Die große Preislüge: Das sind die wahren Kosten von Lebensmitteln

Die gute Nachricht: Lebensmittel für 99 Cent sind in Deutschland keine Seltenheit. Die schlechte: Die Preise lügen! DONNA Online klärt, welche Kosten nicht auf dem Kassenzettel stehen und wieso uns billige Produkte trotzdem teuer zu stehen kommen.

Frau 40plus liest beim Einkaufen im Supermarkt die Produktinformationen auf einer Lebensmittelverpackung

Die wahren Kosten für Nahrungsmittel übersteigen die Supermarktpreise um Längen.

Zwei Kilo Kartoffeln für gerade mal 1,49 Euro, das Schweinefilet für 2,99 Euro und der Pflücksalat für 99 Cent – alles so schön billig bei Discountern wie Aldi, Lidl, Netto und Co.! In Deutschland sind konventionell hergestellte Lebensmittel sogar so günstig, dass sie nicht einmal die Kosten der Landwirte wiederspiegeln, die sie erzeugt haben. Dass uns im Supermarkt nur ein Bruchteil der Herstellungskosten in Rechnung gestellt wird, ist im ersten Moment vielleicht ein Grund zur Freude, im nächsten fragt man sich jedoch: Wie ist es möglich, dass Lebensmittel so günstig sind? Die Antwort: Die Preise im Supermarkt sagen nicht die Wahrheit.

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Wieso geht es so günstig? 

Zum einen können die Preise konventioneller Lebensmittel so niedrig gehalten werden, weil die industrielle Landwirtschaft stark von EU, Bund und Ländern subventioniert wird. Zum anderen – und das ist der Hauptgrund – wird ein Großteil der Kosten erst gar nicht in den Ladenpreis einberechnet. Diese versteckten Kosten, die auf allen Ebenen der Lebensmittelproduktion entstehen, finden sich darin einfach nicht wieder.

Was sind versteckte Kosten?

Ein Teil dieser versteckten Kosten wird zum Beispiel durch unnötig produzierte Nahrungsmittel verursacht. Ungefähr ein Drittel der weltweit produzierten Lebensmittel landet nämlich auf dem Müll. Ein anderer Teil entsteht durch den Einsatz von Kunstdünger und Pestiziden sowie deren Auswirkungen auf Bodenabbau und -verarmung, Grundwasserverschmutzung, Artensterben und Klimawandel. Berechnet man die Kosten, die durch diese Umweltschäden entstehen und addiert man sie zu den normalen Herstellungskosten hinzu, ergeben sich die „wahren Kosten“ eines Produkts. Die Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) schätzt, dass sich die verborgenen Umweltkosten der Nahrungsmittelproduktion pro Jahr auf 2,1 Billionen US-Dollar belaufen. Die verborgenen Sozialkosten sind mit 2,7 Billionen US-Dollar sogar noch höher. Wenn man an der Supermarktkasse seine Einkäufe bezahlt, werden diese Kosten bislang aber nicht in Rechnung gestellt. Folglich stellt sich die Frage: Wer zahlt dann dafür?

Wer übernimmt die externalisierten Kosten von Lebensmitteln?

Wer zahlt, wenn aus überdüngten Wiesen Nitrat ins Trinkwasser sickert? Wenn Pestizide Menschen krank machen? Oder Treibhausgase aus der Landwirtschaft das Klima anheizen? Und genau hier kommt die schlechte Nachricht: Wir alle zahlen dafür – selbst wenn wir die billigen Lebensmittel gar nicht kaufen. Denn ihre Folgekosten finden sich in unserer Wasserrechnung wieder, in unseren Krankenkassenbeiträgen und den steigenden Steuern, die der Staat braucht, um Hochwasseropfern zu helfen oder höhere Dämme zu bauen. „Externe“ oder „externalisierte“ Kosten nennen das die Experten – und meinen damit Kosten, die von Produzenten verursacht, aber von der Gesamtgesellschaft getragen werden.

Unfair? Irgendwie schon. Zumindest wäre es gerechter, wenn die Käufer von billigen Lebensmittel die Schäden gleich auf dem Kassenzettel in Rechnung gestellt bekämen. Und diejenigen, die sie nicht kaufen, verschont blieben. Leider ist es in der Realität nicht so einfach, denn nur wenige Schäden lassen sich konkret beziffern. Die meisten müssen geschätzt werden, da sie erst in der Zukunft auftreten und somit unsere Kinder und Enkel treffen werden.

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Um welche Umweltschäden handelt es sich im Einzelnen?

