Schlaf-Expertin im Interview: „Nachts denken wir aggressiver“

Neben körperlichen Ursachen ist unser seelischer Allgemeinzustand oft Auslöser für Schlafstörungen. Dr. Tatjana Crönlein, Verhaltenstherapeutin am Schlaflabor der Uni Regensburg im DONNA-Interview.

Schlafstörung - Einschlaf-Tipps von einer Schlaf-Expertin

Schlaf kann vollständig wieder hergestellt werden, geben Sie die Hoffnung also nicht auf!

Mal abgesehen von körperlichen Ursachen ist unser seelischer Allgemeinzustand oft Auslöser für Schlafstörungen. Darüber sprachen wir mit Dr. Tatjana Crönlein, Verhaltenstherapeutin am Schlaflabor der Uni Regensburg und Leiterin der Arbeitsgruppe Insomnie der Deutschen Gesellschaft für Schlafforschung und Schlafmedizin.

DONNA: Bekanntes Szenario: Sobald man das Licht ausknipst, startet das Gedankenkarussell…
Dr. Tatjana Crönlein: Wenn man wach liegt, nur Dunkelheit um sich hat und keine anderen Stimuli, dann ist jeder Gedanke wie eine Neonreklame. Wir wissen aus Studien, dass wir nachts dazu neigen, negativer, depressiver zu denken als tagsüber. Auch das macht das Wiedereinschlafen nachts oft schwierig.

Stress wirkt sich ebenfalls aus, oder?
Ja. Bei anhaltenden Schlafstörungen sollte man sich fragen: Gibt es einen Zusammenhang mit dem Tagesgeschehen? Überfordere ich mich? Rase ich mit 180 Sachen durchs Leben – und will mich dann nachts ruck, zuck entspannen können? Oft sind Schlafstörungen ein Ausdruck mangelnder Aufmerksamkeit gegenüber Stress und den eigenen Grenzen. Schlaf ist keine Tankstelle, wo man sich mal eben die Erholung abholt. Sätze wie „Ich muss jetzt schlafen!“ sind ein echter Saboteur. Das Wort „muss“ wirkt wie eine Tür, die zugeht und den Schlaf verhindert.

Inwiefern hilft die richtige Einstellung? Oder anders gefragt: Hat man ein Recht auf soliden Tiefschlaf?
Es gibt grundsätzlich nicht den lebenslangen schlechten Schläfer, Die Schlafqualität ist nicht in Stein gemeißelt. Geben Sie also die Hoffnung nicht auf! Insomnie ist erst mal eine Diagnose. Der erste Schritt ist, anzunehmen, dass es gerade so ist, aber nicht in einer Katastrophe enden muss. Es gibt viele Behandlungsmöglichkeiten, die den Schlaf verbessern können, er kann sogar vollständig wiederhergestellt werden.

Was kann helfen?
Wir sehen gute Ergebnisse bei der Insomniespezifischen Verhaltenstherapie. Das ist eine Form der Psychotherapie, die auf unterschiedliche Zielsymptome setzt, die mit dem Schlaf verbunden sind. Der Effekt ist messbar, diese Therapie wirkt genauso gut wie Tabletten und ist nach internationalem Standard mittlerweile die Therapie der ersten Wahl bei einer lang anhaltenden Insomnie.

Wie lange dauert die Therapie?
In der Regel sechs Wochen, wir bieten auch stationär Zwei-Wochen-Programme an. Bei akuten Schlafproblemen, etwa bedingt durch einen Jobkonflikt, muss man natürlich keine Verhaltenstherapie machen, da sind sogenannte Hypnotika in Ordnung.

Muss man bei den Tabletten keine Angst vor Abhängigkeit haben?
Das Suchtpotenzial der meisten modernen Schlafmedikamente ist gering. Viele Menschen schaffen es, bei einer niedrigen Dosis zu bleiben. Bei exzessiven Fällen steckt meist eine Suchtproblematik dahinter. Das ist wie beim Alkohol. Nicht jeder, der ein Glas Wein trinkt, wird zum Alkoholiker. Dennoch: Die Tabletten helfen beim Einschlafen – und das ist verführerisch. Abhängig macht eher der Mangel an effektiven Alternativen.

Welche wären das?
Die Insomniespezifische Verhaltenstherapie ist die ursachenorientierte Lösung. Wer nur gelegentlich mal schlecht schläft, dem hilft Schlafhygiene weiter. Man kann so Fehlverhalten um den Schlaf herum korrigieren.

Wie wird man überhaupt zu einem schlechten Schläfer?
Die Ursachen sind komplex. Es geht darum, was man an genetischer Disposition mitbringt und wie man mit individuellen Stressfaktoren und Ängsten umgeht.

Frauen trifft es ja nachweislich öfter, gerade in der Menopause.
Ich finde es gefährlich, Schlafprobleme vorschnell auf die Wechseljahre zu schieben. Es gibt durchaus andere körperliche Schlafstörungen, die gerade bei Frauen gern übersehen werden. Etwa schlaf- bezogene Atmungsunregelmäßigkeiten; oft entsprechen die Frauen eben nicht dem klinischen typischen Bild eines Apnoe-Falls, sind schlank und schnarchen wenig, haben aber doch diese Atemaussetzer. Bei chronischen Schlafstörungen sollte man das in der Menopause unbedingt abklären lassen.

Und wenn physisch alles okay ist?
Dann können es auch persönliche Konflikte sein, wie zum Beispiel Partnerschaft oder andere Sorgen. Gerade die Wechseljahre sind eine Zeit des Umbruchs und häufig mit Rollenwechseln – etwa: die Kinder verlassen das Haus – verknüpft, das kann Angst machen.

Wann sollte man handeln?
Sobald man das Gefühl hat, dass sich die Schlafstörung verselbstständigt, die üblichen Ratschläge nicht helfen und man deutlich in seiner Tagesbefindlichkeit beeinträchtigt ist, ist der Gang zum Arzt ratsam. Das kann schon nach wenigen Wochen sein.