„Wendemanöver“: Der ungewöhnliche Weg einer Mutter für ihren drogenabhängigen Sohn

Ein 16-Jähriger, frisch aus dem Drogenentzug, und eine alleinerziehende Mutter, die mit ihrem Sohn unbedingt einen Segeltörn machen will. In „Wendemanöver“ schreibt Franziska Krafft von ihrer bewegenden Familiengeschichte. Hier geht's zur Leseprobe.

Privatfoto von „Wendemanöver“-Autorin Franziska Krafft und ihrem Sohn Jonas bei ihrem gemeinsamen Segeltörn in Dänemark

Starkes Team trotz schwerer Zeiten nach dem Drogenentzug: Franziska Krafft mit ihrem Sohn Jonas bei ihrem Abenteuer auf hoher See.

Was tun, wenn das eigene Kind auf die schiefe Bahn gerät? Dieser Frage muss Franziska Krafft sich stellen, als ihr erst 16-jähriger Sohn Jonas in U-Haft und schließlich mit massiven Suchtproblemen in der Entzugsklinik landet. Doch statt den Glauben an Jonas zu verlieren und sein Schicksal den Behörden zu überlassen, wird die alleinerziehende Mutter selbst aktiv – und beschließt, dem Jugendamt ein gewagtes Experiment vorzuschlagen: Die begeisterte Hobbyseglerin will sich gemeinsam mit Jonas, ihren anderen beiden Söhnen und Freunden auf eine zweimonatige Segelreise begeben.

Welche Hürden ihrem Vorhaben im Weg standen, wie sie auf diese ungewöhliche Idee kam und was sie mit ihrer Familie auf hoher See erlebte, beschreibt die dreifache Mutter in „Wendemanöver“. Wir geben Ihnen mit einer Leseprobe vorab einen Einblick ins Buch.

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Leseprobe: „Wendemanöver“ von Franziska Krafft

Seit heute, dem 11. Juli, sind wir auf unserem Segelboot, der Kaimana, unterwegs. Wir, das sind bis zum 25. Juli mein Sohn Jonas, mein Lebensgefährte Peter und ich. Noch sind wir zu dritt. Die Schiffsbesatzung wird wechseln. Vom 26. Juli bis zum 10. August werden meine Freunde Tina, Jan und Martin an Bord kommen und Peter ersetzen. Vom 10. bis 31. August besteht die Crew dann neben Jonas und mir aus meinen jüngeren Söhnen, dem 15-jährigen Vincent und dem elfjährigen Max, sowie Jonas’ Freundin Caro und meinem Vater. Vincent und Max verbringen die erste Hälfte der Sommerferien bei ihrem Vater. Jonas wird als Einziger die ganze Zeit mit mir an Bord sein.

Unsere erste Etappe wird uns von Fehmarn nach Bagenkop in Dänemark führen. Peter und Jonas sind beide Segelnovizen. Ich bin passionierte Hobbyseglerin und kenne mich auf dem Boot am besten aus. Ich habe für diese Segelreise mit Jonas schwer gekämpft. Unsere Situation hier ist ein bisschen speziell: Jonas ist drogenabhängig und frisch aus der Entzugsklinik entlassen. Er hat eine ausgesetzte einjährige Jugendhaftstrafe wegen massiven Besitzes und Handels mit Cannabis, diverser Wohnungseinbrüche, Diebstahl, Unterschlagung, Beleidigung, Nötigung, Sachbeschädigung und Hausfriedensbruch. Zudem hat Jonas eine Karriere als notorischer Schulschwänzer hinter sich. Die weiterführende Schule hat er inzwischen abgebrochen. In den letzten drei Jahren hat er nicht bei mir und seinen beiden jüngeren Brüdern in unserem Bergdorf, sondern bei seinem Vater in Frankfurt gelebt. Es waren drei sehr harte Jahre. Diese Schiffsreise hat das Jugendamt letztlich nur genehmigt, weil es einfach keinen freien Platz für Jonas in einer Einrichtung gab. Diese Schiffsreise ist mein Projekt als Mama. Und ein Versuch. Ein Versuch, Jonas von den Drogen loszukriegen.

