So wollen wir später leben: Innovative Wohnmodelle fürs Alter

Im DONNA-Interview spricht Architekt Matthias Hollwich über neue Lebensmodelle im Alter – und möchte nicht weniger als eine Revolution des späten Wohnens. Wie wäre es zum Beispiel mit einem Mehr-Generationen-Tower?

Lächelnde Frau über 60 steht mit junger Mutter und deren zwei Kindern am Küchentisch

Co-Living im Mehr-Generationen-Haushalt: Laut Experte Matthias Hollwich ist das nur eines von vielen möglichen Wohnmodellen der Zukunft.

DONNA: Herr Hollwich, wir haben alle Angst davor, später in tristen Altersheimen leben zu müssen.
Matthias Hollwich: Die Angst ist berechtigt. Die Alternative: aktiv seinen Wohnort an die Herausforderungen des Alters anpassen. Das fängt damit an, Freundschaften zu pflegen. Denken Sie nach: Wer könnte mich später mitversorgen? Wie stelle ich mir gute Mobilität vor? Wer sich diesen Überlegungen stellt, wird staunen, was dadurch in Bewegung kommt. Wenn ich mein Bad so vergrößere, dass später ein Rollstuhl hineinpasst, kann ich es auch in ein tolles Spa verwandeln. Eine Küche, die auf unterschiedlichen Höhen genutzt wird, kann Enkeln Spaß machen. Ein Eingang ohne Stufen verhindert Stolpern. Eine Nachbarschaft, in der man sich Hallo sagt, macht froh. Was gut für ältere Menschen ist, ist für alle gut.

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Ab wann muss man denn übers Wohnen im Alter nachdenken? Mit 50 ist es ja wohl noch zu früh, oder?
Wir haben sehr häufig die Hoffnung „Es wird schon gut gehen“. Aber plötzlich holt einen das Alter ein und es ist zu spät für eine gute Strategie. Dann heißt es schnell „Altersheim“. Wenn man aber vorausplant, akzeptiert, dass es soziale und physische Defizite geben wird, kann man den Wohnort so gestalten, dass man dort später auch gut leben kann. Wir sollten uns fragen: Kann ich meine Wohnung gut verlassen, treffe ich hier auf viele Nachbarn, wie schnell erreiche ich Geschäfte zu Fuß?

Wie gestalten Sie als Architekt das gemeinschaftliche Wohnen?
Mit unserem New Yorker Büro „Hollwich Kushner“ haben wir „Skyler“ entworfen, einen Mehr-Generationen-Tower. Darin gibt es zum Beispiel zwei Studios, die über Verbindungstüren einen sogenannten Flex-Raum flankieren. Hier können zwei Freunde leben, mit adäquater Privatheit und einer Co-Living-Option: Der Flex-Raum kann Wohnzimmer sein oder eines, in dem andere zum Yoga, Basteln oder Fernsehen eingeladen werden können. Es ist unglaublich wichtig, dass wir Architektur schaffen, die Menschen verbindet.

Und wenn ich nicht genug Geld für so ein schickes Projekt habe?
Am besten starten Sie mit der Planung so früh wie möglich. Wenn man über viele Jahre die eine oder andere Investition vornimmt, kommt nicht alles auf einen Schlag. Es wäre auch wichtig, mit Freunden und Nachbarn Allianzen zu schmieden und gemeinsam Lösungen zu entwickeln. Altersheime sind meist sehr teuer – oft ist ein altersgerechter Umbau der Wohnung billiger. Und wir müssen Wohnen neu denken: Warum geht es nicht auch kleiner? Oder warum teilen wir nicht öfter?

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Wie sähe Ihre ideale Senioren-WG aus?
Das wäre eine WG, in der alle Altersstufen vertreten sind. Ältere können auf Kinder aufpassen, Kinder können z.B. die moderne Technik erklären, Eltern kochen für alle – eine Rückkehr zum Mehr-Generationen-Haushalt. Aber in Zukunft sollten hier nicht nur Familienmitglieder zusammenleben.

Setzen wir eigentlich immer noch zu sehr auf den Komfort der „eigenen vier Wände“?
Ich glaube, die „vier Wände“ sind wichtig – aber das „eigene“ ist falsch. Man muss zusammenleben, teilen, miteinander Zeit verbringen. Das ist der Trick.

Wie löst man als Architekt das Bedürfnis nach Rückzug auf der einen und Gesellschaft auf der anderen Seite?
Es muss immer die Wahl geben zwischen Rückzug und gesellschaftlicher Integration. Aber gerade die Möglichkeit, auf andere zuzugehen, macht älteren Menschen oft Angst. Meist sind sie dann zusätzlich noch wohnlich isoliert. Diese sozialen und architektonischen Barrieren müssen wir aufheben.

Sie sprechen in Ihrem Buch oft von einer Beweglichkeit, die wir uns bis ins hohe Alter erhalten sollten.
Man muss nur an die eigene Kindheit zurückdenken – alles war neu, alles war spannend. So ist das aber auch im Alter – man muss es nur so wahrnehmen. Dann wird auch das Älterwerden spannend, ausgeglichen und befriedigend.

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Interview: Katja Nele Bode

Weitere Ideen zum Thema Wohnen im Alter finden Sie im Buch "Älter werden, jung bleiben" von Matthias Hollwich

Buchcover zum Buch "Älter werden, jung bleiben" von Architekt Matthias Hollwich.

In seinem neuen Buch „Älter werden, jung bleiben” erfindet der Architekt Matthias Hollwich aus München Wohnen und Leben im Alter völlig neu. Erschienen bei Edel Books, um 17,95 Euro.