Persönlichkeiten

Monika Baumgartner: „Ich bin eine Wurschtlerin“

Schauspielerin Monika Baumgartner in einem roten Blazer vor einer Hecke. | © Conny Mirbach
© Conny Mirbach
Schauspielerin Monika Baumgartner ist vielen TV-Zuschauern als Elisabeth Gruber, Mutter des „Bergdoktors“ bekannt.

Monika Baumgartner ist diesen Sommer 66 geworden. Egal, ist nur eine Zahl und sie eigentlich schon in Rente. Ans Aufhören denkt sie trotzdem nicht. Die Schauspielerin im DONNA-Interview.

Sie wartet schon im Foyer. „Betreutes Wohnen“ steht an dem schmucklosen, modernen Gebäude. Eigentlich waren wir in Monika Baumgartners Garten verabredet, hier in Gröbenzell, 16 Kilometer von München weg. Kurz vorher kam eine Mail: „Bitte lassen Sie uns das Interview im Café machen.“ Kein Problem, aber sind wir hier wirklich richtig? „Hier lang“, sagt Monika Baumgartner, durch eine Glastür treten wir auf eine schöne, sonnige Terrasse. „Haben Sie schon gefrühstückt?“, fragt sie. „Ich nämlich noch nicht.“

DONNA: Frau Baumgartner, warum treffen wir uns gerade hier?
Monika Baumgartner: Ich wollte Sie zu mir einladen, aber da sitzt gerade eine Erbengemeinschaft, die sich von meinem Freund beraten lässt, der ist ja Anwalt. Die hätten uns dann nur gestört. Und hier ist es so schön ruhig.

Ihnen ausgerechnet ein Café in einem Seniorenwohnheim vorzuschlagen, hätte ich mich ehrlich gesagt nicht getraut.
Meine Oma hat immer gesagt: „Alle wollen alt werden, aber keiner will alt sein.“ Leider muss ich mich gerade sehr viel mit dem Älterwerden beschäftigen.

Warum das?
Meine Mutter ist in Kurzzeitpflege, sie hatte sich die Hüfte gebrochen und sitzt jetzt erst mal im Rollstuhl. Sie ist 86 und hat allein gelebt, in ihrer Wohnung. Ob sie dorthin zurückkann, weiß keiner. Wahrscheinlich nicht.

Wie geht es Ihnen damit?
Wenn Sie wochenlang in Krankenhäusern und Altersheimen sind, umgibt Sie die Endlichkeit. Das bewegt mich gerade sehr. Was wird später mit mir sein? Die Einschläge kommen näher.

Wir sind große Meister darin, solche Fragen zu verdrängen.
Es macht ja auch nicht gerade Spaß, sich damit zu beschäftigen. Wenn ich mir vorstelle, ich müsste bald auf 20 Quadratmetern „betreut“ wohnen…Meine Mutter ist gerade mit sich im Kampf.

Und Sie selbst?
Ach, ich werde ja dieses Jahr 66, es zwickt hier und es tut da weh, aber vor allem bin ich sehr glücklich und sehr froh, dass ich noch Arbeit habe und hoffentlich auch weiter haben werde.

Sind Sie jemand, der an Geburtstagen Bilanz zieht oder gute Vorsätze fasst?
À la „Mit 66 Jahren, da fängt das Leben an“, oder wie? Nein. Ich denke ununterbrochen über mich nach, dazu brauche ich keinen Anlass. Und das Problem mit Bilanzen ist: Hinterher ist man immer gescheiter. Im Hier und Jetzt kann ich aber leider nur die Entscheidungen treffen, von denen ich denke: „So ist es gerade richtig.“ Sicher hätte ich in meinem Leben manches gern anders gehabt.

An was denken Sie da?
An meine Ehe. Da war ich mir hundertprozentig sicher, dass sie funktioniert. Aber dann kam die 20 Jahre jüngere Frau, die gleich ein Kind gekriegt hat – und plötzlich war das für meinen Ex‐Mann eben der Sinn des Lebens.

Sie waren 43 und hatten sich ein gemeinsames Leben aufgebaut.
13 Jahre waren wir beieinander gewesen und hatten erst ein Jahr zuvor geheiratet. Nach der Trennung ging es mir sehr schlecht. Es war so schwer zu verstehen, weil er von jetzt auf gleich aus meinem Leben gegangen ist.

In der Mitte Ihres Lebens mussten Sie noch mal neu beginnen.
Ja, das war hart, aber im Rückblick auch eine Chance. Mitte des Lebens, da geht noch einiges, wenn man will. Schauen Sie meine Schwester an, die hat mit 40 angefangen, eine Lehre zu machen! Da haben die Leute sie gefragt, ob sie spinne. Sie aber hat ihre Meisterprüfung abgelegt und mit mir zusammen erfolgreich einen Laden eröffnet. Und was mich angeht: Klar hatte ich mir das damals anders gewünscht. Aber hätte ich etwas ändern können? Hätte, hätte ... das nutzt doch nix. Wie bei den Rollen, die ich spiele.

Wie meinen Sie das?
Manchmal denke ich im Nachhinein: „Hätte ich das vielleicht doch anders spielen sollen?“ Aber nein, zu spät, schon im Kasten, zumindest beim Fernsehen. Beim Theater geht das schon eher. Da entwickeln sich Dinge. Da kann man ausprobieren, das ist toll. Aber wissen Sie, was komisch ist?

Was?
Manchmal denkt man, wenn man von der Bühne geht: „Heute habe ich aber toll gespielt, genau so, wie es sein sollte.“ Und dann kommt der Regisseur oder der Spielpartner und sagt: „Du, das fand ich gerade furchtbar, unter aller Sau.“ Ich erlebe mich völlig anders als derjenige, der mir zuschaut.

Wann ist Ihnen das zuletzt passiert?
Letzte Woche. Bei einem Casting. Ich war mir sicher: Ich habe alles gut gemacht. Mehr geht nicht. Passt scho. Trotzdem hat’s nicht gereicht. Ich habe die Rolle nicht bekommen, dabei hätte sie richtig gut zu mir gepasst. Schon wieder so ein „Hätte“. Aber so ist das einfach. Auch nach so langer Zeit.

Wer hat die Rolle stattdessen bekommen?
Bis jetzt niemand. Es ist scheinbar schwer, jemand Passenden dafür zu finden. Das freut mich natürlich wieder (reibt sich die Nase). Jetzt zwickt’s mich, jetzt spricht gerade jemand über mich. Hoffentlich positiv.

Sie sind seit 45 Jahren in diesem Beruf…
…und habe mich 45 Jahre von ihm ernähren können, das muss man erst mal schaffen. Viele, die damals in meiner Schauspielklasse waren, haben längst aufgehört oder aufgegeben.

Sie sind ein bekanntes Fernsehgesicht. Im Supermarkt werden Sie gern mal mit „Frau Gruber“ angesprochen. So heißen Sie als Mutter des „Bergdoktors“.
Dann grüße ich immer nett zurück. Ich werde auch oft gefragt, warum meine Söhne denn so viele Frauenprobleme hätten. „Ja, schwierig“, sage ich dann, „Hoffnungslose Fälle. Ich kann da auch nichts ändern.“ (lacht)

Damit muss ein Serien-Star wahrscheinlich leben.
Ich bin kein Star, ich bin Schauspielerin.

Sie haben schon die Unsicherheiten Ihres Berufs angesprochen. Viele Schauspieler reden lieber nicht über Gagen und Geld.
Warum denn? Verstehe ich nicht.

Vielleicht, weil sie Angst haben, es könnte ihnen schaden?
Es ist doch so: Ich bin nicht fest angestellt, bekomme kein Monatsgehalt, habe keine unkündbare Stelle. Existenzängste kenne ich gut. Wenn ich mal nicht so viel zu tun habe, werde ich unruhig und frage mich: „Was ist denn los, warum geht jetzt gar nichts?“ Und wenn wirklich gar nichts geht, muss ich zum Arbeitsamt – wie viele andere auch.

Sie haben eine feste Serienrolle.
Ja, der „Bergdoktor“ ist wie ein Sechser im Lotto, dadurch habe ich immer von Ende Mai bis Anfang Dezember zu tun, und das seit elf Jahren, das ist schon toll. Aber ich kenne Kolleginnen, die Sie auch kennen, die teilweise von fünf Drehtagen im Jahr leben. Ich weiß gar nicht, wie die das machen. Dieses Bild, das viele haben, beim Film würden Millionengagen gezahlt – alles Quatsch. Das ist vielleicht bei ein paar Ausnahme‐Stars in Hollywood so.

Und selbst da verdienen Frauen immer noch weniger als Männer.
Ja, dabei müssen wir uns jetzt auch noch mit diesen schrecklichen hochauflösenden HD‐ Kameras herumschlagen.

Was ist an denen schrecklich?
Die leuchten jeden Winkel, jede Pore, jede Falte aus. Grausam. Muss das sein? Ein bisschen mehr Respekt hätten wir ältere Frauen schon verdient, finde ich.

Wie sieht es mit guten Rollen für ältere Frauen aus?
Da gibt es leider wenig spannende. Letztens sollte ich jemanden im Altersheim spielen. Ich habe abgelehnt. Das wäre mir gerade zu viel gewesen, wegen meiner Mutter. Nein, ich will keinen Rollator schieben. Jetzt spiele ich diesen Sommer die Kaiserin Maria Theresia im „Zigeuner‐Baron“.

Eine Operette?
Ja, das ist ganz neu für mich, das wird sicher lustig. Und die Maria Theresia war eine spannende Frau, eine starke Herrscherin, energisch und stur, mit 16 Kindern. Ich habe mir die neue Biografie von Élisabeth Badinter gekauft und werde sie jetzt studieren. 1000 Seiten. Dabei bin ich ja eigentlich schon in Rente.

Eigentlich?
Seit Januar, ja, aber ich habe immer noch keinen offiziellen Bescheid bekommen. Ich habe mich ordnungsgemäß gemeldet. Als ich mal nachgefragt habe, hieß es: Es gibt da noch Ungereimtheiten. Ich bin also eine verhinderte Rentnerin. Und zum Glück gerade nicht auf das Geld angewiesen.

Sie arbeiten also einfach weiter.
Ich bin eine Wurschtlerin, ich muss immer irgendwas machen. Auf der Couch liegen ist nichts für mich. Solange man mich noch sehen mag, will ich bestimmt nicht aufhören zu arbeiten. Ich darf mit meiner Leidenschaft Geld verdienen, ich bitte Sie, mehr geht doch gar nicht.

Ein bisschen mehr geht immer, oder?
Eine Kollegin meinte mal zu mir, da hatten wir gerade sieben Tage ununterbrochen gedreht und waren ziemlich fertig: „Du jammerst nie!“ Ich habe ihr geantwortet: „Was nützt das auch?“ Aber die Deutschen jammern viel und gern. Dabei geht’s uns wirklich sehr gut. Millionen Menschen sind auf der Flucht. Die haben nix, gar nix. Da muss man a bisserl demütiger sein, finde ich. Und wenn endlich mal schönes Wetter ist, hört man: „So heiß! So schwül!“ Bitte, jetzt hört’s doch mal auf!

Trotzdem dürfen Sie sich noch was wünschen. Vielleicht eine Rolle, die Sie unbedingt spielen wollen?
Ich hätte unheimlich gern bei „Let’s Dance!“ mitgemacht! Ich liebe Tanzen und das ist doch Wahnsinn, was die in so kurzer Zeit alles lernen und in welcher Perfektion! Schade, dafür bin ich nun wirklich zu alt. Aber keine Angst, ich habe viele Baustellen, langweilig wird’s mir nicht.

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Monika Baumgartner ist seit 45 Jahren auf dem Bildschirm und der Bühne präsent – ans Aufhören denkt die Schauspielerin aber noch lange nicht.
 | © Conny Mirbach
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Monika Baumgartner ist seit 45 Jahren auf dem Bildschirm und der Bühne präsent – ans Aufhören denkt die Schauspielerin aber noch lange nicht.