Münchner Modelabel Mykke Hofmann: Jelena Hofmann & Sedina Halilovic im Interview

Mit ihrem Label MYKKE HOFMANN wagten die Münchnerinnen Jelena Hofmann und Sedina Halilovic den Schritt in die Selbstständigkeit. Im Interview mit DONNA Online sprechen die Designerinnen über Slow Fashion, Neuanfänge und die größten Hürden bei der Existenzgründung.

Porträtbild von Sedina Halilovic und Jelena Hofmann, den Designerinnen des Münchner Modelabels MYKKE HOFMANN

Die Gesichter hinter Mykke Hofmann: die Münchner Designerinnen Sedina Halilovic (links) und Jelena Hofmann (rechts).

Berlin ist das Zentrum der deutschen Nachwuchsdesigner? Von wegen: Auch andere deutsche Städte haben in puncto Mode einiges zu bieten – die bayerische Metropole München zum Beispiel. Nach acht Jahren in der Modebranche sind Jelena Hofmann und Sedina Halilovic, die Gründerinnen und kreativen Köpfe des Labels Mykke Hofmann, ehemals holyGhost, bereits alte Hasen im Business – und erlebten mit ihrer Modemarke einige Höhen und Tiefen.

Existenzgründung mit Dirndlmode: Sibilla Kawala von „Limberry“ im Interview

DONNA Online traf die beiden Designerinnen zum Interview und sprach mit ihnen über das Slow Fashion-Konzept ihres Labels, Stolpersteine in ihrer bisherigen Karriere und ihre Ratschläge an Frauen, die ebenfalls als Existenzgründerinnen in der Modebranche Fuß fassen wollen.

DONNA Online: 2010 haben Sie „holyGhost“ gegründet. Was seit dem Entschluss, ein eigenes Modelabel zu gründen, bis zum Launch der ersten Kollektion alles passiert?
Mykke Hofmann: Oh je, das ist lange her! Erst einmal haben wir unsere Kompetenzen und Aufgaben verteilt, dann haben wir, bevor wir überhaupt in die Kreation gegangen sind, einen ersten Milestone-Plan gemacht – von Markt- und Wettbewerbsanalyse über ein konkretes Labelkonzept bis hin zu Designkonzept und Kollektionsausarbeitung etc. Wir mussten uns einen genauen Zeitplan machen, da wir noch „normale“ Jobs hatten, mit denen wir uns finanzierten. Meist wurde dann abends oder am Wochenende zusammengesessen, anfangs wirklich zu Hause, mit zwei Laptops und ein paar Skizzenbüchern, am Küchentisch. Irgendwann haben wir ein kleines Büro gemietet, 30 Quadratmeter inklusive Atelier. Da wir noch keinerlei Kontakte hatten, sind wir viel auf Messen gegangen, um Kontakte zu knüpfen, einige Bekannte haben uns mit Produzenten und Lieferanten vernetzt. Irgendwann waren wir soweit, dass wir die erste Kollektion gemustert hatten. Stolz wie Harry blickten wir auf die Teile – wunderschön! Allerdings – wie wir schnell feststellen mussten – unverkäuflich. Damals haben wir für die Kollektionspräsentation eine tolle Show in der Münchner Innenstadt gemacht. Es gab sogar tatsächlich ganz gute Press-Coverage…leider nur lokal, logischerweise. Wie ahnungslos wir doch waren! Aber naja, schämen tun wir uns dafür nicht. Die erste richtige (und wirklich tragbare) Kollektion kam dann erst 2012, die haben wir mit einer richtigen Show im Rahmen der Berliner Fashion Week präsentiert.

Berlin Fashion Week 2018: Das sind die wichtigsten Trends für Herbst und Winter

Die Modebranche gilt als hartes Pflaster – vor allem für Existenzgründer. Weshalb haben Sie den Schritt in die Selbstständigkeit dennoch gewagt?
Rückblickend könnte man sagen: Weil wir naiv waren. Wir haben direkt nach der Uni gegründet, uns alles selbst beibringen müssen. Wir hatten keine Vorstellung was es bedeutet, ein Modelabel aufzubauen. Allerdings waren wir von der Label-Idee so überzeugt, dass wir auch nach den ersten Rückschlägen nicht aufgegeben haben. Wir wollten etwas Eigenes erschaffen. Gut möglich, dass wir den Schritt nicht gewagt hätten, wenn wir zuvor für andere in der Branche gearbeitet hätten. Der Vorteil daran, wenn man ohne viel Vorwissen in solch ein Unterfangen startet ist, dass man unvoreingenommen ist, Fragen und Gedanken zulässt, die man als erfahrener Hase vermutlich direkt abwinken würde.

