KRANKHEITEN & SYMPTOME

Depressionen erkennen: Wenn der Körper zeigt, dass die Seele krank ist

Frau sitzt gedankenverloren und mit gefalteten Händen in einem dunklen Raum. | © Justin Case, Getty Images
© Justin Case, Getty Images
Eine Depression muss sich nicht zwangsläufig durch Niedergeschlagenheit äußern – auch Schlafstörungen oder Appetitlosigkeit können erste Anzeichen sein.

Was wie Grippe aussieht, kann auch eine versteckte Depression sein. Im DONNA-Interview erklärt Arzt und Psychotherapeut Prof. Dr. Dr. Christian Schubert, wie sich die Symptome einer Depression äußern können und auf welche Warnsignale des Körpers Sie achten sollten.

Interview mit Prof. Dr. Dr. Christian Schubert

DONNA: Äußert sich eine Depression immer durch Niedergeschlagenheit?
Christian Schubert: Nein. Es können auch körperliche Beschwerden auftreten – ausschließlich oder zusätzlich. Bis zu drei Viertel aller depressiven Patienten leiden an somatischen Begleiterscheinungen. Sie klagen beim Arzt über Schmerzen oder Schlafstörungen und dahinter verbirgt sich dann eine Depression. Häufig hat das mit einer Traumatisierung zu tun; die psychische Belastung kann nicht in Worte gefasst werden und wird deshalb mit dem Körper ausgedrückt. Diagnostiziert man bei den Betroffenen jedoch Anzeichen eines seelischen Leidens und schlägt eine Psychotherapie vor, fühlen sich viele gekränkt und wechseln den Arzt.

Macht der viel zitierte Dauerstress depressiv?
Gestresste Personen leiden unter ähnlichen Beschwerden wie depressive: Herz-Kreislauf- und Verdauungsprobleme, Ängste und Antriebsschwäche zum Beispiel. Auch die biochemischen Veränderungen im Körper sind vergleichbar. Die Ausschüttung der Botenstoffe in Gehirn und Nervensystem wie Serotonin, Noradrenalin, Dopamin und Cortisol verschiebt sich. Ein Burnout etwa geht in Richtung einer atypischen Depression. Wir wissen heute, dass einem Teil dieser Erkrankungen stressbedingte Entzündungen zugrunde liegen – wie bei der atypischen Depression.

Wie äußert sich diese Erkrankung?
Sie zeigt sich in verstärktem Schlafbedürfnis, Erschöpfung, Bewegungslosigkeit, Gewichtszunahme und erhöhten Entzündungswerten im Blut. Die Entzündung verursacht so was wie einen grippalen Infekt. „Sickness behavior“ heißt, man fühlt sich krank und verhält sich auch so. Zieht sich zurück, ruht aus, schläft viel.

Bei Infekten ist das alles wichtig für unseren Organismus: Der Körper kann so regenerieren und die Energie sparen, die das Immunsystem zur Abwehr der Krankheit braucht. Bei einer atypischen Depression ist diese natürliche Überlebensstrategie allerdings fehlgeleitet. Die Symptome der melancholischen Depression sind dagegen das genaue Gegenteil: Überaktivität, Schlaflosigkeit, Appetitlosigkeit, Gewichtsverlust, Unruhe und Melancholie.

Porträt von Prof. Dr. Dr. Christian Schubert. | © privat
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Prof. Dr. Dr. Christian Schubert analysiert mit seinem Forscher-Team seit 20 Jahren die Wechselwirkungen zwischen Psyche, Gehirn und Immunsystem.

Woran erkennen wir solche Entzündungsprozesse?
Das ist höchst individuell. Aber wenn man den Eindruck hat, es geht einem nicht mehr so gut wie sonst, sollte man aufhorchen. Wichtig ist, dass man in sich geht, sich beobachtet, lernt, seinen ganzheitlichen Zustand wahrzunehmen. Die Umstände unserer Leistungsgesellschaft trainieren uns das ab – der Körper hat zu funktionieren wie eine Maschine. Seine Verbindung zur Seele spüren wir immer seltener.

Ist ja auch gar nicht so einfach.
Richtig. Viele stehen im Job so unter Druck, dass sie gar nicht fühlen dürfen, dass es ihnen schlecht geht – denn das hätte Konsequenzen: Sie müssten kürzertreten, mehr auf sich achten, würden womöglich ihre Arbeit verlieren. Eine psychische oder körperliche Erkrankung stellt oft den einzigen Ausweg dar.

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Lässt sich eine Depression verhindern?
Aus der Psychoneuroimmunologie wissen wir, dass es Faktoren gibt, die Schutz bieten. Wenn wir etwa das Gefühl haben, dass wir für Dinge, die auf uns zukommen, gewappnet sind, dass wir sie kontrollieren können und uns zutrauen, mit ihnen fertigzuwerden, macht uns das widerstandsfähiger bei Stress.

Optimisten, die wenig Angst haben, können mit Stressoren besser umgehen. Wirklich hilfreich sind vertrauensvolle Beziehungen, ich bezeichne sie als Lebenselixier. Ebenfalls wichtig: Ziele im Leben zu haben, einen subjektiven Sinn zu sehen. Wer sich schnell überfordert fühlt und dabei auch körperliche Beschwerden entwickelt, sollte einen Psychotherapeuten um Rat fragen.

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„Was uns krank macht, was uns heilt. Aufbruch in eine neue Medizin. Das Zusammenspiel von Körper, Geist und Seele besser verstehen” von Christian Schubert (Fischer & Gann, 24 Euro)., ps

Interview: Monika Murphy-Witt

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