Freundschaft

Späte Freundschaften: Wie Best Ager neue Bekannte finden

Glückliche Freunde sitzen gemeinsam im Restaurant | © Getty Images | Hoxton, Tom Merton
© Getty Images | Hoxton, Tom Merton
Vielen Menschen fällt es mit zunehmendem Alter immer schwerer, neue Kontakte zu knüpfen. DONNA-Expertin Andrea Wenger zeigt, wie es gelingt, trotzdem auf andere zuzugehen.

Was tun, wenn nach dem Ende einer Partnerschaft auch Freundschaften zerbrechen und sich im Alltag plötzlich die Einsamkeit breitmacht? Psychotherapeutin und Familienberaterin Andrea Wenger gibt Tipps, wie das Knüpfen neuer Kontakte mit über 50 gelingt.

Die Einsamkeit war es, die Helmut (56 Jahre) an einem grauen Dezembertag in meine Praxis geführt hat. Helmut ist Software-Entwickler. Vor zwei Jahren hat ihn seine Frau verlassen. Die Trennung hat Helmut inzwischen gut verarbeitet, nicht aber den Umstand, dass sich mit seiner Frau nach und nach auch alle Freunde verabschiedet haben. Schon während seiner Ehe hat Helmut sich kaum um soziale Kontakte bemüht. Das hat er seiner Frau überlassen. Es waren also eher ihre Freunde als seine. Dementsprechend sind sie nicht mit ihm in Kontakt geblieben. Wollte Helmut sich nicht dauerhaft alleine fühlen, war er gezwungen, sich einen neuen Bekanntenkreis aufzubauen.

Im fortgeschrittenen Alter noch neue Freunde finden – geht das überhaupt? 48 Prozent aller Männer und Frauen bezweifeln das. Schließlich steigen unsere Erwartungen an platonische Beziehungen mit zunehmendem Alter und wir sind viel weniger tolerant als wir es noch im Kindes- und Jugendalter waren. Trotzdem ist es nie zu spät, neue Kontakte zu knüpfen und Bindungen einzugehen. Das ist auch wichtig, denn eine australische Studie hat herausgefunden, dass Freundschaften die Lebenserwartung deutlich erhöhen.

Wer auf der Suche nach neuen Kontakten ist, muss vor allem die Bereitschaft mitbringen, sich auf andere Menschen einzulassen. Sie oder er sollte sich also eine gewisse Offenheit und Aufgeschlossenheit bewahrt haben. Eine Basis aus ähnlichen Interessen ist dabei sicher hilfreich. Die Frage lautet deshalb welchen Interessen man nachgehen oder welchen sozialen Gruppen man sich anschließen möchte. Tanzkurse, Sportgruppen, Sprachkurse, Weiterbildungen, Gruppenreisen, Vereine, Ehrenämter und entsprechende Plattformen im Internet eignen sich beispielsweise dazu, Kontakte zu knüpfen.

Manche Menschen fühlen sich zu schüchtern, um auf andere zuzugehen – aber Small-Talk kann man lernen. Man kann ihn beim Bäcker ebenso üben wie in der U-Bahn, und zwar ohne negative Konsequenzen fürchten zu müssen. Wenn man aktiv wird, wird man früher oder später auch auf eine Person treffen, die interessant wirkt. Dann sollte man nicht zögern, eine Verabredung vorzuschlagen. Absagen können dabei vorkommen. Wichtig ist, davon nicht zu sehr gekränkt zu sein und ganz den Mut zu verlieren. Manchmal haben Absagen weniger mit einem selbst zu tun, als man vermutet. Oft sind sie vielmehr in den persönlichen Umständen der anderen Person begründet.

Kommt ein Kontakt zustande, ist die wichtigste Zutat für das Gelingen einer Freundschaft die Akzeptanz: Es gilt, den anderen so anzunehmen wie er ist, aber auch sich selbst so anzunehmen, wie man nun einmal ist. Echtes Interesse am Gegenüber, seine Gedanken, Umstände und Vorlieben zu kennen und zu respektieren, ihm Anerkennung und Wertschätzung zu geben – all das stärkt eine Beziehung. Es entsteht das schöne Gefühl, sich in Gegenwart des anderen nicht verstellen zu müssen und damit auch die Gewissheit, Konflikte ansprechen zu können, ohne dass dadurch die Beziehung gefährdet ist.

Wir leben in einer Zeit, in der Partner und Jobs wechseln und in der eine eigene Familie nicht mehr selbstverständlich ist. Dies hat Freundschaften in das Zentrum des sozialen Lebens rücken lassen. In Studien wurde festgestellt, dass eine äußerst hohe Loyalität und ein sehr starkes Verantwortungsgefühl neue Phänomene in Freundschaften sind. Zunehmend werden Wohngemeinschaften im Alter gegründet, deren Mitglieder sich zu gegenseitiger Fürsorge und Versorgung verpflichten. Tragfähige Freundschaften sind vielleicht sogar die Rettung in einer Gesellschaft, in der die Familie an Bedeutung verloren hat.

Nachdem wir gemeinsam verschiedene Möglichkeiten überlegt haben, meldete Helmut sich schließlich in einem Internetcafé an. Ohne große Hoffnung und ohne große Lust nahm er an Wanderungen, Sonntagsbrunches und Ü-40-Partys teil. Er wollte schon die Flinte ins Korn werfen, da traf er bei einem Event auf Robert. Robert und er waren sich sympathisch und kamen irgendwie miteinander ins Gespräch. Robert ist verwitwet. Sein Sohn lebt im Ausland. Helmut erzählte Robert, dass er abends oft gegen einen Schachcomputer spielt, weil ihn das entspannt. Robert sagte, früher habe er mit seinem Sohn gespielt. Seither treffen sich die beiden jeden Sonntagnachmittag auf eine Partie und gehen anschließend gerne gemeinsam auf ein Bier.

Entscheidend ist, dass Helmut sich Hilfe gesucht hat. Die Stunden bei mir waren nötig, um sich nicht entmutigen zu lassen. Schließlich hatte sich Helmut über Jahre selbst als sozial untalentiert fantasiert. Es ist aber nie zu spät, um seinem Leben eine neue Richtung zu geben.

 

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