warum Sie Selbstgespräche führen sollten

Selbstgespräche: 5 gute Gründe für den Dialog mit sich selbst

Selbstgespräche können bei wichtigen Entscheidungen helfen und das eigene Denken optimieren.  | © iStock | Wavebreakmedia
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Selbstgespräche können bei wichtigen Entscheidungen helfen und das eigene Denken optimieren.

Selbstgespräche gelten als schrullig. Doch Wissenschaftler finden sie äußerst nützlich – und entdecken echte Profiqualitäten. Wie enorm hilfreich die Dialoge mit sich selbst im Alltag sein können und wie Sie Ihren inneren Therapeuten in jeder Lebenslage nutzen können. 

1. Klar wie ein Entscheidungshelfer 

Kennen Sie das? Sie sind allein in der Wohnung, wälzen schwierige Gedanken, fangen an, leise vor sich hin zu lamentieren – und finden es doch sachte seltsam, wenn Sie Ihre eigene Stimme hören. Dabei ist das viel klüger als leises Denken! Wenn wir bei schwierigen Entscheidungen unsere Überlegungen laut in Worte fassen, treten Widersprüche und Fehleinschätzungen nämlich stärker zutage. „Wir merken beim Aussprechen oft besser, wo wir uns selbst ein Bein stellen“, erklärt der Berliner Coach und Trainer Karsten Noack. 

Beim Hören der eigenen Worte merken wir auch viel klarer, wie unser Körper darauf reagiert. Probieren Sie es mal mit: „Ich kündige!“ Flattern plötzlich Schmetterlinge im Bauch? Oder bildet sich ein Kloß im Hals? Ein weiterer Vorteil des Selbstgesprächs: Beim Aussprechen verlangsamt sich das Denken. Es wird systematischer, Gedankenwirbel werden beruhigt und sortiert. So kann ein Dialog mit sich selbst Klarheit bringen, wenn wir in einem „Einerseits-anderseits“-Sumpf feststecken. 

„Unsere Sprache ist ein Werkzeug, um das Verschwommene zu konturieren. Worte können hin- und herwabernde Gedankenelemente zu einem klaren Ganzen verbinden“, sagt Dietrich Dörner, Professor für theoretische Psychologie. 

2. Motivierend wie ein Cheerleader 

Eigenlob stinkt keinesfalls! Wenn wir uns per Selbstgespräch verbal auf die Schulter klopfen („Gut gemacht!“), nehmen wir Erfolge tatsächlich bewusster wahr und können uns an sie später intensiver erinnern. 

Außerdem ist der Dialog mit sich selbst auch eine gute Methode, sich anzuspornen. Wer sich dabei auch noch Anweisungen erteilt, kann seine Konzentration steigern, wissen Sportpsychologen aus ihrer Arbeit mit Athleten. Warum also nicht von Leistungssportlern lernen und ihr „Du kannst das“-Anfeuern vor dem nächsten Bewerbungsgespräch nutzen? Bei der Kindererziehung, in einem Paarkonflikt oder vor einer Rede auf einem großen Familienfest? Es funktioniert garantiert, denn „die mentalen Prozesse, die dabei ablaufen, sind immer dieselben“, so Sportpsychologe Moritz Anderten von der Sporthochschule in Köln. 

3. Hilfreich wie eine Therapeut 

„Warum ist es mir so wichtig, vier Wochen zu verreisen?“ „Warum bin ich so verrückt nach diesem Typen?“ Der Dialog mit uns selbst ist bestens geeignet, um Pläne und Wünsche zu hinterfragen und unser alltägliches Leben aufrechter zu bewältigen. In akuten Krisensituationen kann das Selbstgespräch nahezu therapeutische Wirkung entfalten. Denn beim Reden überdenken wir rückschauend unser Handeln: „Was habe ich da eigentlich gemacht? Wieso habe ich das gesagt?“ 

Das mag egozentrisch klingen, nach überdrehter Bauchnabel-Schau. Ist es aber keineswegs! Denn meist treten wir dabei gedanklich mit unseren Mitmenschen in einen Dialog und „spielen“ Gespräche oder Auseinandersetzungen im stillen Kämmerlein nach. 

Ärger beim Umtausch eines Pullovers, ein schräges Date: Im Zwiegespräch mit uns selbst können wir im Nachhinein ausprobieren, wie wir in diesen Situationen vielleicht klüger hätten reagieren können – und üben damit automatisch neue Handlungsmöglichkeiten für die Zukunft. 

