Das Tier meines Lebens – Teil 5: „Ich erkannte mich in der Unvernunft wieder“

Es gibt Hunde, Pferde, Katzen, die unser Herz berühren – sogar Jahrzehnte nachdem wir uns von ihnen verabschieden mussten. Im Dossier zum Thema Tierliebe finden Sie fünf Geschichten über treue Wegbegleiter – dieses Mal: Antje Joel über einen jungen Hengst, der ihr bis heute treu ist.

Katzenpfote an Menschenhand

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„Ich erkannte mich in der Unvernunft dieses jungen Hengstes wieder“

DONNA-Autorin Antje Joel über Ihren Hengst Socke

Socke ist jetzt 24. Als ich ihn kaufte, war er ein Jährling und ich etwa so alt wie meine älteste Tochter heute: 26. Heute haben wir beide viel graues Haar, sind in den Gelenken ein bisschen steif. Ich erstand ihn ein halbes Jahr, nachdem ich mein erstes Pferd verkauft und das Reiten endgültig aufgegeben hatte.

Gerade hatte ich mein viertes Kind bekommen und mein Mann und unsere Eltern stimmten regelmäßig dasselbe Klagelied an: „Ja, hast du denn mit den Kindern nicht genug zu tun?“ Eine Art Folter, bei der man einem so lange Wasser auf die Stirn tropfen lässt, bis man bereit ist, alles zu tun. Selbst das Pferd herzugeben. Von dem Erlös schaffte ich zwei grüne Ledersofas an, was mir viel Lob einbrachte: Endlich war ich vernünftig geworden! Dann, in einem unverhofften Moment, holte mich die Unvernunft ein, und Socke stand im Stall.

Socke ist kurz für „Two Socks“, er trägt an den Hinterbeinen zwei weiße Fellsocken. Die 1500 Mark, die er kostete, waren – nach der Sofasache – gerade so drin. Er war noch Hengst und auch sonst ziemlich, na ja, eigen. Das hielt mich nicht davon ab, ihn zu kaufen. Im Gegenteil: Als ich das erste Mal mit ihm um Hilfe suchend zu einer pferdeerfahrenen Freundin fuhr, klagte die: „Immer willst du diese superselbstbewussten Pferde!“ – „Die magst du doch selbst am liebsten!“, sagte ich. „Aber doch nicht als Anfänger!“, rief sie. Wer weiß, vielleicht erkannte ich mich in seiner „Unvernunft“ wieder.

Auf jeden Fall war es ein gutes Gefühl. Als er drei war und ich mich das erste Mal auf ihn setzte – mein fünftes Kind war gerade geboren –, rannte er erst mit mir davon und dann allein weiter. Ich lag mit zwei gebrochenen Rippen im Reitbahnsand.

Als er zehn war, wurde ich geschieden. Es war wieder mal die Zeit gekommen, überlegt zu handeln und ihn zu verkaufen. Er blieb. Sechs Jahre darauf, als ich nach Irland zog, sah ich fürs Erste keine andere Möglichkeit, als vernünftig zu sein. Wie wollte ich da drüben eine Weide finden? Und wie die Überfahrt für Socke (und ein zweites Pferd) bezahlen? Es stellte sich heraus: Wenn man nur penetrant genug bohrte, war ein kleines Stück Gras zu bekommen.

Und die 2000 Euro Überfahrt waren, ich sag mal, irgendwie doch noch drin. Auch wenn natürlich kein Mensch verstand, warum ich überhaupt und „für so viel Geld einen so alten Gaul“ mitschleppte. Statt mir in Irland für die Hälfte des Geldes ein jüngeres Pferd zu leisten. Ich sagte: „Weil wir alte Freunde sind.“ Wenn ich mir etwas wünschen dürfte, dann, dass wir es noch ein paar Jahre bleiben. Schon, weil nach diesem gemeinsamen Vierteljahrhundert, in allerbester Unvernunft, ein Leben ohne Socke für mich undenkbar ist.

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