Haben Sie die Entscheidung, ein eigenes Modelabel zu gründen, je bereut?
Nein, wir haben oft bereut Dinge nicht anders angegangen zu sein. Beispielsweise, dass wir uns anfangs nicht Unterstützung gesucht haben. Oder, dass wir zum Teil nicht konsequent genug waren, uns von einzelnen Personen haben verunsichern lassen. So etwas bereut man. Natürlich fragt man sich ab und an, ob man es sich nicht im Leben hätte leichter machen können. Oder ob man in einer anderen „Branche“ schneller mehr bewegen könnte. Es ist schon ein Knochenbusiness und sehr riskant. Aber wir glauben an uns, letztlich machen wir das, was wir lieben. Wir haben sehr viel Freiheit, einander und ein super Team. Warum sollte man das bereuen? Falls wir mit Mykke Hofmann scheitern, wird es für uns einen anderen Weg geben.

DIY-Portal: „Makerist“-Gründerin Amber Riedl im DONNA-Interview

Welche Tipps geben Sie Frauen, die sich in der Modebranche selbstständig machen oder nach einem Quereinstieg dort Fuß fassen wollen?
Don’t do it! (lachen) Nein, im Ernst – folgende Punkte würden wir Gründerinnen ans Herz legen: Erstens ist es wichtig, seinen eigenen Überzeugungen und seiner Vision zu folgen. Aber gleichzeitig sollte man immer die Kundenbrille aufsetzen und sich immer wieder die Frage stellen: „Für wen kreiere ich? Warum ist das, was ich tue relevant?“ Zweitens: Investiere möglichst viel Zeit in die Auswahl von Lieferanten und Partnern. Viele junge Labels scheitern daran, dass sie ihre Kollektionen nicht ordentlich und pünktlich produziert bekommen. Man kann sich hier auch Support holen bei Institutionen wie der Handelskammer oder beim German Fashion Council. Und zuletzt: das Lächeln nicht vergessen! Das fehlt dieser Branche leider manchmal.

Model auf dem Laufsteg in einem Look aus der Sommerkollektion 2018 von MYKKE HOFMANN

Luftig, feminin und tragbar: einer der Runway-Looks aus der Sommerkollektion 2018 von Mykke Hofmann.

Im Juli 2018 ist es ein Jahr her, dass Sie Ihre Kollektion auf der Berlin Fashion Week zum ersten Mal unter dem neuen Namen „Mykke Hofmann“ präsentiert haben. Wie kam es zu dieser Namensänderung – und was hat sich seitdem verändert?
Seit 2014 führen wir einen Rechtsstreit, da eine große Marke uns auf Unterlassung verklagt hat. Wir haben immer noch nicht verloren, allerdings wollten wir diesen Klotz am Bein loswerden und zudem in die Marke investieren. Die Gefahr, das Markenrecht zu verlieren, schwebte also einige Jahre wie ein Damoklesschwert über holyGhost. Anfang 2017 haben wir unser Team erweitert, die Mädels haben viel frischen Wind und neue Perspektiven eingebracht und wir haben gemeinsam den Kern der Marke (neu) definiert. Im Zuge dieses Prozesses wurde klar: Der alte Name, das verspielte Logo, passt sowieso nicht mehr. Nach ein paar langen Meetings haben wir gemeinsam entschieden, einen neuen Namen zu suchen. Es war die richtige Entscheidung und der richtige Moment. Der Name passt besser zu dem was wir tun, er ist persönlicher, das Logo erwachsener und aussagekräftiger. Was sich seit dem Relaunch geändert hat: Wir sind heute einen großen Schritt weiter, haben tolle neue Kunden gewonnen und vielversprechende internationale Vertriebspartner an der Hand. Wir werden ernst(er) genommen. Das liegt bestimmt nicht nur am neuen Namen, aber der ganze Prozess war auf jeden Fall gewinnbringend. 

Wie müssen wir uns die typische Mykke Hofmann-Kundin vorstellen?
Bodenständig, stolz, eine gestandene Frau – egal ob 20, 40 oder 65 – lebensfroh und wissbegierig. Sie ist mutig und vielfältig, was sich auch in ihrem Stil widerspiegelt. Sie bewegt sich meist auf urbanem Grund und reist viel und gerne. Sie ist erwachsen, verliert aber nie ihr inneres Kind.

Mehr Mut zur Weiblichkeit: So finden Sie Ihre Stärken als Frau

Sie betreiben eine eigene Produktionsstätte in Serbien. Wie kam es dazu und warum haben Sie sich für diesen Standort entschieden?
Wie vieles in unserer Laufbahn war auch dieser Schritt irgendwie ein glücklicher Zufall. Wir haben früher hauptsächlich in Polen und Kroatien produziert und wurden von Lieferanten oftmals nicht richtig ernst genommen als Kunden, da unsere Auflagen klein waren. Wir dachten also, probieren wir es mal in Belgrad, wo ich (Jelena) geboren bin und auch Familie habe. Ein Bekannter gab uns einen Tipp für einen Fabrikanten, den wir telefonisch leider nicht erreichten. Also fuhren wir zur Fabrik und trafen dort nur noch den Hausmeister an. Der Produzent hatte vor ein paar Tagen schlagartig das Land verlassen und seine Mitarbeiter somit auch. Wir fanden heraus, wer der eigentliche Eigentümer der Fabrik war und sprachen mit ihm. Er machte uns ein Angebot. Und da saßen wir nun – mit einem Kaufangebot für eine eigene Produktionsstätte. Erst dann haben wir begonnen, uns wirklich mit diesem Gedanken zu beschäftigen…was es bedeuten würde, welche Vor- und Nachteile es hätte, etc. Wir waren sehr von dem Gedanken angetan, die Arbeitsbedingungen in der Fertigung selbst zu bestimmen.