Bei der Berechnung der externalisierten Kosten von Lebensmitteln spielen folgende Aspekte eine wichtige Rolle:

1. Nitrat im Grundwasser

Egal, ob Weizen, Kartoffeln oder Mais: Pflanzen brauchen Stickstoff, um zu wachsen. Damit sie genug davon bekommen, versorgen Landwirte ihre Wiesen und Äcker mit stickstoffhaltiger Gülle, Gärresten aus der Biogasanlage und Kunstdünger. Grundsätzlich ist Gülle ein prima Dünger, doch hier macht die Dosis das Gift. Denn so viel Stickstoff können die Pflanzen gar nicht aufnehmen. Ein bedeutender Teil davon sickert als Nitrat in den Boden und ins Grundwasser. Den Preis für diese Verschmutzung zahlt die Allgemeinheit, etwa weil der örtliche Wasserversorger für die immer aufwendiger werdende Trinkwasseraufbereitung mehr Geld will. 

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Im vieh- und damit güllereichen Niedersachsen ist bereits jedes dritte oberflächennahe Grundwasservorkommen belastet. Und irgendwann trifft es auch die tiefer gelegenen Brunnen, wo das Trinkwasser bisher noch sauber und qualitativ gut ist. Und dann wird es richtig teuer. Das Umweltbundesamt kam zu dem Ergebnis, dass allein für die Verringerung der Nitratwerte im Trinkwasser jährliche Kosten zwischen 580 und 767 Millionen Euro anfallen.

Aufgrund des leichtsinnigen Umgangs mit der Nitratbelastung hat die EU-Kommission Deutschland bereits 2016 vor dem Europäischen Gerichtshof in Luxemburg verklagt. Im Juni 2018 folgte das Urteil: Die Bundesrepublik hat gegen die europäische Nitratrichtlinie verstoßen. Doch selbst wenn die Nitratwerte im Trinkwasser künftig reduziert werden, bleibt die Belastung nicht einfach aus, sondern steigt einfach nur langsamer. 

2. Artensterben

In den letzten 15 Jahren ist die Menge der Fluginsekten um bis zu 80 Prozent zurückgegangen, so Josef Tumbrinck vom Naturschutzbund Nordrhein-Westfalen. Wenn Fluginsekten wie Bienen fehlen, gerät die gesamte Nahrungskette in Gefahr. Einerseits werden Blumen und Bäume nicht mehr bestäubt, andererseits fehlt Vögeln wie Mauerseglern und Schwalben die Nahrungsgrundlage. Der Einsatz von Pestiziden und intensive Landwirtschaft bedrohen aber nicht nur Insekten, sondern auch Feldhamster und Rebhuhn, Kornblume und Rittersporn, insgesamt Hunderte von Tier- und Pflanzenarten. Das Umweltbundesamt formuliert es so: „Mit der Intensivierung im Pflanzenbau und der Industrialisierung in der Tierhaltung zählt die Landwirtschaft heute zu den treibenden Kräften für den Verlust an biologischer Vielfalt.“

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Wissenschaftler der Universität Göttingen haben berechnet, dass ein Landwirt durch die Bestäubung der Erdbeerblüten durch Insekten (zusätzlich zu Selbstbestäubung und Wind) einen Mehrertrag von rund 757 Euro je Hektar erwirtschaftet. Durch solche Berechnungen für verschiedenste landwirtschaftliche Erzeugnisse ergibt sich für die globale Bestäubungsleistung von Insekten ein Äquivalent von 300 Milliarden Euro im Jahr. 

3. Gesundheitsschäden durch Pestizide

Nicht nur die Tierwelt ist bedroht, auch der Mensch ist in Gefahr. Die auf den Äckern verwendeten Spritzgifte können beim Menschen krebserregend wirken, das Erbgut schädigen oder sogar hormonelle Wirkungen haben. Besonders häufig sind Vergiftungen, wenn ohne Schutzkleidung mit Pestiziden hantiert wird. In der Schweiz schätzt man, dass durch den Pestizideinsatz Gesundheitsschäden von 22 bis 72 Millionen Euro im Jahr entstehen. Umgerechnet auf Deutschland, wären das 300 Millionen bis eine Milliarde Euro.

4. Treibhausgase

Die Landwirtschaft heizt auch dem Klima ordentlich ein. Laut WWF ist sie in Deutschland für elf bis 14 Prozent aller Treibhausgasemissionen verantwortlich. Ein Teil davon entfällt auf das klimaschädliche Lachgas, das freigesetzt wird, wenn Landwirte zu viel düngen. Die Produktion von Kunstdünger und Pestiziden verbraucht zudem reichlich Energie und trägt damit ebenfalls zum Treibhauseffekt bei. Ebenso das Methan, das die Kühe ausstoßen, und die Sojafelder, auf denen das Futter für unsere Tiere wächst. Die Viehhalter, die einst diese Flächen bewirtschafteten, wurden verdrängt und holzen jetzt Regenwald für neue Viehweiden ab.

Die Welternährungsorganisation FAO rechnet damit, dass jede Tonne freigesetztes Kohlendioxid Schäden von rund 100 Euro verursachen wird. Durch die deutsche Landwirtschaft entstehen somit pro Jahr Schäden von sechs bis zwölf Milliarden Euro. Auch wenn diese Summen erst in einigen Jahren beglichen werden müssen, verursacht wurde der Schaden jetzt: durch die Herstellung der Lebensmittel, die wir jeden Tag essen.