In stressigen Zeiten hilft es, wenn wir die hochkommenden Gefühle laut beschreiben („Mann, bin ich verletzt!“) – so treten wir einen Schritt zurück und nehmen die Beobachterrolle ein. Wenn wir uns laut fragen: „Warum hat mich das eigentlich so getroffen?“, entsteht eine Distanz zum Geschehen, wir erlangen wieder Kontrolle über unsere Gedanken und Gefühle und sind ihnen weniger ausgeliefert. 

4. Klug wie ein Lerncoach 

„Rauf, rüber und hinterm Füßchen durch“ – nicht nur beim Einfädeln einer Hightech-Nähmaschine lernt es sich mit klaren Selbstanweisungen leichter. „Wer sich die einzelnen Schritte eines Bewegungsablaufs laut vorsagt, kann sie oft schneller und besser verinnerlichen“, sagt Sportpsychologe Moritz Anderten. Auch wenn wir uns einen Weg einprägen wollen, verbessert lautes Vorsagen den Merkvorgang. Unsere Umwelt mag sich wundern, aber die Wahrscheinlichkeit, dass wir uns vor Ort richtig erinnern, steigt. 

Ebenfalls enorm hilfreich: die richtigen Fragen zu stellen, gerade bei kniffligen Aufgaben. In der Schule tat das der Lehrer, als Erwachsene können wir dieses System im Selbstgespräch nachspielen. Denn auch beim Basteln oder Reparieren hilft es, sich laut zu interviewen: „Kann das funktionieren?“ oder „Welcher Schritt ist jetzt sinnvoll?“. Was ulkig klingt, führt oft zu einer besseren Lösung. 

Der Psychologe Dietrich Dörner von der Uni Bamberg hat diesen Effekt untersucht: Er und sein Team ließen 17 Studenten Fahrradhalter entwerfen und bauen und beobachteten die Bastler per Video. Einen Teil der Gruppe hatten die Wissenschaftler vorher instruiert, beim Überlegen und Konstruieren mit sich selbst zu reden. Tatsächlich lösten diese Studenten die Aufgabe besonders erfolgreich. „Gedanken sind meistens diffus. Oft bringt das Aussprechen erst Klarheit, mit der man das Problem strukturieren und lösen kann“, erklärt Dörner. 

5. Freundlich wie ein Kommunikationstrainer 

„Jeder Satz, den wir sagen, hat eine Wirkung. Auch der, den wir zu uns selbst sagen“, sagt Coach Karsten Noack und warnt vor der destruktiven Seite des Selbstgesprächs. Deshalb sollten wir den gleichen Respekt und die gleiche Wertschätzung, die wir anderen Menschen entgegenbringen, auch uns selbst gegenüber an den Tag legen. 

Wer sich gern mal auf diesem Kanal breitmacht, dort aber nichts zu suchen hat: der innere Kritiker. „Eine gute Kommunikation mit sich selbst funktioniert im Grunde nach den gleichen Regeln wie die Kommunikation mit anderen Menschen“, sagt Noack. Selbstbeschimpfungen sind nicht hilfreich. „Wer sich selbst als Trottel bezeichnet und sagt: ‚Das hat doch keinen Zweck‘, wird schnell aufgeben“, bekräftigt Anderten. 

Auch auf der positiven Seite sollte man aber realistisch bleiben, denn überzogene Ansprüche machen Druck, anstatt zu motivieren, weiß Anderten. Er rät, bei den Selbstanfeuerungen immer kleine „Erlauber“ einzubauen, sich bei allem Erfolgswillen auch ganz freundlich Fehler zu gestatten. 

Wichtig: die richtige Ansprache. Gerade wenn es um anstrengende Themen geht, gleiten wir gern mal ins „man“ oder in die Möglichkeitsform („Man könnte das Thema mal angehen“). „Solche Formulierungen nehmen einem Selbstgespräch die Kraft“, sagt Anderten. „Viel wirksamer sind die Ich- oder die Du-Perspektive und der klare Bezug zum Hier und Jetzt.“ 

Natürlich gibt es auch Momente, in denen gutes Zureden allein nicht hilft. Wir glauben uns dann einfach nicht, dass wir es schaffen. „Solche Zweifel sollte man achtsam wahrnehmen“, meint der Sportpsychologe. Und sich fragen: „Was fehlt mir, damit ich mich kompetent fühle?“ „Über diese Fragen kommen Sie zum Problem hinter dem Problem. Und könnten sich die Unterstützung organisieren, die Sie benötigen.“