Wer sich mit Mode beschäftigt weiß, dass unser Modekonsum oftmals auf menschlichem Leid aufbaut. Außerdem fanden wir die Idee, irgendwann selbst kleinen Labels (wie uns) Fertigungen von kleineren Aufträgen anbieten zu können – unter fairen Bedingungen und auf Augenhöhe – super cool und relevant. Zu guter Letzt sind wir gerne in Belgrad. Auch wenn ich (Sedina) aus Bosnien komme, sind Mentalität und Lifestyle gleich. Nach ein paar Meetings mit Anwälten und unserem Investor machten wir einen Deckel drauf. Das war im Herbst 2016. Seitdem ist sehr viel passiert, wir zwei sind mittlerweile zu über 50 Prozent nur mit der Fabrik und den Mitarbeitern dort beschäftigt, unser Team stärkt uns den Rücken.

Faire Fashion aus Deutschland: Diese Modelabels setzen auf Nachhaltigkeit

Mit Ihrer Mode haben Sie sich dem Slow Fashion-Konzept verschrieben. Welche Hürden bringt diese Ausrichtung mit sich?
Die erste Hürde ist, diesen Begriff für sich selbst zu definieren. Zudem muss man sich im Design tatsächlich ab und an einbremsen und bei vielen Teilen fragen: „Kann man das über mehr als ein oder zwei Jahre hinweg tragen?“ Das ist grundsätzlich nicht einfach, denn wir leben in einer Welt, in der Konsumhunger und die Gier nach Neuem die Mode-Agenda diktieren; der Einzelhandel steht unter Druck, Flächen ständig neu zu bespielen, die Sale-Zyklen werden immer dichter. Offen gesprochen müssen wir uns oft an unsere eigene Nase fassen in der Rolle als Konsument – da braucht man sich nichts vormachen, wir kaufen auch gerne neue schöne Sachen. Wir glauben aber, dass sich das langsam ändern wird – und muss! – und wollen die Entwicklung im Rahmen unserer Möglichkeiten mit vorantreiben. Der erste Schritt ist ein langlebiges Design, gepaart mit der Erhaltung des Handwerks: Unsere Fertigungsschritte werden alle noch durch Menschen gesteuert, wir haben keine maschinelle Massenabfertigung.

Model trägt Kleid Kavala aus der MYKKE HOFMANN Herbst-/Winterkollektion 2018/2019

Pastelltöne treffen Asymmetrie: Kleid „Kaleva“ aus der Herbst-/Winterkollektion 2018/2019 von Mykke Hofmann.

Können Sie uns einen kleinen Vorgeschmack auf die Mykke Hofmann Herbst-/Winterkollektion 2018/2019 geben? Was war Ihre Inspiration – und welche Teile sind Ihre persönlichen Highlights?
Inspiriert werden wir eigentlich immer von der Kundin. Wir überlegen uns: „Was könnte sie kommenden Herbst und Winter gerne tragen, welche Farben, welche Stoffe…“. Der Rest kommt aus uns selbst heraus. Denn letztlich sind wir alle im Team auch Mykke Hofmann-Kundinnen. Hinzu mischen wir die Designelemente, die unser Wiedererkennungsmerkmal sind: fließende Stoffe und Formen, feminine X-Silhouetten, Asymmetrien, spannende Wrapping- und Verschlusselemente. Die Herbst-/Winterkollektion ist recht bunt und hat teilweise einen leichten 70ies-Einschlag. Man darf sich auf Satin in kräftigen Farben freuen, viele tolle Blusen und Kleider mit grafischen Prints und glitzerndem Lurex. Ein persönliches Highlight ist definitiv das Kleid „Kaleva“ mit einem eigens kreierten, grafischen Print sowie diverse Kombinationen aus gemustertem Stretch-Jacquard und grünem Lurex.

Wie geht es weiter mit Mykke Hofmann?
Wir arbeiten gerade stark an der Internationalisierung der Marke und dem Ausbau des deutschsprachigen Marktes. Sales in der DACH-Region machen wir In-House, international sind wir gerade mit einigen Sales- und Distribution Agencies in engen Verhandlungen. Der Fokus liegt erst einmal auf dem skandinavischen Raum, UK, Spanien, Frankreich und eventuell noch Russland und China, das erarbeiten wir gerade. Danach geht’s natürlich an die Weltherrschaft!