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Gibt es in der ökologischen Landwirtschaft auch versteckte Kosten?

Natürlich verursacht auch der ökologische Landbau externe Kosten, zum Beispiel durch CO2-Emissionen. Aber allein dadurch, dass Bio-Bauern keine chemischen Stickstoffdüngemittel verwenden, die bereits in der Herstellung sehr energieintensiv sind, ist ihr CO2-Fußabdruck viel kleiner als der von konventionellen Landwirten. Zahlreiche Studien belegen, dass Bio-Landwirte das Grundwasser schützen, die Artenvielfalt fördern, in ihren Böden überschüssiges Kohlendioxid binden und so das Klima entlasten. Folglich sind die versteckten Kosten für Bio-Produkte in der Regel deutlich geringer als die versteckten Kosten konventionell erzeugter Lebensmittel.

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Wie werden die „wahren Kosten“ von Lebensmitteln ermittelt?

Wissenschaftler arbeiten schon seit Längerem an verschiedenen Rechenmodellen, um die wahren Kosten von Lebensmitteln zu ermitteln. Es gibt bereits Ansätze, um versteckte Umweltkosten auf Produkte draufzuschlagen, die zunächst billig erscheinen. Wird beispielsweise der Ausstoß von Treibhausgasen mit einem konkreten Geldbetrag verknüpft, lässt sich die Klimaschädlichkeit eines Produkts bewerten und sein Einkaufspreis dementsprechend anpassen. Das Resultat wären ungeschönte Preisetiketten, die auch den sozialen und ökologischen „Fußabdruck“ der Lebensmittel wiederspiegeln.

Im Juni 2018 hat Eosta, Importeur für Bio-Obst und -Gemüse, die Studie „True Cost Accounting in Food, Farming and Finance“ vorgestellt und darin den „wahren Preis" von neun Produkten errechnet. Unter den untersuchten Lebensmitteln waren zum Beispiel Bio-Äpfel aus Argentinien, die mit konventionellen Äpfeln verglichen wurden. Berechnet wurde der Wasserverbrauch, die Bodenbelastung, der CO2-Ausstoß, Ausgaben für Dünger und Pflanzenschutz, sowie die Gesundheitskosten, die durch Pestizideinsatz verursacht werden. Das Ergebnis: Ein Hektar konventionell bewirtschaftete Apfel-Anbaufläche verursacht jährlich einen Klimaschaden von 3084 Euro und Gesundheitskosten von 6259 Euro. Im Gegensatz dazu entstehen durch den Anbau von argentinischen Bio-Äpfeln Klimakosten von 2492 Euro und Gesundheitskosten von 504 Euro (nicht mal ein Zehntel!).

Die Berechnungsmodelle sind noch unvollständig und die ermittelten Zahlen lassen sich international nur schwer vergleichen. Daher ist es aktuell noch schwierig, die – meist zukünftigen – Auswirkungen monetär auf das Kilo Äpfel oder das Kilo Kartoffeln umzuschlagen. Unternehmen wie Eosta arbeiten jedoch daran, die versteckten Kosten so zu beziffern, dass eines Tages bei jedem Apfel genau vermerkt ist, welche „wahren“ Kosten in ihm stecken. Sobald Umweltschäden und Co auf den Preis aufgeschlagen werden, fällt die Supermarktrechnung natürlich höher aus als bisher. Dafür würden die Kosten für Wasseraufbereitung und Krankenkassenbeiträge weniger stark ansteigen.

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Bis es soweit ist, gibt es einige Alternativen, die einfach umzusetzen sind: einen günstigeren Mehrwertsteuersatz für Bio-Lebensmittel oder Abgaben für Stickstoffdünger und Pestizide – je giftiger, desto höher. Dänemark macht das bereits so. Die Bundesregierung lehnt solche Maßnahmen bisher ab. Scheinbar ist der politische Druck noch nicht groß genug. Umso wichtiger ist es, in der Gesellschaft ein Bewusstsein für die wahren Preise zu schaffen – dass ein Schweineschnitzel eben nicht 2,99 Euro kosten kann.

Weitere interessanten Fakten lesen Sie im Buch "Die Preise lügen" von Bernward Geier und Volkert Engelsman

Cover des Buches „Die Preise lügen: Warum uns billige Lebensmittel teuer zu stehen kommen“ von Volkert Engelsman und Bernward Geier

Mit ihrem Buch „Die Preise lügen: Warum uns billige Lebensmittel teuer zu stehen kommen“ klären die Herausgeber Bernward Geier und Volkert Engelsman über die wahren Kosten konventioneller Landwirtschaft auf und appellieren an die Moral beim Einkaufen. Erschienen im oekom Verlag, um 16 Euro. Weitere Infos unter Eosta/Nature & More.