Psychische Störung

Hypochondrie: Wann wird die Angst vor Krankheiten krankhaft?

Frau beim Arzt | © SCIENCE PHOTO LIBRARY GETTY IMAGES
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Wer hinter jedem Wehwehchen eine Krebserkrankung vermutet, leidet möglicherweise an Hypochondrie. DONNA Online erklärt, ab wann die Angst vor Krankheiten zur psychischen Störung wird.

Wenn grundlose Angst vor lebensbedrohlichen Krankheiten und Arztmarathons zur Gewohnheit werden: Oft leiden „eingebildete Kranke“ an Hypochondrie. Wir erklären, wodurch die psychische Störung ausgelöst wird, welche Symptome bei Hypochondern auftreten und wie sie behandelt werden können.

Die Angst, an einer ernstzunehmenden Krankheit zu leiden, ist bis zu einem gewissem Grad normal. Selbst Menschen mit einer stabilen Gesundheit kommen ab und zu ins Grübeln: Könnte eine gefährliche Erkrankung hinter plötzlich auftretenden, körperlichen Beschwerden stecken? Wenn körperliche Symptome jedoch dauerhaft über- oder fehlinterpretiert werden und jedes Wehwehchen den Gang zum Arzt erfordert, kann der Krankheitsangst auch eine psychische Störung zugrunde liegen: Hypochondrie. DONNA Online erklärt, woran Sie Hypochonder erkennen und wie die Erkrankung therapiert werden kann.

Wie viele Deutsche sind Hypochonder?

Die gute Nachricht vorweg: Laut aktuellen Studien ist lediglich ein Prozent der deutschen Bevölkerung tatsächlich an Hypochondrie erkrankt, wobei Männer und Frauen in gleichem Maße betroffen sind. Dass Sie also an einer abnormalen Form der Krankheitsangst leiden, ist prozentual gesehen eher unwahrscheinlich. Dennoch ist die Grenze zwischen übermäßiger Angst vor Krankheiten und einer hypochondrischen Störung oftmals fließend.

Was ist Hypochondrie?

Bei Hypochondrie handelt es sich um eine sogenannte somatoforme Funktionsstörung. Das bedeutet, dass anhaltende körperliche Beschwerden ohne erkennbare medizinische Ursachen auftreten. Oft sind die Symptome psychosomatisch, werden also durch seelische Belastungen ausgelöst. Egal, ob bei einer Magenverstimmung, Erkältung oder leichten Rückenschmerzen: Hypochonder missdeuten eigentlich harmlose Krankheitssymptome und vermuten, dass hinter ihnen lebensbedrohliche Erkrankungen wie Krebs oder Multiple Sklerose stecken.

Krankhafte Hypochonder lassen sich häufig selbst nach Ärztemarathons und intensiver Recherche der Symptome nicht von ihrer Selbstdiagnose, an einer gefährlichen Krankheit zu leiden, abbringen. Stattdessen stürzen Betroffene sich immer weiter in die Suche nach potenziellen, meist tödlichen Krankheitsbildern als Ursache für ihre körperlichen Beschwerden: harmlose Kopfschmerzen werden zum Hirntumor, Magenschmerzen deuten auf ein gefährliches Magengeschwür hin, eine Verspannung im Oberkörper wird zum Vorboten eines Herzinfarkts.

Dabei geraten Hypochonder schnell in einen Teufelskreis: Ein harmloses Krankheitssymptom tritt auf, weshalb der Betroffene seinem körperlichen Zustand verstärkte Aufmerksamkeit widmet. Da immer mehr potenzielle Beschwerden analysiert werden und die Angst vor einer lebensbedrohlichen Erkrankung wächst, verschlechtert sich der Gesundheitszustand als psychosomatische Folge tatsächlich. Ohne fremde Hilfe ist es dem Hypochonder zu diesem Zeitpunkt kaum mehr möglich, dem Verhaltensmuster zu entkommen.

Hypochondrie: Selbst von Experten oft belächelt

Obwohl die Existenz einer hypochondrischen Störung wissenschaftlich belegt ist, bleibt eine ernsthafte Anerkennung der Krankheit bislang aus. Viele Ärzte nehmen die Symptome der Erkrankten nicht ernst – dabei ist eine ausreichende psychologische Betreuung bei Hypochondern unerlässlich. Werden die Ängste der betroffenen Patienten ignoriert, kann die psychische Störung ihnen das Leben zur Qual machen. Viele Hypochonder distanzieren sich von Freunden und Familie und können im Laufe der Erkrankung und Verschlimmerung der Symptome ihre Arbeit nicht mehr ausüben. Wer keine Hilfe erhält, wird Hypochondrie im Alleingang nur selten los. Zunehmendes Alter, langwierige Krankheiten und häufig auch Bildungslücken sind Faktoren, die eine bereits bestehende Hypochondrie weiter verstärken können.

