die sich über Jahre im Meerwasser zersetzen und langlebige organische Schadstoffe (POPs, engl. persistent organic pollutants) anziehen und speichern können. Auch die bei uns als Weichmacher bekannten polychlorierten Biphenyle (PCB) gehören zur Gruppe der POPs. Durch die Absorbierung dieser Schadstoffe wird das Mikroplastikteilchen hochgiftig und gibt sie, wenn mit der Nahrung aufgenommen, an Meereslebewesen weiter. Plastikmüll ist also auch in seiner kleinsten Form verheerend – nicht nur für die Tierwelt. „Eine Studie hat ergeben, dass jeder Europäer bei durchschnittlichem Fischverzehr bis zu 11000 Mikroplastikteilchen pro Jahr aufnimmt“, erklärt Esther Gonstalla. Was damit im menschlichen Körper geschieht, ist bislang nicht erforscht. „Dass toxische Mikroplastikteile allerdings nicht gesund sein können, leuchtet jedem ein.“

So einfach geht Nachhaltigkeit: 25 Ideen für eine bessere Welt

Könnte Bioplastik eine Alternative sein?

Laut der Deutschen Umwelthilfe (DUH) ist diese Frage mit einem klaren „Nein“ zu beantworten. Sie warnt sogar davor, Wegwerfartikel aus Plastik lediglich durch Wegwerfartikel aus Biokunststoff zu ersetzen. Denn Bioplastik verbraucht durch den Anbau von Nutzpflanzen sehr viele Ressourcen und baut sich nur langsam ab. Das aktuell in Frankreich diskutierte Gesetz zur verstärkten Nutzung von Bioplastik sieht die DUH daher kritisch. Vielmehr solle man die Marschrichtung der EU-Kommission befürworten und den Kampf gegen Plastikmüll mit EU-weiten Verboten bestärken.

Welche Umweltvorteile verspricht das EU-Plastikverbot?

Allein das Verbot von Trinkhalmen wäre für viele Umweltaktivisten schon ein Erfolg im Kampf gegen Plastikmüll. Die Umweltschutzorganisation Seas at Risk schätzt den jährlichen Verbrauch in den 28 EU-Ländern auf 36,4 Milliarden Halme. Umgerechnet sind das jährlich 71 Strohhalme pro EU-Bürger. Aber nicht nur das Müllaufkommen würde sich verringern, auch der Ausstoß von Kohlendioxid könnte um 3,4 Millionen Tonnen sinken. Bis 2030 könnten Umweltschäden im Wert von 22 Milliarden Euro vermieden werden und Verbraucher würden bis zu 6,5 Milliarden Euro einsparen.

Food-Trends: Das essen und trinken wir 2018

Wann tritt das Plastikverbot in Kraft?

Zunächst handelt es sich nur um einen Legislativvorschlag der EU-Kommission, der mit dem EU-Parlament und den EU-Staaten abgeklärt werden muss. Ein finales Ergebnis soll noch vor den Wahlen zum neuen Europaparlament 2019 erzielt werden. Ob dieser Zeitpunkt realistisch ist, bleibt allerdings abzuwarten – insbesondere, weil es eine Richtlinie werden soll, welche die EU-Staaten nach einer Verabschiedung noch in ihren eigenen nationalen Gesetzen umsetzen müssten.

Bis dahin: Plastikprodukte meiden – aber wie?

Wir haben nicht nur in den Weltmeeren, sondern auch in unserem Alltag ein Plastikproblem: In Kosmetika, Kleidung und sogar unserer Nahrung ist Mikroplastik enthalten und gelangt tagtäglich in unseren Organismus, ohne dass wir es wissen. Hier könnte bald das Konsumentensiegel Flustix Abhilfe schaffen. Dieses zertifiziert plastikfreie* Produkte sowie Verpackungen und bietet jedem Verbraucher die Möglichkeit, kunststofffreie Produkte klar zu erkennen und danach seine Kaufentscheidung zu treffen. Ziel der im Dezember 2017 angelaufenen Initiative ist es, die Umweltbelastung durch überflüssige Kunststoffe zu minimieren und das Verantwortungsbewusstsein gegenüber der Umwelt und ihren endlichen Ressourcen zu fördern. Aktuell klebt das Siegel noch auf keiner Verpackung, doch die ersten Produkte werden bereits von einem unabhängigen Prüflabor untersucht und dann vom RAL e.V. zertifiziert. Im Herbst 2018 soll das Siegel dann in die deutschen Supermärkte einziehen.

Konsumenten-Siegel FLUSTIX für plastikfreie Produkte

*Nach den Flustix-Richtlinien gilt ein Produkt als plastik- bzw. kunststofffrei, wenn das Produkt ausschließlich aus Materialien, Werkstoffen oder Waren besteht, welche keine Kunststoffe enthalten. Aufgrund von Umwelteinflüssen oder Verunreinigungen im Herstellungsprozess kann eine Kontamination der Produkte nicht gänzlich ausgeschlossen werden. Allerdings dürfen diese maximal 0,5 Prozent des Gesamtgewichts des verpackten Produkts ausmachen.

Weitere Infos zur Bedrohung der Meere lesen Sie im „Ozeanbuch“ von Esther Gonstalla

Cover des Infografikbuchs "Ozeanbuch" von Esther Gonstalla

Im "Ozeanbuch" von Esther Gonstalla lesen Sie, wie es wirklich um das sensible und größte Ökosystem der Erde - den Ozean - steht und wieso es sich lohnt, es zu schützen. Erschienen im oekom Verlag, um 24 Euro, Leseprobe als PDF.

Mehr zum Thema: