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Sex im Alter: So bleibt es spannend im Bett

Ehepaar im Bett | © Getty Images | Westend61
© Getty Images | Westend61
Ein erfülltes Liebesleben ist keine Frage des Alters: Im DONNA-Interview erklärt Sexualmediziner Dr. Axel-Jürg Potempa, wie es auch in langen Beziehungen spannend im Bett bleibt.

Nachhaltig prickeln im Bett – das tut’s mit zunehmendem Alter recht selten. Und bestimmt haben alle anderen garantiert ein viel aufregenderes Liebesleben als man selbst. Aber wie kann man da hinkommen? Das wollten wir von dem Urologen und Sexualmediziner Dr. Axel-Jürg Potempa wissen.

DONNA: Es heißt ja oft, Frauen seien mittlerweile im Bett selbstbestimmt und selbstbewusst. Stimmt das?
Dr. Axel-Jürg Potempa: Ja und nein. Was die weibliche Befriedigung angeht, sind sie in Deutschland 20 Jahre hinter den Männern zurück. Die Orgasmusraten sind noch immer erschütternd niedrig. Dennoch können Frauen ihre Sexualität heute freier leben.

Ist das auch Büchern wie „Fifty Shades of Grey“ zu verdanken?
Für ein prüdes Land wie die USA trifft das auf jeden Fall zu. Aber auch bei uns war das Buch wie ein Befreiungsschlag. Es hat Tabus gebrochen, Gesprächsstoff geboten. Und das ist bitter nötig.

Wieso fällt es uns trotz einer sexualisierten Welt oft so schwer, mit dem Partner offen über Sex zu reden?
Wir sehen das Thema oft viel zu ernst, zu analytisch und problemorientiert. Der spielerische Umgang, der Humor und die Leichtigkeit fehlen. Sex ist doch kein Leistungssport. Es geht um Spaß! Und das Leben ist doch wirklich zu kurz für schlechten Sex. Wichtig ist die Erkenntnis, dass sich auch im Bett mit der Zeit etwas ändern kann – und dass das in Ordnung ist. Überall lassen wir Entwicklungen zu, im Job, bei den Kindern, bei Freundschaften – aber der Sex soll bitte schön immer so leidenschaftlich bleiben wie am Anfang. Das kann nicht funktionieren. Man muss sich gemeinsam weiterentwickeln.

Normalerweise sieht man ja wenig vom Sexleben anderer. Aber das eigene empfindet man als nicht aufregend genug. Haben wir da vielleicht falsche Vorstellungen?
Klar, die Überkörper und Übererektionen, die durch die Medien zur Norm erhoben werden, gibt es in freier Wildbahn natürlich nicht.

Harmloser Blümchensex ist also Ihrer Meinung nach völlig okay?
Ich als Sexualmediziner finde natürlich: Hauptsache, wir tun es! Wie oft, in welcher Form, das ist ganz egal, solange beide damit zufrieden sind. Ich erlebe aber, dass viele Partnerschaften aufblühen, wenn sie mal neue Spielarten ausprobieren. Ich halte zum Beispiel die heutigen Sextoys für eine echte Bereicherung. Sie sind komplett raus aus der Schmuddelecke. Mut zu Neuem zahlt sich immer aus.

Was ist denn da gerade angesagt?
Ganz klar Fessel- und Rollenspiele. Letztere sind doch eine herrliche Möglichkeit, all das rauszulassen und zu verarbeiten, was man sonst dem Partner nicht sagen kann. Überhaupt: Man muss sich seiner Fantasien nicht schämen, die sucht man sich nicht aus. Es gibt nichts Perverses, nichts ist unnormal – vorausgesetzt beide haben Spaß.

Was, wenn beide etwas ganz Unterschiedliches wollen?
Da gibt es kein Richtig oder Falsch. Jeder darf anders sein, eigene Wünsche haben – es hilft, wenn man das akzeptieren kann. Und dann ist es im Bett wie in vielen Bereichen im Leben: eine Frage des Nehmens und Gebens, des Gönnens und Grenzenziehens.

Aber wie kann man gerade in langen Partnerschaften zunächst mal der Routine entkommen?
Unsere Fantasie ist eine Hauptsäule für guten Sex. Es geht darum, ein gemeinsames erotisches Thema zu finden, etwa angeregt durch Filme oder Bücher. Das verselbstständigt sich meist, eigene Kopfbilder fließen mit ein. Man fragt den anderen, ob er sich das auch vorstellen könnte ... Ideal ist für mich, wenn man den Sex gegenseitig ein Stück weit eskalieren, ein Wechselspiel beginnen lässt. Ich ermuntere alle Paare, sich nicht abzufinden, wenn man nicht ausgefüllt ist. Akzeptanz ist der Feind der Sexualität.

Gar nicht so leicht, nach langer Pause einen neuen Nenner zu finden ...
Das Wichtigste ist, sich wieder Zeit zu zweit zu nehmen, intime Momente zu schaffen – und zwar erst mal gar nicht im Bett! Gemeinsam ausgehen, reisen, Sport machen. Ich bin überzeugt, dass die Schlüssel für besseren Sex außerhalb des Schlafzimmers liegen. Es geht um erlebte Sinnlichkeit.

In vielen Fällen ist es auch so, dass Männer wollen, aber nicht können.
Ja, das passiert oft. Acht Millionen Männer in Deutschland haben Erektionsprobleme – von immer mal wieder bis heftig. Früher ging man meist von psychogenen Faktoren aus, sprich Stress. Heute wissen wir: Nur 20 Prozent sind psychisch bedingt, bei 80 Prozent liegt eine endotheliale Dysfunktion vor.

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Eine was?
Eine Gefäßproblematik. Jede zweite Erektionsstörung wird dadurch verursacht. Die Schwierigkeiten weisen häufig auf kardiologische Probleme hin. Man sollte den Mann zum Arzt schicken, damit er sich auf Diabetes, Bluthochdruck, Herz-Kreislauf checken lässt.

Oft geben sich ja die Frauen die Schuld, meinen, sie seien nicht mehr sexy, und ziehen sich zurück.
Völlig unberechtigt! Aber alles zusammen kann eine Schweigespirale mit enormem Leidensdruck in Gang setzen. Manche Männer brauchen Jahre, bis sie zum Arzt gehen. So erklären Urologen übrigens den Erfolg der Late-Night- Shows. Die Kerle bleiben im Wohnzimmer sitzen, bis ihre Frauen eingeschlafen sind, weil sie Versagensängste haben. Dabei sind diese Störungen gut zu behandeln.

Was kann man dagegen tun?
Besonders Drogen und Rauchen wirken sich negativ aus. Jede Zigarette weniger hilft, vaskuläre Probleme zu lösen.

Und wenn schon nichts mehr geht?
Am besten sind PD5-Hemmer, sprich Viagra, Levitra oder Spedra. 25 Prozent der Männer reagieren jedoch nicht ausreichend. Oft liegt es an Einnahmefehlern. Man sollte es eine Stunde vor dem Essen schlucken, nicht direkt danach, das schwächt die Wirkung.

Und wenn er beim Sex regelmäßig zu früh kommt?
Interessanterweise geben Frauen da den Männern die Schuld. Aber die können nichts dafür, weil sich der Kontrollverlust verselbstständigt. Eine Verhaltenstherapie kann hier helfen, etwa die Stopp- und Start-Methode. Eine Kombi aus Kondom und Creme senkt auch die Empfindlichkeit. Am effektivsten ist das Medikament Priligy, das über den Serotoninstoffwechsel die Ejakulationskontrolle wiederbringt.

Aus Ihrer Praxis: Was nimmt Frauen die Lust auf Sex?
Die Erziehung spielt bei vielen immer noch rein: der Umgang mit Körperlichkeit im eigenen Elternhaus. Und dann der weitere Lebenslauf: Hat man früh geheiratet, eine Familie gegründet? War man lange allein? Manche haben wenig ausprobiert, sich und ihren Körper nie richtig gut kennengelernt.

Wie wirken sich die Hormone aus?
Oft liegt die Unlust bei Frauen am Testosteronmangel. Was viele nicht wissen: Das vordere Drittel der Scheide ist auch testosteronabhängig, das Hormon sorgt unter anderem für die wichtige Feuchtigkeit. Ein Status-Check hinsichtlich Prolaktin, Östradiol, Testosteron bringt hier Klarheit.

Und wenn man keine Hormone nehmen will?
Mein Schlüsselwort hier heißt Lebensqualität. Man muss darüber mit seinem Arzt sprechen – und abwägen. Was ist mir wichtig? Wie soll mein Leben aussehen? Gehört eine erfüllte, aktive Sexualität unbedingt dazu? Ich sehe zum Beispiel tolle Erfolge für Lust und Empfinden durch DHEA, eine Vorstufe des Testosterons.

Was halten Sie von dem in Deutschland noch nicht zugelassenen Pink Viagra für Frauen?
Der Ansatz ist sinnvoll. Das Mittel wirkt über einen erhöhten Dopaminspiegel im Gehirn, anfangs war es als Antidepressivum gedacht. Ich denke, dass es bei etwa 50 Prozent der Frauen Erfolg bringt. Klar muss man sich die Nebenwirkungen wie Schläfrigkeit anschauen.

Potenzmittel für Männer können nach Bedarf oder lokal angewendet werden. Frauen haben es also wieder mal schwerer ...
Ja, es muss dauerhaft eingenommen werden, und man sollte es mindestens ein bis drei Monate ausprobieren. Ob man das will, liegt im eigenen Ermessen. Für mich ist aber jede Möglichkeit für Frauen, ihre Sexualität ausleben zu können, Gold wert.

Aber manchmal ist man auch einfach zu kaputt, um in Stimmung zu kommen. Da brummt der Kopf…
Keine Ausrede! Sex ist der beste Kopfschmerzkiller, und er lässt Sie länger leben – die Immunstimulation steigt dabei so richtig an.

 

Autorin: Carolin Binder