Hochsensibilität erkennen: Symptome und Erfahrungen

Das sind die Auslöser einer hypochondrischen Störung

Bislang sind sich Wissenschaftler über die Ursachen der Hypochondrie nicht einig. Jedoch gibt es Faktoren, die eine hypochondrische Störung begünstigen können. Dazu gehören

  • enormer Stress, meist über längere Zeit hinweg

  • finanzielle Sorgen

  • Konflikte in Familie, Beruf oder Partnerschaft.

Oftmals geht die Hypochondrie dabei mit Anzeichen einer Depression oder Angststörung einher.

Hypochondrie: Diagnose und Behandlungsmöglichkeiten

Um eine präzise Diagnose der Krankheit zu erhalten, reicht ein Besuch beim Hausarzt häufig nicht aus. Wenn Sie sich von Ihrem Arzt nicht verstanden oder falsch diagnostiziert fühlen, sollten Sie unbedingt einen Spezialisten aufsuchen: Häufig bringt erst der Gang zum Psychiater Klarheit darüber, ob im individuellen Fall tatsächlich eine hypochondrische Störung vorliegt – oder es sich lediglich um leicht übersteigerte Krankheitsangst handelt. Bei der Stellung der Diagnose müssen Patienten einige wesentliche Fragen beantworten, um die Hypochondrie zu erkennen und andere psychische Erkrankungen wie eine Panikstörung auszuschließen. Unter anderem überprüft der Facharzt…

  • welche Krankheiten der Patient in der Vergangenheit hatte

  • welche Voruntersuchungen und Behandlungen bereits zurückliegen

  • die Umgangsweise des Patienten mit körperlichen Beschwerden

  • ob es einschneidende Ereignisse im Kindheits- und Jugendalter gab, die eine Störung ausgelöst haben könnten

  • ob kurz vor Auftreten der Symptome ein belastendes Ereignis eintrat, etwa ein Todesfall in Familie oder Freundeskreis, übermäßiger Stress, etc.

  • Für eine möglichst effektive Behandlung der hypochondrischen Störung sollte möglichst frühzeitig mit der Therapie begonnen werden. Eine Besserung kann der regelmäßige Einsatz von Entspannungsmethoden bringen, die meist in Kombination mit Verhaltens- und Psychotherapie angewendet werden. Je nach Ausmaß der Hypochondrie kann die Therapie zwischen sechs Wochen und einem Jahr oder sogar länger andauern.

    Checkliste: Ist meine Angst vor Krankheiten normal – oder bin ich ein Hypochonder?

    Neben der ständigen Angst, an einer schwerwiegenden Krankheit wie Krebs erkrankt zu sein, zeigen sich bei Hypochondern weitere Krankheitssymptome. Dazu gehören unter anderem:

  • Herzkreislaufprobleme, z.B. Herzneurose

  • Magen-Darm-Beschwerden, z.B. Reizdarm-Syndrom

  • Atembeschwerden

  • Herzbeschwerden

  • Reizblase

  • zunehmende Ruhelosigkeit und nervöse Unruhe, bedingt durch die Angst, an einer schlimmen Krankheit zu leiden.

Sollten diese Symptome mindestens sechs Monate ohne organischen Befund bei Ihnen auftreten und die Krankheitsangst Ihren Alltag beeinträchtigen, sollten Sie Hilfe bei einem Experten suchen.

  • Kann ich Hypochondrie vorbeugen?

    Eltern wird häufig geraten, mit ihren Kindern nicht wegen jedem kleinen Kratzer zum Arzt zu gehen, um einer späteren Hypochondrie vorzubeugen. Ansonsten wird das Kind bereits in jungen Jahren darauf konditioniert, dass kleine körperliche Beschwerden gefährlich sein könnten.

    Im Erwachsenenalter ist eine Vorbeugung kaum möglich, zumal Betroffene sich selbst nicht als Hypochonder wahrnehmen, sondern der festen Überzeugung sind, real an einer gefährlichen Krankheit zu leiden. Häufig erfolgt selbst bei Patienten mit einer schweren hypochondrischen Störung nie eine Diagnose.