Toy Story: Paartherapeut trifft Sextoy-Beraterinnen

Was passiert, wenn ein Paartherapeut auf 64 Sextoy-Beraterinnen trifft? Therapeut Stefan Ruzas berichtet vom spannenden Erfahrungsaustausch der Sexperten.

Ein Sextoy in Szene gesetzt

Ich bin vorbereitet. Meine Powerpoint-Präsentation umfasst 53 Folien: „1. Stunde: Lust, 2. Stunde: Vibration, 3. Stunde: Höhepunkt“. Klar strukturiert, oder? Als Paartherapeut wurde ich eingeladen, über Partnerschaft und Sexualität zu sprechen. Das mache ich nicht zum ersten Mal. Diesmal aber sind die 64 Frauen, die mir zuhören werden, echte Sexperten. Sie nennen sich „Liebesengel“. Ihr Job ist es, in deutschen Wohnzimmern Erotisches zu verkaufen: Vibratoren, Gleitgel, Liebeskugeln, Massageöle – Spielzeug, das man selten herumliegen lässt. 160 Berater der Agentur „Liebesengel“ sind ständig auf Reisen. Es sind Fahrlehrerinnen und Kosmetikerinnen darunter, Versicherungs- Kauffrauen und Heilpraktikerinnen. Was mir bis zu diesem Termin nicht so klar war: Die Dildo-Party ist die neue Tupper-Party. 30 bis 40 dieser Happenings werden jedes Wochenende in Deutschland veranstaltet. Macht pro Jahr rund 2000 Partys. Das Geschäft brummt (sorry, aber ein bisschen färbt die Vibratoren-Sprache dann doch ab).

Treffen mit den Liebesengeln

Zurück zu mir und den „Liebesengeln“. Einmal jährlich treffen sich alle, um sich auf den neuesten Stand zu bringen. Auf dem Programm stehen dann Schulungen für neue Produkte, Werksführungen bei einem der Spielzeughersteller oder Nachhilfestunden zur problemlosen Bedienung der Bestell-„Software“. Dieses Wochenende stehe nun also ich auf dem Programm.  Kann ich Menschen, die sicher schon Tausende von Betten und deren Beischläfer gesehen haben, überhaupt irgendetwas über Lust und Liebe erzählen, das sie noch nicht wissen? Und passt das, was sie Tag für Tag erleben, überhaupt mit meinen Therapeuten-Erfahrungen zusammen? Fest steht: Das Vorspiel sollte man nie unterschätzen. Also erste Folie aufgelegt, freundlich lächeln – und los. Leider habe ich für den Anfang keine bahnbrechend optimistische Botschaft mitgebracht: Für Paare ist Sexualität Teil des Alltags, nicht mehr, nicht weniger. Das eine geht meist nicht ohne das andere. So wie wir als Paar am Frühstückstisch kommunizieren, machen wir es im Bett. Die Nähe und das Vertrauen, das wir zulassen, der Raum, den wir uns geben – Sexualität spiegelt den Alltag und umgekehrt. „Viel zu oft übernimmt leider der Alltag das Kommando.“

Mehr als Sexualtherapie

Jetzt ist es raus. Zu viel Therapeuten-Pessimismus? Werden die „Liebesengel“ mich ausbuhen? Nein, sie nicken. Gut. Eigentlich, so stelle ich schnell fest, sind wir uns in vielem erstaunlich ähnlich. Wir kommen den Menschen sehr nahe, sehen ihre Probleme und Abgründe, aber auch ihre Hoffnungen und Wünsche. Andererseits verkaufe ich nichts und gebe als Therapeut auch keine Tipps, das darf ich gar nicht. Ich beschäftige mich mit Ursachen, nicht mit Symptomen. Ganz anders „Liebesengel“ Kerstin Walther: „85 Prozent meiner Arbeit ist Aufklärung über die Funktionen unseres Körpers, also quasi Sexualtherapie.“ Sie ist 34, hat drei Kinder und veranstaltet seit drei Jahren hauptberuflich Dildo-Partys, manchmal mehr als 20 im Monat. „Da geht es um die Wechseljahre oder den G-Punkt, aber auch darum, dass der Mann zu früh kommt.“ Ihre Kunden, Frauen wie Männer, sind zwischen 18 und 84 Jahre alt. Warum hat sie sich gerade diesen durchaus exotischen Job ausgesucht, was gefällt ihr daran? „Es macht einfach Spaß, als Fremde zu kommen und als Freundin zu gehen“, sagt Kerstin Walther.