In den drei Frankfurter Jahren hatte ich nur wenig Kontakt zu Jonas. Den medizinischen Teil des Drogenentzugs hat Jonas gerade hinter sich. Meine Hoffnung ist es, ihn mit dieser Segelreise seelisch und körperlich, aber auch in sozialer Hinsicht so weit zu stabilisieren, dass ein Lebensweg jenseits der Drogen möglich erscheint. Vor unserer Abreise von Fehmarn haben Peter und ich noch eine große Ladung Obst und Gemüse eingekauft. Außerdem haben wir das AIS, das Automatic Identification System, fertig installiert. Das ist ein elektronisches System, das andere Schiffe erkennt. Es zeigt genau an, welches Schiff sich wann wo befindet und wie schnell es fährt. Das brauchen wir vor allem, um den Tankern der Großschifffahrt aus dem Weg zu gehen.

„Die Luft aus dem Beiboot rauslassen. Damit Jonas nicht abhauen kann.“

Jonas hat ausgiebig das Beiboot mit Elektro- und Benzinmotor getestet. Dabei habe ich ihn immer im Blick. Was hatte der Schweizer mir geraten, der mit mehreren straffällig gewordenen Jugendlichen auf einem Segelschiff unterwegs war: Die Luft aus dem Beiboot rauslassen. Damit Jonas nicht abhauen kann. Ich mache das nicht. Ich bin so froh, dass Jonas jetzt endlich hier bei uns ist. Ich bin lieber aufmerksam. Alert. Wie eine Fuchsmama. Die sitzt am Berg im Tiefschnee und wenn man sie beobachtet, denkt man, sie tut nichts. Aber sie hat ihre Ohren gespitzt und die Augen überall. Damit sie den Bussard erspäht, bevor er ihre Jungen schnappt. Oder die Schneelawine ahnt, bevor sie niedergeht.

Später ist Jonas auf den Mast geklettert, um gemeinsam mit uns die österreichische Flagge zu hissen. Schwerfällig und langsam kam er mir dabei vor. Wohl aufgrund der vielen Medikamente, die er ja aus der Entzugsklinik noch hat, ist er dauernd müde. Total lethargisch. Blass dabei, weiße, picklige Haut, richtiggehend käsig im Gesicht. Und ruhig, irgendwie fast zu ruhig. Er wirkt, als sei er auf künstliche Weise ruhiggestellt: krank und abwesend.

Es passt eigentlich ganz gut, dass das Segeln sowohl für Jonas als auch für Peter etwas Neues ist. So zeige ich einfach beiden die Basics: Welche Segel und welche Leinen wichtig sind, wie man die Fender beim Anlegemanöver zwischen Boot und Hafenmauer halten muss, damit nichts kaputtgeht. Wie ein Fenderknoten geht, wie man den Motor und den Autopiloten startet, wo der Notknopf ist. Alles ist für beide gleichermaßen neu. So muss sich Jonas nicht allein als derjenige fühlen, dem hier erst mal alles erklärt werden muss.

Dabei benutze ich ganz bewusst kein Seglerlatein. Ich weiß, wie wichtig den meisten Seglern das korrekte Verwenden der Segelterminologie ist. Auch in Segelkursen spielt das Erlernen des Fachvokabulars ja stets eine wichtige Rolle. Abgesehen davon, dass ich das immer schon eher abschreckend fand, bin ich hier auf der Kaimana mit meiner speziellen Novizen-Crew zuallererst darauf angewiesen, dass ich verstanden werde. Und deswegen fange ich gar nicht groß an mit Backbord, Steuerbord, Heck und Bug oder Luv und Lee oder rede vom Fieren. Ich sage »links« und »rechts« und ich sage: »Zieh an dem Roten und lass das Grüne los.« Unsere Bedingungen an Bord sind ohnehin schon schwierig genug. Außerdem garantiert die korrekte Verwendung der Begriffe noch lange kein gelungenes Manöver. Ich habe schon Hafenmanöver erlebt, bei denen die Fachbegriffe nur so durch die Luft flogen und die trotzdem grandios schiefgegangen sind. Da verzichte ich lieber auf die schicken Vokabeln, weiß, dass die Information ankommt, und kriege das Anlegemanöver sicher hin. 

