Nina Hoss über ihre Rollen

Schauspielerin Nina Hoss im Lebenslinien-Interview

„Ich lerne jedes Mal, bei jedem Stück. Du bist nie fertig“, so Nina Hoss über Rollen, die sie immer wieder in Bewegung bringen. | © Getty Images | Stefania D'Alessandro
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„Ich lerne jedes Mal, bei jedem Stück. Du bist nie fertig“, so Nina Hoss über Rollen, die sie immer wieder in Bewegung bringen.

Nina Hoss will sich nicht im Kreis drehen, hält die Liebe für eine große Kraft und meldet bei eitlen Männern Widerspruch an. Die Schauspielerin im großen DONNA-Lebenslinien-Interview.

Nina Hoss war ganz früh „Das Mädchen Rosemarie“, 1996 im gleichnamigen TV-Knaller – im Alter von nur 21 Jahren, während sie noch die Schauspielschule besuchte. Den Erfolg nahm sie gelassen, studierte weiter und stieg mit viel Ernsthaftigkeit und Einfühlungsvermögen zu einer der wichtigsten Theater- und Kinodarstellerinnen des Landes auf. Ihre Rollen in „Barbara“ und „A Most Wanted Man“ ernteten auch international großen Beifall. Als sie 2013 vom Deutschen Theater in Berlin an die dortige Schaubühne wechselte, wurde das in der Kulturpresse mit so viel Wirbel gehandelt wie ein hochkarätiger Fußball-Transfer. Zum Gespräch kommt die Schauspielerin (geb. 1975) mit viel Verve und großer Freundlichkeit. Sie hat eine leicht raue Stimme, der man gerne zuhört. Auch sehr schön: Sie lacht viel.

DONNA: Frau Hoss, Sie spielen in dem Film „Rückkehr nach Montauk“ die „eine Liebe im Leben, die man nicht vergisst“, wie Regisseur Volker Schlöndorff es nennt.
Nina Hoss: Das Interessante an dieser Frau ist, dass sie dem Mann nicht ganz abnimmt, dass sie diese große Liebe ist. Er überrumpelt sie nach vielen Jahren: „Du bist die eine, und wenn wir beide dem jetzt nicht nachgehen, verpassen wir etwas.“ Später erst versteht man, dass sie sehr verletzt ist. Sie sind ja nicht gut auseinandergegangen. Trotzdem hat es etwas Verführerisches, wenn ein 60-Jähriger das noch einmal zu einem sagt. Aber auch etwas sehr Eitles, wenn er denkt: „Ich war die Tragik deines Lebens.“ Am Anfang des Drehbuchs habe ich gedacht: „Eigentlich ist sie ja nur eine Projektionsfläche.“ Das hätte ich nicht spannend gefunden. Aber sie tritt aus ihrem Projektionsflächendasein heraus, greift sich ihre eigene Geschichte und schmeißt ihm seine Eitelkeit hin. Das war der Moment, in dem ich dachte: „Jetzt kann ich sie spielen.“

Sie selbst haben einmal gesagt, nachdem Sie Ihrem Mann begegnet sind: „Liebe hat etwas Unausweichliches.“
Wenn es dich trifft, bist du machtlos (lacht). Das habe ich so empfunden. Es ist ein großes Geschenk, wenn man das erleben kann. Und dass man frei genug ist, dem nachzugehen. Es ist ja auch riskant. Es kann wahnsinnig wehtun, wenn’s dem anderen nicht so geht. Man muss sich der Liebe aussetzen und dann gucken, wohin sie einen treibt. Die Liebe fordert einen ganz schön heraus und kann das gesamte Leben umschmeißen. Sie ist eine der großen Kräfte.

Das Zweite, was Volker Schlöndorff gesagt hat: „Nina Hoss ist im Kinoüberlebensgroß.“ Was macht so ein Zitat mit einem?
Aha. Was der alles sagt (lacht). Ich weiß ja von meiner Außenwirkung als Privatperson nichts. Ich hoffe natürlich sehr, dass ich auf der Bühne und der Leinwand eine Außenwirkung habe. Es ist ein großes Kompliment, wenn es jemandem so geht, der mir zuguckt. Ich nehme das an, freue mich und vergesse es wieder. Mit mir selbst macht das nichts.

Gibt es Momente, in denen Sie denken: „Mensch, Nina, jetzt bist du aber ganz schön von dir selbst eingenommen“?
Ich weiß um die Gefahr, neige aber nicht dazu. Wenn man sich dessen bewusst wäre, wäre man ja ein eitler Schauspieler. Ich finde, wenn jemand glaubt zu wissen, wie gut er ist oder wie er wirkt, wird es uninteressant.

Man darf sich also seiner selbst nie zu sicher sein?
Die Schauspielerin Inge Keller, die leider vor Kurzem verstorben ist, spielte in „Faust II“, da war sie 80. Ich habe sie immer auf die Bühne begleitet, weil ich ihren Monolog so großartig fand. Jedes Mal war sie extrem nervös. Ich fragte: „Frau Keller! Hört das denn nie auf?“ Und sie meinte: „Nein, Frau Hoss, das wird immer so sein.“ Es gibt keine Sicherheit. Ich bin immer aufgeregt, wenn ich auf die Bühne gehe, weil man immer etwas zu verlieren hat. 

Was könnte das sein?
Maria Callas, die ja nun die größte Sängerin aller Zeiten ist, zitterte vor jedem Auftritt. Eine Kollegin fragte sie: „Sie sind doch Frau Callas. Wieso sind Sie denn so nervös?“ Ihre Antwort: „Es kann immer sein, dass ich den Ton nicht treffe, dass ich scheitere.“

Das kennen Sie auch.
Absolut. Absolut. Man muss sich immer in ein Risiko reinwerfen. Hätte ich es unter Kontrolle, würde ja nichts passieren.

Nina Hoss und Hans Wagner beim Bayerischen Filmball in München 1997. | © Getty Images | Franziska Krug
© Getty Images | Franziska Krug
Nina Hoss und Hans Wagner beim Bayerischen Filmball in München 1997.

Sie haben einmal gesagt, der goldene Weg im Leben sei ohnehin der, auf dem man immer wieder die Erwartungen durchkreuzt. 
Schon als junges Mädchen hatte ich stark das Gefühl, dass es nach hinten losgeht, wenn man versucht, mich unter Druck zu setzen. Dann drehe ich mich um und gehe. Druck blockiert. Ich finde nichts uninteressanter, als einem anderen Menschen zu sagen: „Du musst Erwartungen erfüllen.“

Weil dadurch vieles nicht entstehen kann?
Mich hat der Maler Francis Picabia unwahrscheinlich beeindruckt. Er hat alle Techniken der Welt beherrscht: Er hat den Dadaismus mit ins Leben gerufen, Gedichte geschrieben, beim Impressionismus angefangen, später kam der Kubismus, der Surrealismus. Er war immer erste Klasse in dem, was er machte. Und jedes Mal, wenn man gesagt hat: „Ah, Picabia ist das und das“, ist er dem wieder ausgewichen. Nicht aus Beliebigkeit. Sondern weil er überzeugt davon war: „Der Kopf ist rund, damit man die Richtung ändern kann.“ Das finde ich sehr befreiend. Man muss auch mal die Richtung ändern. Vor allem, wenn man das Gefühl hat, andere erwarten etwas Bestimmtes. Um lebendig zu bleiben, um sich weiterentwickeln zu können, muss man sich auch die Möglichkeit von Irrwegen erlauben.

Diese Lust auf etwas Neues, auf Richtungswechsel, das haben Ihnen auch Ihre Eltern mitgegeben?
Was sie mir vor allem mitgegeben haben, ist Neugierde. Beide waren unwahrscheinlich neugierig aufs Leben, auf Zusammenhänge. Wenn ich mir den Lebenslauf meines Vaters angucke, fällt auf, dass er nie in etwas stecken geblieben ist. Er hat in der Kommunistischen Partei angefangen und mit Mitte 20 erkannt: „Ich kann nicht mehr dazu stehen. Ich verändere meinen Blickwinkel.“ Er hat die Grünen mitgegründet und musste spätestens beim Afghanistan-Krieg erkennen: „Ihr steht nicht mehr für das, wofür ich kämpfe.“ Bei meiner Mutter war es ähnlich. Sie fing als Schauspielerin an, hat eigene Stücke gemacht, an der Schauspielschule unterrichtet, dann wurde sie Regisseurin, später hat sie zwei Theater geleitet: Beide haben sich nie weggeduckt, sie sind immer mit offenen Augen durchs Leben gegangen.

Steckt diese Furchtlosigkeit auch in Ihnen?
Ich denke, ja. Nicht, dass ich nicht auch Ängste hätte. Man ist immer auch nervös oder frustriert. Das war bei meinen Eltern nicht anders. Was mir aber beide mitgegeben haben, ist ein Grundvertrauen. Eine Art Netz, das einem immer wieder das Gefühl gibt: „Alles gut.“

Das kann man sich nicht stricken.
Nee. Das müssen andere sich ganz schwer erschaffen. Ich habe das als Geschenk bekommen.

Sie wollten als junges Mädchen eine Zeit lang Opernsängerin werden. Vor allem von Maria Callas waren Sie sehr bewegt.
Sie ist so ungefiltert auf die Bühne gegangen. Wenn man Aufnahmen von ihr hört, kann man manchmal gar nicht sagen: Was für eine schöne Stimme! Aber da sind so eine Kraft und ein Ausdruckswille, denen man sich überhaupt nicht entziehen kann. Sie hat absolut verstanden, was in den Figuren, die sie verkörperte, vorgeht.

Von dieser Wucht haben Sie sich schon früh anstecken lassen?
Mich hat es schon im Alter von fünf Jahren auf die Bühne gezogen. Ich habe meine Eltern ziemlich verrückt gemacht: Immer wieder habe ich bei Barbra Streisand oder Whitney Houston mitgesungen, weil ich in die Höhen wollte. Bis meine Mutter nach zwei Jahren sagte: „Vielleicht solltest du mal Gesangsstunden nehmen.“ So kam ich auf die Callas. Mich haben die Kämpfe, die diese Frau geführt hat, fasziniert. Das hört man ihr an, dass sie gekämpft hat. Diese absolute Disziplin, wenn sie singt. Diese Kraft, das ist einfach enorm. Da wusste ich: „Wenn du so etwas machst, kannst du es nie nur halbwegs machen.“ 

Wenn man sich berufen fühlt, muss man über sich herauswachsen? 
Ja. Man muss immer ein bisschen mehr machen als das, was von einem verlangt wird oder was normal ist.

Nina Hoss wurde bei der Verleihung des „Deutschen Filmpreises 2008“ in Berlin als beste weibliche Hauptdarstellerin im Film „Yella“ geehrt. | © Getty Images | Franziska Krug
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Nina Hoss wurde bei der Verleihung des „Deutschen Filmpreises 2008“ in Berlin als beste weibliche Hauptdarstellerin im Film „Yella“ geehrt.

In den Medien heißt es immer, die Nina Hoss sei eine sehr erfolgreiche Schauspielerin, aber eben auch die kühle Blondine, der vieles zufliege. Sind das Klischees, über die Sie insgeheim lachen müssen? 
Eine Weile habe ich mich aufgeregt über diese kühle Blondine. Diese Zuschreibung ist ja so simpel: Man ist halt blond. Auf der anderen Seite ist es ja schon so, dass die Figuren, die ich spiele, meistens sehr beherrscht und kontrolliert sind. Was für mich ganz viel mit unserem Land zu tun hat. Das Protestantisch-Disziplinierte steckt in unserer Kultur und meine Figuren sind eine Spiegelung dessen. Vielleicht wird gerne übersehen, dass meine Figuren im Kampf damit sind. 

Dabei ist in Ihren Figuren ja auch ein großes Beben – etwa in „Barbara“.
Absolut. In ihr ist viel los. Es brodelt ein Vulkan. Und eine Sehnsucht nach dem Loslassen oder dem Kontrollverlust. Das Spannende einer Geschichte ist ja, jemandem beim Kampf zuzusehen oder beim Ringen um eine Freiheit. Sobald du die Kontrolle verlierst, ist die Spannung weg. Der Zustand davor oder danach ist immer interessanter als der, in dem die Kontrolle aufgegeben wird.

Sie haben einmal erklärt, Sie wählen sich nur Rollen aus, die Sie immer wieder neu in Bewegung bringen.
Klar, man erlebt etwas mit den Figuren. Man kann in fremde Charaktere eintauchen, die man erst mal gar nicht versteht. Ich lerne jedes Mal, bei jedem Stück. Du bist nie fertig beim Schauspielen, weil es immer etwas gibt, das dich umwirft oder womit du nicht zurechtkommst. Es kommt vor, dass ich auf die Bühne gehe und das Gefühl habe: Ich kriege das nicht hin. Ich kann das alles gar nicht. 

Als Sie mit dem Film „Das Mädchen Rosemarie“ ganz früh riesigen Erfolg hatten, haben viele gesagt: „Was willst du denn jetzt noch auf der Schauspielschule?“
Die hätte ich auf keinen Fall aufgegeben. Ich war erst im ersten Jahr. Ich wusste, es gibt noch viel zu lernen. Ich spürte auch, dass man mit dem Erfolg sofort in eine Maschinerie gerät. Ich war froh, dass ich nach dem ganzen Wirbel wieder abtauchen konnte, aus dem Licht der Öffentlichkeit verschwinden und einfach wieder Studentin an der Schauspielschule sein. Aufführungen machen, die kein Mensch sieht. Ich durfte dort Trinculo spielen, diesen besoffenen Seemann im „Sturm“, der nicht alle Tassen im Schrank hat. Mit Zipfelmütze und so, ich durfte komisch sein. Niemand hätte mir jemals wieder so eine Rolle gegeben.

Der ganze Rummel um den Film ließ Sie eher kalt?
Ich war auf vielen Titelseiten, saß plötzlich bei „Wetten, dass…?“ und bei Harald Schmidt. Aber ich habe es nicht überbewertet, weil ich das alles gar nicht verstand. Meine Eltern haben keine People-Magazine oder sonst etwas in der Richtung gelesen. Gab’s bei uns nicht. Ich wusste gar nicht, dass es Klatschzeitschriften gibt. Oder dass es Schauspielern wichtig war, darin aufzutauchen. Ich war komplett ahnungslos und deshalb konnte ich es auch genießen. 

Ihre beiden Eltern leben mittlerweile nicht mehr. Wie lebendig sind diese beiden Menschen noch für Sie?
Sehr lebendig, in dem Sinne, dass ich das Gefühl habe, die schwirren um mich herum. Ich glaube zwar nicht daran, dass sie mit mir sind. Aber sie sind in dem, was sie mir aufgezeigt haben, was ich mit ihnen erleben konnte, ganz lebendig. All das habe ich ja in mir. Und insofern sind sie hier. Das hört auch nicht auf.

Der Tod hat sich gar nicht wie ein Verlust angefühlt?
Es war eine große Hilfe für mich, dass ich den Weg mit beiden zu Ende gehen konnte. Ich habe meine Mutter lange gepflegt, weil sie schwer krank war. Das war keine leichte Zeit. Aber meine Eltern haben sich dem Tod so gestellt. Sie konnten gut Abschied nehmen, auch wenn es manchmal ein Kampf war. Mir hat das die Angst vor dem Tod selber genommen. Ich glaube nicht, dass ich es lustig fände, wenn ich dann tatsächlich irgendwann sterben muss. Aber dieser Moment, den ich mit beiden zusammen erlebt habe, hat mir den Schrecken genommen. Der allerletzte Atemzug hat etwas Leichtes.

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Interview: Katja Nele Bode