Keine Macht der Langeweile

Als fremde Freundin sieht sie oft, wie schnell aus Sinnlichkeit und Aufmerksamkeit Langeweile und Gewohnheit werden, wenn man nicht gegensteuert. Wie sich in langjährigen Beziehungen Frust und Unlust breitmachen und jegliches Feuer ersticken. „Was sagen Sie Ihren Kunden, wenn sie das ansprechen?“, will ich wissen. Therapeuten-Neugier. Berufsrisiko. „Wie wichtig es ist, miteinander zu sprechen, sich von Fantasien, Wünschen und Sehnsüchten zu erzählen“, antwortet sie „Aber es ist superschwer, das erst mal in Gang zu bringen.“ „Vielleicht kann ich da ein bisschen helfen“, sage ich. Den Paaren, die zu mir und meiner Frau in unsere Praxis „Liebling + Schatz“ kommen, gebe ich manchmal Hausaufgaben auf. Zum Beispiel, einen intimen Brief zu schreiben, und zwar an sich selbst. Einen Brief mit zwei Seiten und nur zwei Fragen. Erstens: Was ist in meinem sexuellen Leben so wertvoll, dass ich es bewahren und pflegen will? Zweitens: Was möchte ich in meinem sexuellen Leben gerne erfahren, das ich bisher noch nicht erlebt habe? Dann wird es spannend: Bleibt der Brief zu, ein Geheimnis? Wird er gar vernichtet? Oder öffne ich ihn im Tausch mit dem Partner? Das kann der Anfang eines richtig guten Gesprächs werden.

Dildo-Party mit Psycho-Talk

„Keine schlechte Idee“, sagt Kerstin Walther. Sie kann sich sogar vorstellen, bei ihren Partys demnächst zum kollektiven Briefeschreiben aufzurufen. Ich freue mich, wie viel Raum es offenbar auf einer Dildo-Party für Psycho-Talk gibt.  Auch ein Dauerbrenner-Thema bei den Events: Stress. Kerstin Walther fühlt sich oft wie ein indischer Guru,wenn sie ihren Kunden mantramäßig rät: „Kopf frei! Entspannen! Traut euch, euch selbst zu entdecken!“ Vielen falle es erstaunlich schwer, sich Gutes zu tun. Aber nur, wer sich das erlauben kann, hat an Sextoys wirklich Spaß. Doch es verändert sich etwas: Glaubt man einer Studie, kommen Toys mittlerweile bei elf Prozent der Frauen mehr als dreimal pro Woche zum Einsatz. Geht es bei den Dildo-Partys eigentlich auch mal um den Orgasmus? Ich muss das jetzt fragen, auch wenn ich in meiner Praxis Paaren dabei helfe, von der Fixierung auf den Höhepunkt wegzukommen. Kerstin Walthers Kollegin Ingrid Schmitz-Kees erzählt von einer Kundin um die 50, die noch nie in ihrem Leben einen Orgasmus hatte. „Ihr habe ich bis heute mit Absicht noch nichts verkauft, weil da die Kopfsache erst mal wichtiger ist als das Geschäft.“

Gemeinsam ins Kopfkino

Kopfsache. Fremdsein im eigenen Körper – das kommt mir bekannt vor aus meiner therapeutischen Arbeit. Mein Mantra: den Leistungsdruck senken und die Freude am Spielen und Ausprobieren steigern. Weniger denken also, mehr fühlen. Auch mit dem Partner. Ob Sextoys dabei helfen können? „Klar!“, sagen die „Liebesengel“ (alles andere wäre auch geschäftsschädigend). Erstaunliches sei möglich, da gebe es zum Beispiel diesen saugenden Stimulator, der nahezu jede Frau „im Glück baden“ lasse. Oder ihre Bestseller, die Liebeskugeln „Emigi“, die den Beckenboden trainieren. Klingt schon recht technisch. Aber wenn das neue tolle Teil dazu beiträgt, den anderen wieder mehr zu spüren, warum nicht? Als ich mein Therapeuten-Fazit ziehe, lebendige Erotik bestehe aus Entwicklung, Freude, Arbeit und Lernen, Höhen und Tiefen inklusive, sagt eine Stimme aus dem Off: „Klappt aber nur, wenn wir eine gemeinsame Sprache für Sex finden – und immer mal wieder zusammen ins Kopfkino gehen.“ Erstaunlich, wie gut wir uns ergänzen.

Autor: Stefan Ruzas