Am Nachmittag vor der Abreise besuchen uns noch Jörn und Carlotta, die uns den Windpilot am Heck der Kaimana montiert haben. Das ist ein mechanisches System, das dafür sorgt, dass das Schiff auf einem konstanten Kurs zum Wind segelt. Jörn ist ein segelerfahrener Freund und es ist mir eine große Beruhigung, dass er mir zusichert, ihn während der Reise via Funk und Mail jederzeit alles, was die Segelei betrifft, fragen zu können. Den Kühlschrank reparieren wir in letzter Minute noch, mit Hilfe von Dirk, der allerlei Schiffszauber draufhat, was Technik, Motor, Elektronik und Hardware anbelangt. Morgen werden wir den Fehmarnsund queren und nach Bagenkop segeln.

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„So etwas können wir gleich zu Beginn unserer Reise überhaupt nicht brauchen“

Wir starten ziemlich früh, für Jonas und Peter ist es der erste Tag auf hoher See. Es ist etwas windig, so drei bis vier Beaufort, und wir haben zeitweise recht schaukelige Wellen. Zum Glück weht der Wind aus der richtigen Richtung. Jonas hat lange geschlafen. Später locken ihn das Motorengeräusch und der Aufbruch doch aus der Koje. Zuerst läuft alles nach Plan: Wir legen vom Steg ab und fahren unter Motor durch das mit roten und grünen Tonnen markierte Fahrwasser aus dem Hafen. Dann höre ich plötzlich ein komisches Geräusch. Ich dachte eigentlich, meiner Crew vor dem Ablegen gesagt zu haben, dass auf gar keinen Fall Leinen über Bord hängen dürfen. Aber ich bin mir nicht sicher. Jedenfalls hing offenbar doch eine der Vorleinen im Wasser … und als wir um die Kurve gefahren sind, ist sie runtergerutscht und hat sich um den Propeller gewickelt. Verdammt. So etwas können wir gleich zu Beginn unserer Reise überhaupt nicht brauchen. Ich weiß, dass das eine ziemliche Katastrophe sein kann, weil man schnell manövrierunfähig ist.

Aber vielleicht liegt es am Leben in den Bergen. Eines haben mich Skifahren, Klettern und Mountainbiken, immer auch mit den Kindern, jedenfalls gelehrt: Wenn eine Situation brenzlig wird, hilft Panik überhaupt nicht weiter. Angst ist ein ganz schlechter Ratgeber. Also fahren wir, das geht zum Glück noch, langsam und kontrolliert geradeaus, aus dem untiefen Bereich heraus. Und wollen, um die Sache zu klären, an der Ansteuerungstonne festmachen. Allerdings erwischen wir den Ring nicht und drehen das Schiff deshalb in gutem Abstand vom Südstrand bei, das heißt, das Vorsegel back, also gegen den Wind gestellt, sodass es locker hängt, und das Steuer fest zur anderen Seite. So können wir mehr oder weniger anhalten, ohne festzumachen. Mir ist gleich klar: Es muss jetzt einer ins Wasser, die Leine abschneiden oder abwickeln. Ich überlege nicht lange. Schnell ziehe ich den Neoprenanzug an, schnappe mir die Taucherbrille und springe in die 17 Grad kalte Ostsee, um mir das Ganze von unten anzusehen. Ein ungefähr drei Meter langes Reststück ist noch um den Propellerschaft gewickelt. Zuerst versuche ich, es mit einem Messer wegzuschneiden. Ich fingere eine ganze Weile daran herum. Es geht nicht. Es klemmt. Beim dritten Versuch merke ich dann aber, dass man es eigentlich nur abzuwickeln braucht – es funktioniert. Und ist kein Weltuntergang. Ich tauche auf. Geschafft!

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Cover des Buchs „Wendemanöver“ von Franziska Krafft, erschienen bei Eden Books

Der hier aufgeführte Textauszug ist dem Buch „Wendemanöver“ von Franziska Krafft entnommen, Eden Books, 14,95 Euro.